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Film & Serien Berlinale – entlarvender Seidl mit «Paradies: Hoffnung»

«Paradies: Liebe» erfüllte die Erwartungen an Ulrich Seidls gnadenlosen Blick. Und «Paradies: Glaube» löste die zu erwartenden Proteste aus religiösen Kreisen aus. Mit «Paradies: Hoffnung» wäre Seidl in des Teufels Küche geraten, hätte er sie mit der gleichen ungefilterten Direktheit gefilmt.

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Ulrich Seidl: «Ich wollte einen Film über Frauen auf der Suche nach ihrem Paradies machen»
00:37 min
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«Paradies: Hoffnung», gezeigt an der diesjährigen Berlinale, wird seinem Titel gerecht, er geht nicht an die Schmerzgrenze des Publikums, wie die beiden ersten. Dabei möchte man ihm nicht einmal unterstellen, er habe sich davor gefürchtet. Viel wahrscheinlicher geht die (relative) Milde des Blicks einerseits auf das Konzept und den Titel zurück, andererseits auf den ursprünglichen Entwurf. Schliesslich war «Paradies» einst als ein einziger episodischer Frauenfilm geplant. Und darin wäre die (einmal mehr: relative) Zurückhaltung nicht weiter aufgefallen.

Ungewohnt gnädiger Blick

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Ulrich Seidls gnädiger dritter Blick
aus Echo der Zeit vom 09.02.2013. Bild: Keystone
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Die Geschichte der Sextouristin aus «Paradies: Liebe» schockierte in Cannes mit ihrer dokumentarischen Direktheit, jene der Jesusliebenden aus «Paradies: Glaube» löste mit einer sexuell konnotierten Kruzifix-Szene gar kirchliche Proteste aus in Venedig. Beim dritten Teil, dieser Geschichte einer übergewichtigen 13jährigen im Diät-Lager, aber bleibt Seidls Blick ungewohnt gnädig. Hätte er seine 80 Stunden Material wie ursprünglich geplant zu einem einzigen Film geschnitten, hätten sich der gnadenlose und der hoffnungsvolle Blick wohl abgewechselt.

Mit seinen Dokumentarfilmen provozierte Seidl immer mal wieder den Vorwurf, er stelle Menschen bloss. Bei den Spielfilmen arbeitet er mit Laien und Schauspielern ganz ähnlich. Sein Markenzeichen ist die Kamera, die gerade dann nicht wegblickt, wenn es peinlich oder schmerzvoll wird.

Teenager sind grundsätzlich schmerzaffin

Drei Mädchen auf einer Turnbank
Legende: Unter den Jugendlichen im Camp gibt es keine nennenswerten Rivalitäten oder gar Zickenkriege. Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

In «Paradies: Hoffnung» gibt es mehr als genug peinliche Momente und auch schmerzliche. Schliesslich sind Teenager grundsätzlich schmerzaffin, und die Peinlichkeit gehört sozusagen zu ihrer Existenz. Wenn das Mädchen dann auch noch übergewichtig, dreizehnjährig und verliebt in den abgehalfterten Diätarzt des Sommercamps gegen das Gefühl ankämpft, von Mutter und Tante abgeschoben worden zu sein, dann tut das alles schon ganz grundsätzlich weh.

Aber Seidl hat etliche Überraschungen in Petto. Zum einen gibt es unter den Jugendlichen in diesem Camp keine nennenswerten Rivalitäten oder gar Zickenkriege. Sie gehen sogar unerwartet liebevoll miteinander um. Zum anderen holt Seidl aus jeder Begegnung des Mädchens mit dem Cabriot-fahrenden, Jeans und Jacket tragenden, langhaarig-drahtigen Ex-Sonny-Boy-Doktor einen Schuss Zärtlichkeit heraus, der überrascht. Jeder potentielle Missbrauch endet in einer meist auch den Arzt überraschenden Geste des Trostes. Zwei dieser Szenen im Wald haben gar den Charakter einer magischen Heilung.

Seidl unterläuft Erwartungen des Publikums

Meine eigenen Reaktionen und die etlicher Kollegen nach der Vorführung sind ein Hinweis darauf, dass Ulrich Seidl ein Coup gelungen ist. Wer sich in «Paradies: Hoffnung» zuweilen einem Hauch von Langeweile oder einem gedanklichen «naja» ausgesetzt sah, kann nicht anders, als sich selber und seine Konditionierung zu hinterfragen. Denn damit, dass Seidl für einmal nicht völlig an die Schmerzgrenze ging, hat er die Erwartungen seines Publikums unterlaufen – und entlarvt.

Video
Ulrich Seidls Filmtrips in die peinvollen Abgründe der Sexualität
Aus Kulturplatz vom 13.02.2013.
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