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Ahmad Mansour: «Wir brauchen neue Bildungsprojekte»
Aus Kultur Extras vom 14.01.2015.
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Gesellschaft & Religion «Islamische Jugendliche brauchen neue Vorbilder»

Damit sich muslimische Jugendliche nicht radikalisieren, müssen Schulen in die Pflicht genommen werden. Davon ist Ahmad Mansour überzeugt. Der Berliner Psychologe weiss, wovon er spricht – er war früher selbst Islamist.

Ahmad Mansour

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Legende: Ahmad Mansour/Wikimedia

Geb. 1976 in Israel, wuchs Ahmad Mansour in einer nicht-religiösen Familie auf. Seit 2004 lebt er in Deutschland. Heute arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur in Berlin. Seine Schwerpunkte sind Salafismus, Antisemitismus und Probleme bei Migranten muslimischer Herkunft.

Ahmad Mansour, Sie waren als Jugendlicher selbst Islamist. Wie ist es dazu gekommen?

Ich war damals 13, ein Streber und wurde gemobbt. Und ich war auf der Suche nach sozialen Kontakten. Mein Arabischlehrer erkannte dies, er hat mich angesprochen, und ich ging zu seinem Koranunterricht.

Die ersten Monate waren harmlos. Aber bald wurde die Ideologie des Unterrichts deutlich: Es war eine Ideologie des Hasses. Ich fand darin meine Mission und Aufgabe, habe mich gegenüber anderen abgegrenzt und gegen meine nicht-religiösen Eltern rebelliert. Erst viel später bemerkte ich, dass mich diese Ideologie in eine falsche Richtung führt.

Wie sind Sie da wieder herausgekommen?

Der Prozess hat Jahre gedauert. Ich habe angefangen, Fragen zu stellen und Bücher zu lesen. Und ich habe meine «Feinde» kennengelernt und bemerkt: Es sind keine Feinde, sondern Menschen.

Wie werden Jugendliche zum Radikalismus verführt?

Ich sehe immer wieder, dass Jugendliche auf der Suche nach Identität sind. Bei radikalen Islamisten finden sie eine ausschliessende Ideologie – das heisst, sie dürfen die Mehrheitsgesellschaft, die sie ablehnt, nun auch ablehnen. Sich aufwerten und andere abwerten, das wirkt auf junge Menschen attraktiv. Ausserdem bekommen die Jugendlichen Aufgaben und damit das Gefühl, eine Mission in ihrem Leben zu haben.

Was sind Ihre Methoden, die Jugendlichen vor der Radikalisierung zu bewahren?

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«Kritisches Denken ist zentral für die Demokratie»
Aus Kultur Extras vom 14.01.2015.
abspielen. Laufzeit 58 Sekunden.

Gewinnend arbeiten. Wir müssen den Jugendlichen das Gefühl geben, dass sie dazugehören und Teil dieser Gesellschaft sind. Dann kann man ihnen Vorbilder zeigen, die anders denken, die in ihnen das kritische Denken fördern. Das ist das Wichtigste.

Wir sind konfrontiert mit einer Generation von Jugendlichen, die zuhause nicht gelernt hat, kritisch zu denken: Viele von ihnen kommen aus patriarchalischen Strukturen, haben etwa Väter, die keine Zweifel zulassen. Das steht oft am Anfang solcher Attacken, wie sie in Paris vorgekommen sind.

Was können Bildungsinstitute leisten bei dieser Aufklärungsarbeit?

Sendungshinweis

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«Kulturplatz» hat Ahmad Mansour getroffen und mit ihm über Bildung und Radikalisierung gesprochen.

Kulturplatz

14.1, 22:20 Uhr, SRF 1

Das ist immer eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe. Wir brauchen einerseits die Sicherheitsapparate zur Kontrolle. Aber wir brauchen auch die Schulen, die den Jugendlichen kritisches Denken beibringen und Räume für Diskussionen schaffen. Ein, zwei Mal pro Jahr eine Schulstunde dazu reicht nicht. Wir brauchen eine umfangreiche Lösung, ganz neue Bildungsprojekte – eigentlich eine Art Revolution.

Ebenfalls wichtig ist der Draht zu den Eltern, Lehrern und Sozialarbeitern: Ihnen müssen wir Instrumente an die Hand geben, wie sie gegen Radikalisierung vorgehen können.

Muss der Staat Koran-Schulen beaufsichtigen?

Ich bin nicht für Kontrolle. Aber dort, wo zu Gewalt aufgerufen wird, muss der Staat eingreifen. Was wir jedoch noch viel mehr brauchen, ist eine innerislamische Kontrolle – Muslime, die Alternativen zeigen, die gegen Gewalt sind, ihren Glauben hinterfragen und Zweifel zulassen. Solche Vorbilder haben wir heute kaum. Aber genau diese braucht es jetzt, um in der Gesellschaft etwas zu erreichen.

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