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Kinostart von «Vous n’aurez pas ma haine»
Aus Kultur-Aktualität vom 09.11.2022. Bild: TOBIS Film GmbH
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Filme über Bataclan-Anschläge «Meinen Hass bekommt ihr nicht»: Diese Filme machen Hoffnung

Wie überwindet man ein Trauma wie die Terroranschläge von Paris 2015? Gleich vier Spielfilme suchen nach Antworten.

«Ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn es das ist, was ihr wollt. Auf den Hass mit Wut zu antworten, hiesse, der gleichen Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid.»

Mit diesen Worten wendet sich der Journalist und Autor Antoine Leiris auf Facebook an die Attentäter, nachdem seine Frau beim Anschlag auf das Pariser Konzertlokal Bataclan vor sieben Jahren ums Leben gekommen ist. Der Beitrag geht um die Welt.

Aus Sicht der Opfer

«Meinen Hass bekommt ihr nicht» ist auch der Titel seines Romans, in dem Leiris später seine traumatische Erfahrung verarbeitet. Darauf basiert ein gleichnamiger Film, der jetzt im Kino startet.

Der deutsche Regisseur Kilian Riedhof zeigt darin einen zerrissenen Antoine Leiris (dargestellt von Pierre Deladonchamps). Einen Vater, der seinem knapp zwei Jahre alten Sohn das Unfassbare erklären muss: dass Mama nicht mehr nach Hause kommt. Und der sich trotzdem für die Hoffnung entscheidet.

«Liebe ist mühsam, aber sie ist das beste Mittel gegen Hass», erklärt Regisseur Kilian Riedhof. Auch deshalb war für ihn klar, dass er konsequent aus der Perspektive der Opfer erzählen will. Die Täter sind im Film nie zu sehen.

Mann mit blonden Haaren, schiebt Kinderwagen durch die Strasse, um ihn Polizisten.
Legende: Antoine Leiris verliert die Liebe seines Lebens – und muss lernen, mit seinem Sohn zurück in den Alltag zu finden. TOBIS Film GmbH

«Die Gefahr bei so einem Stoff ist, dass man Tätern eine Bühne gibt, sie glorifiziert», meint Riedhof. «Die Perspektive der Opfer, diese Ohnmachtserfahrung, kommt meistens zu kurz.»

Viermal Trauma als Thema

Den Tätern möglichst keine Bühne geben: Diesem Prinzip folgen auch die drei anderen Filme, die sich mit den Anschlägen befassen – wenn auch nicht so konsequent wie Kilian Riedhof.

«Novembre» des Franzosen Cédric Jimenez fokussiert im Stil eines Thrillers auf die Jagd nach den Tätern, aus der Perspektive der Polizei.

ein Mann und eine Frau sitzen an der Bar, dunkles Licht, dahinter violett-rosa Lichter
Legende: Mia überlebt ein Attentat in Paris. Um weitermachen zu können, versucht sie sich an das Erlebte zu erinnern. 2022 Dharamsala – Darius Films – Pathé Films – France 3 Cinéma

In «Revoir Paris» (Alice Winocour) versucht eine Überlebende, durch die Rekonstruktion der Schreckensnacht ihr Trauma zu überwinden. Auch die spanische Produktion «Un año, una noche» (Isaki Lacuesta) widmet sich dem Umgang mit dem Trauma.

Dass sich gerade jetzt vier Filme mit den Anschlägen von Paris beschäftigen, dürfte dem Zufall geschuldet sein. Beziehungsweise der Tatsache, dass Finanzierung und Umsetzung solcher Filmprojekte meist ein paar Jahre dauern und sie jetzt so weit sind.

Terroranschläge von 2015 in Paris

Box aufklappen Box zuklappen

Am 13. November 2015 verübten islamistisch motivierte Attentäter terroristische Anschläge an fünf verschiedenen Orten in Paris, darunter in der Umgebung des Stade de France und im Bataclan-Theater. 130 Menschen wurden getötet und Hunderte weitere verletzt.

Nach einem langen Prozess wurden im vergangenen Sommer 19 von 20 Angeklagten für schuldig befunden und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Der Fokus der Filme auf die Zeit nach den Anschlägen hingegen, auf den Umgang mit dem Durchlebten, ist kein Zufall. Filme wie «Meinen Hass bekommt ihr nicht», die sich dem Trauma mit viel Feingefühl annehmen, können im besten Fall selbst zu dessen Verarbeitung beitragen.

Mann mit Dreitagebart schaut resigniert hoch, trägt Schutzweste.
Legende: In «Novembre» sind die Polizisten im Fokus. Die Suche nach den Attentätern ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Studiocanal

Das hofft auch Kilian Riedhof: «Kunst und Film im Speziellen können durch ein kollektives Erleben dazu beitragen, dass Wunden heilen. Weil es Bewusstsein schafft. Weil es Erinnerungen zurückbringt. Das haben uns auch Leute in Paris nach den Aufführungen gesagt.»

Es sind aufwühlende Filme. Die persönlichen Geschichten gehen einem nah, manchen vielleicht zu nah. Doch sie geben auch Hoffnung: Dass man Horror und Hass mit Menschlichkeit begegnen kann, dass einzelne Menschen und eine Gesellschaft ein solches Trauma überwinden können. Eine wichtige und sehr aktuelle Botschaft.

«Meinen Hass bekommt ihr nicht» läuft seit dem 10. November im Kino.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 09.11.2022, 17:20 Uhr.

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