Am Ende ging alles ganz schnell. Nur etwa 14 Stunden Beratungszeit brauchten die Geschworenen in Boston, um über das Schicksal des Bombenlegers Dschochar Zarnajew zu entscheiden.
Mehr als zwei Jahre nach dessen Terroranschlag auf den traditionsreichen Marathon in der US-Metropole mit drei Toten und 260 Verletzten steht das Strafmass fest: Zarnajew soll per Giftspritze hingerichtet werden.
Kurz vor der Verkündung ist die Stimmung Berichten aus dem Saal zufolge angespannt. Still kehren Staatsanwälte, Verteidiger und Beobachter an ihre Plätze zurück, als fest steht, dass die zwölfköpfige Jury ihre Entscheidung gefällt hat. «Das einzige Geräusch ist das Tastatur-Geklapper der Journalisten. Unheimlich», twittert ein Reporter des «Boston Globe».
Vertreter aller Seiten, die von dem schwersten Anschlag auf US-Boden seit dem 11. September 2001 betroffen sind, nehmen im Saal Platz, darunter auch der zuständige FBI-Agent und die Eltern des achtjährigen Jungen, der bei der Explosion ums Leben kam. Auch Polizeichef Ed Deveau ist da, der keinen Tag des viel beachteten Prozesses verpasste.
Zarnajew nimmt das Urteil ruhig entgegen
Zarnajew sitzt wie im Verlauf des gesamten Prozesses ruhig an seinem Platz, flankiert von seinen Verteidigerinnen Judy Clarke und Miriam Conrad. Der 21-Jährige trägt wie gewohnt ein Hemd mit Kragen und ein dunkles Jackett, wie Reporter berichten.
Als die Geschworenen den Saal betreten, übergibt eine Jury-Vertreterin dem Gerichtsbediensteten einen Umschlag, der ihn an Richter George O'Toole weiterreicht. Zarnajew steht nun, blickt nach unten und faltet seine Hände. Die Geschworenen scheinen ihn nicht direkt ansehen zu wollen.
Und dann folgt das Strafmass. Zarnajew soll mit einer Giftspritze hingerichtet werden, weil er zwei Menschen mit der von ihm abgestellten Schnellkochtopf-Bomben tötete. Das dritte Opfer starb durch den Sprengsatz seines älteren Bruders Tamerlan.
Die Geschworenen entscheiden sich dagegen, Zarnajew auch wegen der Tötung des Polizisten Sean Colliers zum Tode zu verurteilen. Letztlich reichte aber Einigkeit der Jury in einem von 17 Anklagepunkten, auf denen die Todesstrafe stand. Insgesamt war der Amerikaner tschetschenischer Abstammung in 30 Punkten angeklagt.
Nicht nur Erleichterung
Wer glaubt, die Stadt atme nun erleichtert auf, liegt falsch. Nicht nur die Eltern des getöteten Achtjährigen hätten darauf gedrängt, von einer Hinrichtung Zarnajews abzusehen. Denn nun dürfte ein womöglich jahrelanger Berufungsprozess beginnen, der das blutige Grauen jenes 15. April 2013 immer wieder ins Bewusstsein der Bewohner von Boston rücken wird.
Massachusetts' Gouverneur Charlie Baker sieht das anders: «Ich hoffe, dies entspricht irgendeiner Art von Abschluss für all diejenigen, die von dieser Tragödie betroffen sind.»
Er habe selbst eine Frau und drei Kinder, sagt der Republikaner, der die Todesstrafe an sich unterstützt und auch im Fall des Boston-Bombers dafür plädierte. «Wenn Sie am falschen Ort zur falschen Zeit am falschen Tag stehen», könnten sich die Dinge auf eine so schreckliche Weise entwickeln, wie man es nie für möglich gehalten habe.
Die Meinung einer Überlebenden des #Bostonbombing
Auch aus Sicht der US-Regierung kehrt nun Gerechtigkeit ein. Der Attentäter habe einen fairen Prozess bekommen, sagt Staatsanwältin Carmen Ortiz. Zarnajew habe «kalt und gefühllos einen Terroranschlag verübt», teilt Justizministerin Loretta Lynch mit. Kein Strafmass könne das Leid der Opfer lindern. «Aber die höchste Strafe ist eine angemessene Ahndung für dieses schreckliche Verbrechen.»
Boston Marathon: Eine Chronologie der Anschläge
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Bild 1 von 26. 15. April 2013: Zwei Sprengsätze explodieren im Zielbereich des Marathons in Boston. Bildquelle: Reuters.
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Bild 2 von 26. Panik bricht unter den Läufern, Betreuern und Zuschauern aus. Überall liegen Verletzte, der Rauch der Explosion schwebt noch in der Luft. Retter und Zuschauer eilen zu den Opfern und versuchen zu helfen. Noch ist vieles ungewiss. Bildquelle: Keystone.
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Bild 3 von 26. An dem ältesten Marathon-Lauf der Welt nehmen rund 23'000 Sportler teil, eine halbe Million Zuschauer säumt die Strassen, als es zu den Explosionen kommt. Bildquelle: Keystone.
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Bild 4 von 26. Rettungskräfte bringen Verletzte in umliegende Spitäler. Durch die Explosionen wurden zahlreichen Opfern Gliedmassen abgerissen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 5 von 26. Die Teilnehmer versuchen vergebens ihre Bekannten zu erreichen. Denn kurz nach den Explosionen schalten die Sicherheitskräfte vorübergehend das Mobilfunknetz in Boston ab, um mögliche Fernzündungen weiterer Sprengsätze zu verhindern. Bildquelle: Keystone.
