Zum Inhalt springen
Audio
Wie Rembrandts «Nachtwache» erneuert wird
Aus Kultur-Aktualität vom 21.01.2022. Bild: Keystone
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 43 Sekunden.

Rettung eines Gemäldes Rembrandts «Nachtwache» unter dem Messer

Auf die langjährige Untersuchung folgt nun eine erste Behandlung: Denn die Leinwand von Rembrandts gigantischem Werk in Amsterdam wirft Wellen.

Es ist das grösste und wichtigste Gemälde der Niederlande: «Die Nachtwache» von Rembrandt. In den letzten zweieinhalb Jahren schwirrten Makro-Röntgenfluoreszenzscanner und Infrarot-Strahlungsmesser um das Gemälde im Amsterdamer Reichsmuseum. Diese avancierten Untersuchungsmethoden sollten Aufschluss über die Entstehung des Werks sowie dessen Zustand geben.

Menschen hantieren an technischen Geräten, die vor einem grossen Gemälde mit zahlreichen Personen drauf stehen.
Legende: Techniker installieren 2019 das Equipment im Rijksmuseum: Vor zwei Jahren startete die grosse Untersuchungsaktion von Rembrandts «Die Nachtwache». Keystone / ALEKSANDAR FURTULA

Leinwand wirft Wellen

Normalerweise hängt Rembrandts imposantes Gruppenporträt einer Amsterdamer Schützengilde in der Ehrengalerie im «Rijks», wie die Einheimischen das kolossale Kunsthaus liebevoll nennen. Aber seit ein paar Tagen liegt die «Nachtwache» platt auf dem Bauch. Das habe es seit fast 50 Jahren nicht mehr gegeben, sagt Tacco Dibbits, der Direktor des Reichsmuseums.

 «Die Nachtwache», die der Alte Meister 1642 gemalt hatte, ist in die Jahre gekommen: Die Originalleinwand weist am oberen Rand Wellen auf. Dies wurde bei der gründlichen Untersuchung der letzten Monate festgestellt. Diese müssen nun geglättet werden – allerdings nicht mit einem Bügeleisen, sondern mit Gewichten.

Ein grosses Bild liegt aufgebahrt am Boden.
Legende: Rembrandt, liegend: Zu Restaurationszwecken hat man das Werk von der Wand demontiert. Elsbeth Gugger

Federn halten die Spannung unter Kontrolle

Sobald die Deformationen verschwunden sind, wollen die Restauratorinnen und Restauratoren den heutigen Keilrahmen durch eine Metallkonstruktion ersetzen. Was bedeutet, dass die sogenannte Dublierleinwand, die 1975 während der letzten Restauration angebracht worden war, entfernt werden muss.

Dafür ist Restauratorin Anna Krekeler zuständig. Sorgfältig zieht sie zur Vorbereitung Nagel um Nagel aus dem Zusatztuch und bewahrt sie in einem Glasgefäss auf.

In einem nächsten Schritt gilt es dann, einen kleinen Tunnel in eine neue Dublierleinwand zu nähen, damit eine dünne Edelstahlstange durchgezogen werden kann. Daran werden in kleinen, in die Leinwand geschnittenen Öffnungen feine Metalldrähte befestigt, die zu Federn laufen. Diese werden das Gemälde schlussendlich unter Spannung halten.

Eine Hand zeigt auf einen Metalldraht, der an einer Leinwand befestigt ist.
Legende: Frisch gestreckt: Feine Metalldrähte und Federn sorgen dafür, dass das Rembrandt-Gemälde wieder die nötige Spannung erhält. Elsbeth Gugger

Weitere Schwachstellen gefunden

Das Restaurationsteam hofft, dass in etwa zwei Monaten «Die Nachtwache» wieder an die Wand gehängt und vom Publikum bewundert werden kann. Was allerdings danach passiert, ist derzeit noch völlig offen.

Die ausführlichen Untersuchungen haben zwar mehrere Schwachstellen zu Tage gefördert. Ob und wie diese behoben werden sollen, wissen die Verantwortlichen aber noch nicht. Es gebe mehrere Optionen, erklärt Robert van Langh, der Restaurationschef des Reichsmuseums. Darüber werde noch diskutiert.

«Die Nachtwache» online

Box aufklappen Box zuklappen

Im Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung der Nachtwache schossen die Spezialistinnen und Spezialisten mehr als 8000 individuelle Fotos (5,5 cm x 4,1 cm).

Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz fügten sie diese zu einem grossen Ganzen (5,6 Terrabite) zusammen. Dank der ultrahohen Auflösung kann jetzt auf jedes noch so kleine Details des riesigen Werkes eingezoomt werden.

Wie Affen im Käfig

Dabei gehe es nicht nur um restaurationsethische Fragen, ergänzt Anna Krekeler: «Es ist wichtig, bei jedem weiteren Schritt Vorteile und Risiken abzuwägen.» Erschwerend kommt hinzu, dass die monumentale «Nachtwache» (3,63 x 4,37 Meter) nicht ins Restaurationsatelier passt. Sie muss an ihrem Standort in der Ehrengalerie bleiben.

Das bedeutet, dass das Restaurationsteam vom Publikum beobachtet wird – wie Affen im Käfig. Zwar trennt eine Glaswand Bild und Besucherschar. Aber für Anna Krekeler und ihre Kolleginnen und Kollegen ist es trotzdem eine riesige Herausforderung: Sie sind sich das stille Atelier gewöhnt, wo sie ruhig und konzentriert arbeiten können.

Nahaufnahme eines Fingers, der über eine Leinwand fährt.
Legende: Feinarbeit gefragt: Die Behandlung des Gemäldes verlangt von den Expertinnen hohe Konzentration und Fingerspitzengefühl. (KEYSTONE/EPA/FREEK VAN DEN BERGH)

Feinarbeit vor Publikum

Wenn aber – wie vor der Pandemie – 2,7 Millionen Menschen das Reichsmuseum besuchen und fast alle die «Nachtwache» sehen wollen, wirkt sich dieser ständige Geräuschpegel negativ aus.

Es brauche ein gewisses Bewusstsein, um unter diesen Umständen an diesem Werk zu arbeiten, gibt Anna Krekeler zu. Und fügt an: «Es ist eine Herausforderung – aber keine, die wir nicht annehmen können.»

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 21.1.2022, 8:15 Uhr

Meistgelesene Artikel