Die Ökologin Helga Küchly steht auf einem kleinen Hügel in einem Berliner Park. Es ist eine wolkenlose Juninacht – ideal, um nach Sternen zu suchen. Die junge Wissenschaftlerin startet die «Verlust der Nacht»-App auf ihrem Smartphone, legt den Kopf in den Nacken und hält ihr Display in Richtung Nachthimmel.
Auf dem Bildschirm ist eine Sternenkarte zu sehen. Ein roter Kreis samt Pfeilspitze weist die Richtung, in der sich der erste zu suchende Stern befindet und in die das Smartphone bewegt werden muss. Dabei leitet die App den Nutzer nach und nach von sehr hellen zu eher dunklen Sternen. So lässt sich ausloten, wie viele Sterne zu sehen sind und wie hell der Himmel demnach ist.
Digitale Sternensucher
«Wir suchen als erstes Stern Arktur», erläutert Helga Küchly vom Forschungsprojekt Verlust der Nacht, «je näher wir dem Stern kommen, desto größer wird der Kreis auf dem Display.» Als der Stern schliesslich am Nachthimmel gefunden ist, weitet sich der Kreis enorm. Dass er es wirklich ist, lässt sich auch auf der Sternenkarte überprüfen – durch den Vergleich mit umliegenden Sternen.
Nun kann das Suchergebnis in die App eingetragen werden. Helga Küchly tippt auf das Feld «sichtbar». Auswählen lassen sich aber auch die Felder «unsicher», wenn man nicht weiß, ob man den richtigen Stern gefunden hat, oder «nicht sichtbar». Im letzten Fall fragt die App genau nach, warum man den Stern nicht sehen konnte. Möglicherweise haben ihn Wolken verdeckt.
Karte der Lichtverschmutzung
Durch die detaillierte Nachfrage lassen sich die Messergebnisse besser einordnen, erklärt die Biologin Annette Krop-Benesch, die sich für das interdisziplinäre Forschungsprojekt mit den Auswirkungen von Licht auf unseren Biorhythmus beschäftigt. «Mindestens sieben Sterne müssen gemessen werden, anschliessend werden die Ergebnisse automatisch an eine Datenbank geschickt», ergänzt sie.
Betrieben wird die Datenbank vom US-Forschungsprojekt Globe at night, das mit dem deutschen Projekt Verlust der Nacht kooperiert. Globe at night nutzt die Daten von Menschen auf der ganzen Welt, um die Helligkeit des Himmels anhand der sichtbaren Sterne zu bestimmen. Mit den eingegangenen Daten erstellen die Forscher eine globale Karte der Lichtverschmutzung. So lassen sich die Folgen des künstlich aufgehellten Nachthimmels besser abschätzen.
Folgen der künstlichen Beleuchtung
«Von schwangeren Mäusen ist beispielsweise bekannt, dass durch einen Jetlag erhebliche Schwangerschaftskomplikationen auftreten können», erzählt Christopher Kyba von der Freien Universität Berlin. Und so ein Jetlag kann durch künstliche Beleuchtung entstehen, der auch wir ständig ausgesetzt sind.
Auch Helga Küchly spürt in dieser Nacht den Folgen der künstlichen Beleuchtung nach – und sie erweiterte dabei den globalen Datensatz zur Lichtverschmutzung. Von sieben gesuchten Sternen hat sie nur vier entdeckt. Wie in so vielen dicht besiedelten Regionen sind auch in Berlin nur noch wenige Sterne am Nachthimmel zu sehen.
Vor allem aus der Schweiz, aus Deutschland, Österreich und den USA sind solche Messergebnisse bisher eingegangen. Mitmachen kann dabei jeder, der ein Android Smartphone besitzt und der sich die kostenlose App aus dem Playstore herunterlädt. Schon in der nächsten wolkenlosen Nacht kann man dann einfach sein Smartphone herausziehen, den Kopf in den Nacken legen und nach den Sternen sehen.