Zugegeben: Beim Fussball ertappe ich mich zuweilen, wie ich plötzlich mitfiebere. Grundsätzlich finde ich Fussball aber langweilig. Zu oft und zu lange steht es 0:0 oder 1 :0 oder 1:1, wenn ich dann doch mal ein Spiel verfolge.
Wenn nicht die Söhne davon angefressen wären, Fussball fände in unserem Haushalt nicht statt. Skirennen? Gähn. Velorennen: Stunden später und sie fahren immer noch…? Nein, mit Sport am Bildschirm müssen Sie mir nicht kommen.
Demut
Und doch gibt’s Sport im Hause Senn – zum Beispiel Baseball, weil der eine Sohn es spielt. Dann Basketball, weil der andere dort Körbe wirft. Da greift er dann eben doch, der Sport.
Ergreift. Denn klar hoffe ich. Und leide, wenn’s schiefläuft. Erlebe mit, was Leidenschaft bedeutet, Ehrgeiz. Und Siegestaumel. Oder Niederlage. Da werde ich dann doch auch demütig angesichts dessen, was Menschen aus sich selbst hervorbringen. Und zwar ganz grundsätzlich. Anerkenne den Sport als Glanzleistung menschlichen Seins.
Körper- und Geistespflege
Ich bin beeindruckt von der sportlichen Vielfalt, beeindruckt von den darin erbrachten Leistungen. Wenn ich auch das Gefühl nicht loswerde, dass wir länger schon auf hohem Niveau stagnieren. Beispiel Ski alpin: Drei Hundertstel oder vier Hundertstel… Ist das noch Zeit?
Sport findet bei mir dann Gnade, wenn er konkret ist. Denn ganz ohne Zweifel gehört er zum Unterhalt eines menschlichen Körpers mit dazu. «Mens sana in corpore sano» – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, ich glaube daran. Und sei es nur, um mit zunehmendem Alter den Rücken zu stärken und die Gelenke beweglich zu halten. Oder um zu wandern. Nur Churchill durfte ungestraft «No sports» verkündigen. Er hatte schliesslich einen Krieg zu führen.
Krieg und Gemeinschaft
Überhaupt: Sport und Krieg. Da gibt’s Gemeinsamkeiten. Nicht nur wegen der unausweichlichen Dualität von Sieg oder Niederlage. Sport ist – seien wir ehrlich – rohe Gewalt. Gebändigt und gleichzeitig freigesetzt, zum Beispiel in einer Fussballerwade. Festgeschrieben sind die Regeln. Und auch die Zeit der kriegerischen Handlung ist zeitlich begrenzt.
Die Feste des Sports sind ein unverzichtbarer Bestandteil menschlicher Gesellschaften, haben mithin Ritualcharakter. Religionsphilosophisch gesprochen ist der Wettkampfsport ein von den Menschen selbst herbeigeführtes Ereignis höchster Erregung und Aggression. Kollektiv wird ein kämpferisches Geschehen durchlebt, von dem die Gemeinschaft als Ganzes profitiert.
Sport über alles
Sport ist überall, weltweit, jederzeit. Auf Bildschirmen, in Vereinen, in Träumen. Sport ist allgegenwärtig und eigentlich nur das Abbild unserer Lebens- und Wirtschaftsweise. Schneller, höher, weiter, teurer, mehr.
Und genau deshalb interessiert mich Sport wieder und bekommt von mir sechs Stunden Zeit im Programm von SRF 2 Kultur. Denn Sport ist Kultur. Und Kultur ist auch für Sportmuffel interessant.