Peter Greenaway sagte es vor 30 Jahren schon, und er sagt es auch heute noch: «Die grosse Tragödie des Kinos, und das hätte nicht sein müssen, besteht darin, dass wir bei Schreiber-Filmen gelandet sind. Dabei bräuchten wir Maler-Filme!»
Der Brite im Mafia-Look
In seinem gewohnten Nadelstreifen-Anzug sitzt mir der 80-jährige verschmitzte Gentleman in einem kleinen Zürcher Hotel gegenüber, so charmant und hellwach wie immer. Ein Engländer im Mafia-Look, der seit Jahren in Holland lebt, aber mit all seinen Filmen und Projekten stets ein unnachahmlich britisch-schwarzhumoriges Geschichts- und Kunstwissen ausbreitet.
Nein, storygetriebenes Quassel-Kino war nie seins. Bilder sind es, die einem von Peter Greenaways Filmen in Erinnerung bleiben. Im Zeitraffer faulende Äpfel oder eine zerfallende Fuchsleiche in «A Zed & Two Noughts» (Z00, 1985).
Oder der zum barocken Festmahl knusprig gebratene Liebhaber der Frau des Diebes im Film, der seinen erzählerischen Inhalt ironisch im Titel trägt: «The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover» (1989).
Sex, Mord und ein bisschen Dialog
Peter Greenaways Filme, die ihn in den 1980er- und 90er-Jahren berühmt und berüchtigt machten, sind aufgeladen mit der ganzen menschlichen Kunstgeschichte und zugleich verspielt, ironisch und erschreckend unterhaltsam.
Dialoge gibt es auch bei ihm, aber vor allem, weil Menschen nicht nur Sex haben oder morden, sondern eben auch reden. In «Drowning By Numbers» (1988) bringen drei Generationen von Frauen ihre Männer um, mit gutem Grund und in einem Greenaway'schen Zahlensystem.
Aber er hat sich auch schon am Alphabet orientiert. Oder an der Periodentafel der Elemente: Ordnung ist arbiträr, der Mensch ordnet, um sich an etwas festzuhalten.
Bilder gegen die Vergänglichkeit
Zur Natur gehöre Zerfall und Veränderung, sagt Greenaway, die Welt sei letztlich Chaos. Mit Zeichnen und Malen habe er als Teenager versucht, der Vergänglichkeit der Welt etwas Substanz entgegenzuhalten. Sein ursprünglicher Berufswunsch war denn auch Maler.
Gelandet ist er – auf dem Umweg über die staatliche britische «Propagandaabteilung» Central Office of Information – beim Film. Und ab der Jahrtausendwende dann auch beim multimedialen Spektakel-Spiel, etwa in seiner Basler Totentanz-Installation von 2013.
Bilder wirken viel besser gegen die Vergänglichkeit. Die Griechen hätten das Leben zwischen Eros und Thanatos gestellt, zwischen Zeugung und Tod. Greenaway bezeichnet sie als die beiden unvermeidlichen Buchstützen unserer Leben.
Will er doch alt werden?
So hat Peter Greenaway vor vielen Jahren dem «Guardian» erklärt, mit 80 werde er sich umbringen. Kein Künstler habe über dieses Alter hinaus noch etwas geleistet.
Die trotzige Ankündigung war wohl vor allem ein weiterer Versuch, das Chaos des Lebens über ein Bild in unseren Köpfen zu kontrollieren. Jedenfalls lächelt er bloss, als ich ihn vorsichtig darauf anspreche. Immerhin ist Peter Greenaway nun schon ein paar Monate 80 und er geniesst das Leben und die Arbeit und – ganz offensichtlich – seine Auftritte.
Er sei sich nicht einmal mehr sicher, dass der Tod unausweichlich sei, erklärt er jetzt grinsend. Vielleicht sei das seine nächste Herausforderung.
Natürlich geht er seine eigene Herausforderung wieder mit Bildern an. Sein nächster Film – mit Schauspieler Morgan Freeman – hat Drehstart im September. Der Film stelle die Frage, ob der Tod überhaupt nötig sei. «A provocation!», ergänzt Greenaway mit leuchtendem Gesicht.