Beleidigungen und Beschimpfungen bis hin zu Todesdrohungen und Aufrufen zur Gewalt: Die Hassäusserungen im Netz breiten sich aus und sind kaum zu stoppen.
Auch wenn etwa Facebook fürs erste Quartal 2019 einen Viertel mehr gelöschte Hassposts vermeldet als noch ein halbes Jahr zuvor: Die heutigen Kontrollen von Hassposts tilgen nur die Spitze eines Eisbergs, da sind sich Fachleute einig.
Ein wichtiger Grund, dass der Hass weiter ins Kraut schiesst: Die Social-Media-Unternehmen jäten nur im eigenen Garten und konzentrieren sich dort auf die grossen Hassgruppen, hält eine neue Studie im Fachmagazin «Nature» fest.
«Selbst wenn Facebook eine solche grosse Hassgruppe von ihren Websites verbannt, wie das beim Ku-Klux-Klan geschehen ist: Diese gut etablierte Gruppe war damit nicht ausgelöscht», sagt Neil Johnson, Co-Autor der Studie. Diese Gruppe habe sich zum Teil einfach auf eine russische Plattform verlagert und sei von dort später auf Facebook zurückgekommen – mit dem Namen in kyrillischer Schrift.
Kleine statt grosse Hassgruppen sperren
Vielversprechender sei es, so Johnson, plattformübergreifend vorzugehen und statt grosse die zahlreicheren kleinen Hassgruppen zu sperren: «Indem wir verhindern, dass die Kleinen gross werden, erreichen wir langfristig mehr.»
Der Physiker der Universität Washington hat mit Kollegen ein mathematisches Modell entwickelt, dass die Netzwerke des Hasses sichtbar macht. Er regt auch Massnahmen wie Mediatoren an, die im Netz vermitteln sollen.
Die Technik kann nicht alles regeln
Wie gut das in der Praxis funktioniert, muss sich aber noch zeigen. Überhaupt – auf technischem Weg könne man Hass im Netz nur bedingt bekämpfen, ist Soziologin Katja Rost von der Universität Zürich überzeugt.
Zu fehlerhaft und überprüfungsintensiv seien die Such-Algoritmen. Das Löschen von Konten könne auch bewirken, dass manche ihrem Hass anderweitig Luft machen.
Pointierte Gegenmeinungen
Rost hält es für wichtiger, bei der Gesellschaft anzusetzen: «Was heute fehlt, sind pointierte Gegenmeinungen. Die Leute haben Angst vor diesem Hass im Internet und äussern sich daher oft nur noch verhalten.»
Dies mit gutem Grund: In den letzten Jahren seien zahlreiche Hassbetroffene nach einem Shitstorm von ihren Arbeitgebern und politischen Parteien fallengelassen worden, «zu Unrecht, wie sich im nachhinein zeigte».
Es brauche daher nebst mutigen Prominenten, die sich in grosser Zahl einem Shitstorm aussetzen, auch die Unterstützung der Institutionen. Zudem brauche es mehr Zurückhaltung bei den Boulevardmedien, um den Hass im Netz nicht unnötig anzuheizen.
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum
Was Fachleute wie jene vom Verein «Netzcourage» auch betonen: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Nur schon eine Verunglimpfung als «Schlampe» kann zu einer Busse im drei- bis vierstelligen Bereich führen, wenn eine Anzeige erfolgt.
Oft brauche es gar keine Anzeige, sagt Katrin Sprenger von Silenccio, einem Startup, das für Hassbetroffene das Internet durchsucht: «In der Regel reicht es, wenn wir einem Hetzer mit einer Anzeige drohen, damit er seinen Post löscht.» Sogar anonyme Posts würden bei Meldung an die betroffene Plattform zumindest in vielen Fällen recht schnell gelöscht.