Zum Inhalt springen

Liebesbriefe Graziella Contrattos Leidenschaft für Brahms

Die Schweizer Dirigentin Graziella Contratto schwärmt von ihm als «Tonschöpfer» und «Frauenversteher»: dem Komponisten Johannes Brahms. Verbindung ihrer Liebe ist ein spezielles Stück Musik.

Verehrter Herr Johannes Brahms, Tonschöpfer und Frauenversteher  

Johannes Brahms

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: Wikimedia

Der Komponist Johannes Brahms kam 1833 in Hamburg zur Welt. In jungen Jahren zog er bereits als Pianist mit seinem Vater durch die Hamburger Tanzlokale, später war er zudem als Chorleiter und Dirigent tätig. Ab 1962 lebte Brahms als freier Komponist in Wien und konnte in den folgenden Jahren europaweit Erfolge feiern. Brahms starb 1897 in Wien.

Sie haben vor über 150 Jahren «Vier Gesänge opus 17» für dreistimmigen Frauenchor mit Begleitung von zwei Hörnern und Harfe komponiert. Dafür liebe ich Sie. Ich möchte mit Ihnen zusammen sein. Aber das ist aus gewissen Gründen nur bedingt möglich.

Obwohl Sie Ihr Leben lang keine feste offizielle Bindung eingegangen sind, nie verheiratet waren, auch nicht zum Schein, möchte man beim Anhören des ersten der vier Lieder meinen, Sie verstünden auf geradezu abgründige Weise das Wesen der Frau. Oder müsste ich anders fragen: eben gerade weil Sie die Frauen verstanden haben, hüteten Sie sich vor einer Eheschliessung?

Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen kurz schildere, weshalb ich Sie liebe?

Sie eröffnen das Chorlied mit zwei aufsteigenden Quarten im Horn, dann  hört man eine erste Harfengeste wie ein Rauschen mit Krinolinspitzen, eine Frau schaut Caspar-David-Friedrich-ähnlich aus dem Fenster in eine terzenlose Landschaft.

Quarten bedeuten für mich: archaisch, vor-europäisch. Horn bedeutet: aus Erz gegossenes Metall, der Ruf, ein Naturlaut aus der Erde. Harfe bedeutet: Etwas wird berührt und verflüchtigt sich gegen oben. Verstehen Sie?  In den ersten vier Takten komponieren Sie, dass  Frauen  zwischen irdisch und überirdisch frei schwingen möchten. Dass man sie zwar antippen, aber nicht anschieben sollte. Dass sie einen Raum möchten, aber keine Eckwerte. Dafür liebe ich Sie.

Doch gehen wir weiter im Gesang.

Reihe «Liebesbriefe»

Box aufklappen Box zuklappen

In der Reihe «Liebesbriefe» öffnen Schweizer Künstler ihr Herz und schreiben ihren Vorbildern. Wer liebt wen und warum? Mit Pedro Lenz, Nikola Weisse, Martin R. Dean, Clemens Klopfenstein, Erica Pedretti, Samuel Schwarz, Graziella Contratto, Michael von der Heide, Bettina Oberli, Urs Faes und Ruth Schweikert.

Das Archaische des Quartenklangs kippt  ab Takt 5 um in einen Septimenakkord: Dieser Akkord  meint hier wohl: Gebet Acht, eine Falltür geht auf, wir schauen hinab in die Untiefen der Natur.  Sie und wir Frauen wissen, dass nur Paare, die die Abgründe des anderen kennen, ertragen und annehmen, wirklich zusammen sein können.  Wer verliebt ist, sieht nur das Obere, Flirrende, vom Dunklen Unversehrte. Sie, verehrter Herr Brahms, haben seit Ihrer Jugend, als Sie in Hafenkneipen mit Ihrem Vater für Prostituierte und Matrosen zum Tanz aufspielten, beides kennengelernt. Die liebende Mutter zu Hause und die Verführerinnen bei der Arbeit.

Doch gehen wir weiter im Gesang.

Horn-  und Harfenlinien verschlingen sich: im Horn Vorhalte, in der Harfe die stützenden Harmonien, beide ziehen sich gegenseitig  zum magischen Moment hin, der jetzt eintritt: die drei Frauenstimmen setzen ein: g, b und c – die drei Horntöne des Beginns erklingen nun: ZUSAMMEN im Gesang! Und die mittlere der drei erliegt  beim zweiten Klang gleichsam der Schwerkraft und  bringt eine Mollterz.

Ich liebe Sie.

Audio
Liebesbrief an Brahms, gelesen von Susanne Abelein
03:57 min
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 57 Sekunden.

Die Gesangsmelodie schwelgt, schwingt aus und bleibt doch harmonisch der Einleitung verbunden, die Harfe umrauscht das Trio, gibt Halt, begleitet – stellen sich Frauen nicht so den idealen Tausch von Gesten, Bewegungen, Regungen zwischen Liebenden vor?  Sie, ein Komponist, ein notorischer Junggeselle und Zigarrenraucher,  der jahrzehntelang ein seltsames Verhältnis zur Witwe seines Förderers Robert Schumann unterhält, fängt genau DIESE sensible weibliche Masseinheit ein und veredelt sie ohne billige musikalische Anmache.

Ich liebe Sie, ich möchte gerne mit Ihnen zusammen sein. Die beiden Hörner . . . die Harfe . . . drei Stimmen. Ein sehnlichster Wunsch bleibt: Würden Sie vielleicht die Tonsilben meines Namens für Ihre nächste Komposition verwenden? G-A-C- E-A für Graziella?  Zuhause äusserlich im 21. Jahrhundert, innerlich ganz in Ihrer Nähe, um 1860.

Ihre Graziella Contratto

Meistgelesene Artikel