Der Kunstraum Walcheturm ist dunkel, der Boden knarzt. An den Wänden leuchten Schwarzweissprojektionen von tropischen Pflanzen. In der Mitte des Raumes stehen sechs weisse Säulen, auf denen jeweils ein Roboterarm platziert ist. Das Ende jeden Armes bildet eine Kamera, quasi das Gesicht des Roboters.
Wenn wir uns im Raum bewegen, folgen uns die Roboterkameras. Bleiben wir vor einer stehen, schaut sie uns ins Gesicht und spricht plötzlich ein Wort. «Sie beschreibt, was sie sieht», erklärt Michael Spranger, der die Installation «Das Fremde» zusammen mit Stéphane Noël geschaffen hat.
Dank den Kameras und einer Software zur Gesichtserkennung können die Roboter Eigenschaften wie Formen oder Farben in den Gesichtern der Besucher erkennen. Und dank künstlicher Intelligenz versuchen sie, das Gesehene in Worte zu fassen.
Mit den Besuchern wächst der Wortschatz
«Der Clou ist, dass dabei nichts vorprogrammiert wird», sagt Spranger. Das heisst: Die Maschinen starten ohne Grundwortschatz. Auch sprachliche Konzepte – also was genau mit Worten bezeichnet werden soll – müssen sich die Maschinen selber beibringen.
So entwickeln sie ihre Sprache eigenständig, aufgrund der Erfahrungen, die sie sammeln. Die Besucher sind sozusagen das Rohmaterial für diese Erfahrungen.
Hat ein Roboter einen neuen Begriff gelernt, gibt er das Wort und das Konzept dazu an seine Kollegen weiter. Menschen hören das bloss als unverständliche Buchstabenfolge wie etwa «Qeyu», die gleichzeitig an die Tropenwand projiziert wird. Die Roboter dagegen nehmen die neuen Worte auf und lassen so ihren Wortschatz um weitere Begriffe und Konzepte wachsen.
Zweimal fremd
Visuell und akustisch ist das Konzept sehr stimmig umgesetzt, mit den schwarzweissen Tropen-Projektionen und dem Geschnatter und zeitweiligem Gezwitscher der Roboter. Nicht nur wir treten den Maschinen im dunklen Raum als Fremde gegenüber, auch die Roboter bleiben uns fremd – schliesslich verstehen wir ihre Sprache nicht.
Selbst ihren Schöpfern geht das so: «Für Stéphane und mich ist der Wortschatz mittlerweile zu gross, um noch verstehen zu können, was da geredet wird», sagt Spranger, der als Forscher bei den Sony Computer Science Laboratories in Tokio Fragen zur Roboter-Wahrnehmung und zur Verarbeitung natürlicher Sprache nachgeht.
Daten für die Wissenschaft
«Wir wollen mit der Installation auch versuchen, den Stand der Wissenschaft künstlerisch zu verarbeiten», meint er weiter. «Als eine Art Kommentar zur Diskussion über Künstliche Intelligenz.» So schliesst die Installation «Das Fremde» nahtlos an Sprangers Forschungsschwerpunkte an.
Die Daten zur Sprachentwicklung, welche die Roboter generieren, sollen nach dem Ende der Ausstellung ausgewertet werden. Sie könnten der Wissenschaft weitere Impulse geben. Etwa wenn es darum geht, Roboter zu bauen, die wie Kinder Sprache erlernen und so mit ihrer Umwelt kommunizieren können.