Auf Anraten ihrer weltoffenen Mutter reiste Aglaia Haritz schon mit 17 Jahren nach Kinshasa und war schockiert von Armut und Elend. Die heute 37-Jährige erinnert sich: «Wir haben ein Gefängnis besucht. Dort waren Mörder im gleichen Raum eingesperrt wie solche, die aus Hunger gestohlen hatten. Alle bekamen die gleich harten Strafen. Diese Ungerechtigkeit hat mich tief beeindruckt und verändert».
Der Schock sollte sich auf ihren späteren Reisen durch die Welt wiederholen – in Palästina, Indien oder Afrika.
Mit der Nähmaschine für mehr Frauenrechte
Auf diese Notsituationen reagiert die Künstlerin, die wohlbehütet im Tessin aufwuchs und nach dem Kunstabitur in Limoges Kunst studierte, mit überraschenden Mitteln: mit Nadel und Faden. Ihre Näharbeiten sind eine leise, aber politische Form des Protests. Etwa, wenn sie Fotos von menschlichen Katastrophen aus Zeitungen herausreisst und diese Bilder weiternäht: Der weiche Stoff kontrastiert die harten Meldungen und macht das Elend umso deutlicher.
Mit der Nähmaschine zeichnet Aglaia die Schicksale derer nach, die etwas zu erzählen haben, aber oft nicht zu Wort kommen: Für ihr Projekt «Embroiderers of actuality», Stickerinnen der Wirklichkeit, war sie zwei Jahre lang im arabischen Raum unterwegs. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem marokkanischen Künstler Abdelaziz Zerrou, überzeugte sie Frauen davon, gemeinsam mit ihr zu sticken und dabei über sich selbst zu erzählen.
Frauen mit tragischen Schicksalen erhalten Gesicht und Stimme
In Kairo stickten die Frauen Porträts berühmter Frauen der ägyptischen Geschichte und sprachen über Revolution und Widerstand. In Rabat ging es um das Tabuthema Sexualität: Die Frauen stickten die Umrisse von vorgedruckten Jungfernhäutchen nach und berichteten über ihr Verhältnis zur Sexualität. Dabei haben sie, so Aglaia Haritz, die Offenheit und Neugierde der Marokkanerinnen erstaunt.
Am eindrücklichsten seien aber die tragischen Schicksalen der syrischen Frauen gewesen, sagt Haritz, die sie im Flüchlingslager Schatila in Beirut getroffen hatte. Diese Frauen stickten ihre Selbstporträts und erzählten dabei von Flucht und Not. Ihre tragischen Geschichten erscheinen gedruckt auf den Porträts. So erhalten sie, die sonst verborgen und stumm blieben, durch Haritz' Kunst Gesicht und Stimme.
Ein furchtbares Schicksal
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Eine Frau aus dem Sudan, so erinnert sich die Künstlerin, habe sie besonders berührt: «Diese Frau wollte sich erst nicht selbst darstellen, weil sie sich als Schwarze zu hässlich fand und überhaupt kein Selbstvertrauen hatte.» Beim Sticken habe sich dann herausgestellt: «Sie ist seit Jahren auf der Suche nach Frieden, musste erst aus dem Sudan flüchten und dann aus Syrien. Wer weiss, wo sie jetzt ist, ob sie überhaupt noch lebt. Dieses Elend beschäftigt mich sehr.»
Nach diesen belastenden Erlebnissen ist Aglaia Haritz zurückgezogen zu ihren Eltern ins Tessin, um Kraft zu tanken. Aber sie hat schon das nächste politische Kunstprojekt in Arbeit. Das Thema: Emigration.