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Bild 6 von 26. Die Sprengsätze haben die Attentäter in Dampfkochtöpfe deponiert und in Rücksäcken auf den Boden zwischen die Menschenmenge gestellt – und dann per Eieruhr ferngezündet. Bildquelle: Keystone.
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Bild 7 von 26. Die Trauer ist gross: Beim Attentat sterben drei Zuschauer, darunter ein 8-jähriger Junge. Über 260 werden verletzt. Bildquelle: Keystone.
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Bild 8 von 26. 16. April 2013: US-Präsident Barack Obama spricht von einem «Terrorakt». Mehr als 1000 Fahnder sind im Einsatz. Für Hinweise über die Attentäter setzt die Feuerwehr eine Belohnung von 50'000 Dollar aus. Bildquelle: Keystone.
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Bild 9 von 26. Es ist der schwerste Bombenanschlag in den USA seit dem 11. September. Einige Stunden nach dem Attentat beginnen bereits die ersten Ermittlungen vor Ort. Bildquelle: Keystone.
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Bild 10 von 26. Überall in Boston werden die Polizeipräsenz und Sicherheitskontrollen erhöht. Auch in anderen Städten der USA wird die Sicherheitsstufe erhöht – wie hier in Los Angeles. Bildquelle: Reuters.
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Bild 11 von 26. 18. April 2013: Mit einem grossen Trauergottesdienst in der Heiligkreuz-Kathedrale gedenkt Boston der Opfer. Präsident Obama ruft die Amerikaner auf, dem Terror zu trotzen. «Die Bombe kann uns nicht besiegen. Wir machen weiter!». Bildquelle: Keystone.
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Bild 12 von 26. 18. April 2013: Das FBI veröffentlicht erste Fahndungsbilder zweier verdächtiger Personen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 13 von 26. Das FBI ist ihnen dank zahlreichen Fotos und Videos aus der Bevölkerung und von Überwachungskameras auf die Spur gekommen. Das Brüderpaar Tamerlan (links) und Dschochar Zarnajew aus Tschetschenien lebt legal in den USA. Bildquelle: Keystone.
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Bild 14 von 26. Spezialkräfte in Watertown: Bei der Suche nach den Zarnajews soll es sich um den grössten Polizei- und Militäreinsatz seit den Anschlägen des 11. September 2001 gehandelt haben. Bildquelle: Reuters.
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Bild 15 von 26. 18. April 2013: Schochar und Tamerlan Zarnajew schiessen auf der Flucht einen Polizisten auf dem Campus der Eliteuniversität MIT nieder. Der Beamte wird später im Krankenhaus für tot erklärt. Die Brüder fliehen und nehmen eine Geisel. Eine halbe Stunde später lassen sie sie aber wieder frei. Bildquelle: Keystone.
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Bild 16 von 26. 19. April 2014: Polizeibeamte liefern sich eine Verfolgungsjagd mit den Brüdern. Sie erwidern das Feuer der Einsatzkräfte und werfen Sprengsätze. In Watertown, einem ruhigen Wohnort im Westen Bostons, eskaliert die Situation. Bildquelle: Keystone.
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Bild 17 von 26. Tamerlan Zarnajew wird mehrfach getroffen. Dschochar gelingt es, zu fliehen. Als er in dem gestohlenen Auto davon fährt, überrollt er seinen schwer verletzten Bruder. Dieser stirbt später im Spital – an den Folgen der Schussverletzungen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 18 von 26. 10'000 Einsatzkräfte suchen mittlerweile nach Dschochar Zarnajew: Die Bewohner von Watertown müssen fast 24 Stunden in ihren Häusern bleiben, mehrere Strassenzüge werden evakuiert. Bildquelle: Reuters.
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Bild 19 von 26. Die Polizei von Boston beginnt damit, von Haus zu Haus zu gehen und den gesamten Ort zu durchsuchen. Bildquelle: Reuters.
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Bild 20 von 26. Das öffentliche Leben ist lahmgelegt: Autos, Busse, U-Bahnen und Taxis, selbst die Fernzüge fahren nicht. Bildquelle: Keystone.
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Bild 21 von 26. Ein Anwohner in Watertown gibt den entscheidenden Hinweis, der zur Verhaftung Dschochars führt. Er bemerkt Blutspuren an seinem Boot im Garten. Bildquelle: Reuters.
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Bild 22 von 26. Der Bombenleger hat sich in Watertown, einem Vorort von Boston, in einem trockengelegten Boot versteckt – wie dieses Bild einer Wärmebildkamera eines Hubschraubers zeigt. Bildquelle: Keystone.
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Bild 23 von 26. Polizisten nehmen Dschochar fest. Der 19-Jährige lieferte sich noch kurz vor seiner Festnahme ein Feuergefecht mit der Polizei. Er wurde unter anderem an Kehle und Zunge verletzt. Bildquelle: Keystone.
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Bild 24 von 26. In Watertown, wo Dschochar Zarnajew aufgespürt wurde, ist der Jubel nach der Festnahme gross. Bildquelle: Reuters.
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Bild 25 von 26. 20. April 2012: «An diesem Abend steht unsere Nation in der Schuld der Bewohner von Boston und Massachusetts», sagte Präsident Obama in einer ersten Reaktion. Er dankte den Einsatzkräften und lobte die Koordination der Sicherheitsbehörden. Die grosse Frage sei nun, warum die Brüder, sich gegen dieses Land gewendet haben. Bildquelle: Reuters.
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Bild 26 von 26. Dschochar Zarnajew werden insgesamt 30 Anklagepunkte zur Last gelegt, darunter vierfacher Mord und der Gebrauch einer Massenvernichtungswaffe. Am 10. Juli 2013 steht der mutmassliche Boston-Bomber erstmals vor Gericht. Er erklärte sich bei allen Anklagepunkten für nicht schuldig. Bildquelle: Keystone.