Der Trip nach Teneriffa oder die Badeferien in Benidorm: Sie fallen wohl dieses Jahr ins Wasser. Was macht es mit dem Menschen, wenn er sich mit Balkonien begnügen muss? Wird Corona unser Reiseverhalten nachhaltig verändern? Ein Gespräch mit dem Tourismusforscher Hasso Spode über die Geschichte und Zukunft des Urlaubs.
SRF: «Die schönste Zeit des Jahres» kann man dieses Jahr wortwörtlich nur begrenzt geniessen. Was macht es mit Menschen, wenn sie nicht nach Florida fliegen können?
Hasso Spode: «Die schönsten Wochen des Jahres» war ein Spruch von Tui, dem grössten Reiseveranstalter überhaupt. Der hat sich tatsächlich in den Köpfen der Menschen verankert.
Was es mit den Menschen macht, wenn die Ferien ins Wasser fallen? Das werden wir bald sehen. Wir sollten allerdings bedenken, dass erst seit den 1970er-Jahren eine Mehrheit der Menschen in Mitteleuropa alljährlich in die Ferien fährt.
Die Leute werden sich arrangieren. Traurig, aber kein Weltuntergang.
Erst seit 40, 50 Jahren überschreitet die sogenannte Reise-Intensität die 50-Prozent-Marke. Sollte sich das ändern, werden sich die Leute damit arrangieren. Traurig, aber kein Weltuntergang.
Für viele Menschen gehört es aber nun mal dazu, in den Urlaub zu fahren. Es ist normal.
Norbert Elias, ein kluger Soziologe, hat mal gesagt: «Wir müssen die Gegenwart aus ihrer Selbstverständlichkeit erlösen.» Wir halten immer das, was hier und heute ist, für normal. Ist es aber nicht.
Die Urlaubsreise war lange Zeit wenigen Privilegierten vorbehalten. Bis sie demokratisiert wurde. Heute finden wir Urlaub genauso normal, wie eine Zentralheizung in der Wohnung zu haben. Aber das war früher auch nicht normal.
Im Tessin, ein eher teures Pflaster, waren viele Hotels innerhalb von kürzester Zeit ausgebucht. Müssen wir in die Ferien fahren, egal um welchen Preis? Hauptsache Flucht aus dem Alltag?
Die Fluchttheorie war in den 1950er- und 60er-Jahren en vogue. Da hiess es: Der Kapitalismus und die Verstädterung schaffen unfreie und ungesunde Lebensverhältnisse. Deshalb würden Menschen in eine schönere Welt fliehen.
Die Forschung ist davon abgekommen, Urlaub als Flucht zu bezeichnen. Der Tourismus ist eher in das universelle Phänomen der Auszeit einzuordnen.
Jede Kultur hat «heilige» Zeiten des Festes und «profane» Zeiten des Alltags. Denken Sie an das Kirchenjahr im Mittelalter: Da waren oft weit über 100 Tage arbeitsfrei. Der Tourismus steht in dieser Tradition des Gegenalltags.
Kommt der Mensch denn ins Ungleichgewicht, wenn diese Auszeit wegfällt?
Da könnte es Probleme geben, ja. Es gibt ja auch andere Auszeiten, die nicht mit Reisen verbunden sind, wie Theater, Kilbi oder Fasnacht. Das sind alles Massenveranstaltungen, die durch das Virus hochproblematisch geworden sind.
Aber es werden sich auch wieder neue Auszeiten herausbilden. Ich könnte mir vorstellen, dass sie illegal zelebriert werden. Junge Leute werden sich vielleicht in Parks treffen oder auf einem Ruinengrundstück. Klar ist: Es wird auf Dauer nicht möglich sein, den Menschen die Auszeiten wegzunehmen. Es braucht Kompromisse.
Abgesehen von der Suche nach einer Auszeit: Warum zieht es die Menschen in die Ferne?
Der Mensch ist immer gereist, er ist eine hochmobile Spezies. Aber eine Reise ohne offensichtlichen Zweck: Das ist ein Phänomen, das erst im 18. Jahrhundert im Zuge der romantischen Verklärung von Natur und Geschichte aufkam. Eine Reise zurück in eine Welt, die man durch den zivilisatorischen Fortschritt verloren hatte. Das Ur-Motiv des Tourismus.
