Dunkle Gänge, tropfendes Wasser, eine Salve aus der Maschinenpistole. Dazu schreit eine Frauenstimme, während eine heisere Männerstimme «Der Hexer» haucht. Im Hintergrund groovt der Sound von Peter Thomas, irgendwo knarrt eine Tür. Willkommen im Edgar-Wallace-Universum, einer Welt voller Verbrechen, Geheimnisse und düsterem Humor. Mit Filmen wie «Der Frosch mit der Maske» oder «Das indische Tuch» schuf das deutsche Kino eine unverwechselbare, abseitige Ästhetik, die bis heute fasziniert.
Hochspannung, morbide Kulissen, doppelbödige Charaktere: Die Edgar-Wallace-Filmreihe der 1960er-Jahre brachte britischen Krimigrusel ins deutschsprachige Kino – und schrieb damit Filmgeschichte der besonderen Art.
Bestseller, reif für die Leinwand
Edgar Wallace, am 1. April 1875 in ärmlichen Verhältnissen geboren, stieg vom Zeitungsverkäufer zum gefeierten Bestseller-Autor auf. Seine Romane boten genau das, was das Publikum suchte: fesselnde Geschichten mit irrwitzigen Morden und seltsamen Figuren.
In den 1960er-Jahren erlebten seine Werke eine Renaissance: Die roten Goldmann-Taschenbücher verkauften sich prächtig, und die Filme – frei nach Wallace Welt adaptiert – wurden ein Garant für spannende Kinoerlebnisse und innovative Stilmittel.
Vom Krimi zum Kult
1959 startete Produzent Horst Wendlandt die Edgar-Wallace-Filmreihe mit «Der Frosch mit der Maske». Sie belebte das deutsche Kino und löste den Heimatfilm mit einem Paukenschlag ab. Wendlandt brachte britischen Krimiflair, gepaart mit einer Prise Horror und Slapstick, auf die Leinwand.
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Bild 1 von 4. In «Der Frosch mit der Maske» (1959) terrorisiert eine mysteriöse, maskierte Figur London – mit einer Serie von Raubüberfällen. Bildquelle: IMAGO images/Allstar.
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Bild 2 von 4. «Der Hund von Blackwood Castle» dreht sich um eine Mord-Serie, die von einem riesigen Hund begangen wird. Ein Polizeiarzt vermutet, dass die tödlichen Bisse auf die Verwendung von Schlangengift hinweisen. Bildquelle: IMAGO/United Archives.
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Bild 3 von 4. Im Film «Die blaue Hand» verfolgt ein Inspektor einen aus einer Irrenanstalt entflohenen Patienten, während eine Gestalt mit einer blauen eisernen Hand eine Serie von Morden begeht. Bildquelle: IMAGO/United Archives.
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Bild 4 von 4. Im Film «Der Mann mit dem Glasauge» wird Inspektor Perkins in eine düstere Welt aus Mord und Menschenhandel gezogen, als er den Tod eines Mannes untersucht, der ein geheimnisvolles Glasauge bei sich trägt. Bildquelle: IMAGO/United Archives.
Schauspielgrössen wie Joachim Fuchsberger, Brigitte Horney, Elisabeth Flickenschild oder Fritz Rasp gehörten zum Aufgebot, und Klaus Kinski gab den Irren vom Dienst, stets unberechenbar und charismatisch.
Flirt mit der Unterwelt
Die Edgar-Wallace-Filme zogen den Vorhang zur Unterwelt auf: Falltüren, Giftbäder, Folterkeller – die Gefahren lauerten überall. Helden wie Joachim Fuchsberger, Heinz Drache oder Karin Dor retteten unschuldige junge Frauen vor Superschurken wie «dem Zinker» oder «dem Hexer» – oft in letzter Minute.
Ein Markenzeichen der Filme war die Musik. Komponisten wie Peter Thomas schufen mit eigenwilligen Jazz-Elementen, Soundeffekten und experimentellen Klängen eine akustische Welt, die ebenso skurril und wunderlich wirkte wie die Geschichten selbst. Parodie und Schauereffekt gingen oft Hand in Hand. Ein Edgar-Wallace-Film ohne wimmernde Klänge oder peitschende Knackbässe? Unvorstellbar.
Ein Vermächtnis mit Twist
Die Edgar-Wallace-Filme waren mehr als einfache Krimis: Sie spiegelten gesellschaftliche Ängste der Nachkriegszeit wider. Das Unbekannte, das Bedrohliche und der Bruch mit Konventionen wurden in surrealen, manchmal humorvollen Bildern dargestellt.
Anfang der 1970er-Jahre wurde die Reihe von italienischen Produzenten fortgeführt, verlor aber ihren ursprünglichen Reiz – die unverwechselbare Mixtur aus Grusel, Komik und Krimi.