Im 19. Jahrhundert breitet sich diese Art zu reisen im Bürgertum aus. Der Bürger ist ein vernünftiger Mensch: Alles was er tut, muss Sinn und Zweck haben. Er erfindet also rationale Begründungen für seine Reiselust. An erster Stelle die Erholung; das lief unter dem Begriff «Regeneration der Arbeitskraft».
Reisen bleibt ein Luxus. Und auf Luxus kann man verzichten.
Motive wie Völkerverständigung, Bildung oder Stärkung der Heimatliebe kamen hinzu. Das waren nachträgliche Rechtfertigungen für die letztlich zweckfreie Vergnügungsreise. Und in diesem Begründungs-Kontext stehen wir noch heute.
Und? Erholen wir uns im Urlaub?
Seit den 1960er-Jahren gibt es Versuche, die «Regeneration» empirisch zu vermessen. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Wahrscheinlich besteht der Erholungseffekt darin, dass man glaubt, erholt zu sein. Ein Placebo-Effekt, der nur ein bis zwei Wochen anhält.
Egal, ob wir 5 oder 50 Tage verreisen: Am Ende fühlen wir uns wieder wie vor der Reise. Ich nenne das den bürgerlichen Mythos des Urlaubs: Dass er dem Erhalt der Arbeitskraft dient.
Ist Urlaub auch Stress, der dank Corona nun wegfällt?
Manche müssen auf Berge klettern. Andere wollen sich einfach nur an den Strand legen. Die Motive sind unterschiedlich und oft werden sie erst im Nachhinein konstruiert.
Ich glaube nicht, dass es den Stress gibt, sich im Urlaub erholen oder bilden zu müssen. Dieser Zwang mag bis in die 1950er-Jahre bestanden haben, als man noch eine Volkserziehung durch Intellektuelle hatte. Wer gerne nach Lloret de Mar zum Feiern fährt, tut das heute. Ohne schlechtes Gewissen.
Manche Leute reisen auch, um sich selbst zu finden. Überschätzt man da den Urlaub?
Auch wenn sich das Reisen zum festen Bestandteil der Lebensgestaltung entwickelt hat: Es bleibt ein Luxus. Und auf Luxus kann man verzichten.
Diese Entbehrlichkeit zeigt sich in der Coronakrise sehr schön darin, dass Hotels zwar Geschäftsreisende beherbergen durften, aber keine Touristen.
Stichwort Verzicht: Ich bin in Corona-Zeiten immer wieder auf ein Zitat von Blaise Pascal gestossen, der sagt: Das ganze Unglück der Menschen rühre allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Ein Problem, das Corona nun endlich gelöst hat?
Ich bin nicht der Meinung von Pascal. Das Reisen ist eine grosse Bereicherung für uns Menschen. Nur so kann Kultur entstehen. Diese bornierte Landbevölkerung, die nie aus ihrem Kaff rausgekommen ist – was waren das für traurige Lebensverhältnisse! Erst die Mobilität erweitert den Horizont.
Zum Schluss ein Blick in die Ferne. Reisen nach Corona: Wie wird das sein?
Wenn es nicht zeitnah gelingt, Therapien oder wirksame Impfstoffe zu entwickeln, wird sich auch unser Reiseverhalten drastisch ändern. Und zwar mittel- bis langfristig.
Auf absehbare Zeit werden Fernreisen selten werden.
Besonders das Fliegen bleibt wohl noch lange problematisch. Kreuzfahrten auch. Vielleicht erleben wir eine Renaissance des viel geschmähten Autos, weil wir damit individuell reisen können und nicht wie im Zug, im Schiff oder im Flugzeug in Massen transportiert werden.
Ein ideales Gefährt ist da das Wohnmobil: Das eigene Haus wie eine Schnecke mit sich herumkutschieren. So hatten es einst die Hippies mit ihren VW-Bussen bis nach Indien gebracht.
Auf absehbare Zeit werden Fernreisen selten werden. Auch aus ökonomischen Gründen. Der Einbruch wird zur Folge haben, dass die Menschen weniger Geld in der Tasche haben und am Urlaub sparen. Dann wird es frei nach Goethe heissen: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.
Das Gespräch führte Danja Nüesch.