Erika Brühlmann-Jeklin kam als junge Frau in den 1970er-Jahren nach Schlieren. «Als ich dann da wohnte, hab ich mich manchmal geniert», erinnert sie sich heute. «Schlieren hatte keinen guten Ruf damals. Wer hörte, dass man in Schlieren wohnt, schwieg meistens höflich. Oder äusserte sich entsprechend.»
Agglo und Occasionsautos
Schlieren war mit der Waggonfabrik vom Bauernnest zum rauhen Industrie- und Arbeiterdorf geworden. Als die «Wagi» 1984 schloss und auch andere Unternehmen rezessionsbedingt verschwanden, verkam die Limmattaler Gemeinde zum ungeliebten Agglo-Kaff. Auf den Industriebrachen machten sich Auto-Occasionshändler breit, viele Häuser verfielen, Investoren mieden den Ort.
Schlieren musste handeln. «Als ich 2002 dem Stadtrat beitrat, kam ich mitten in die spannendste Phase», erzählt Erika Brühlmanns Ehemann Toni Brühlmann, später dann Schlierens Stadtpräsident. «Denn ab der Jahrtausendwende fand wirklich ein Wandel statt. Der Stadtrat hatte den Entschluss gefasst, etwas zu ändern.» Zu diesem Zweck stellte Schlieren einen Standortförderer an: Albert Schweizer.
Als Schweizer bei seinem ersten Besuch die alte Postbaracke beim Schlieremer Bahnhof sah, war ihm sofort klar: «Da gab es für Immobilienfachleute noch einiges zu tun. Damals behandelte Schlieren pro Jahr etwa zehn Baugesuche für neue Wohnungen. Das war natürlich zu wenig.» Man suchte und fand Investoren und begann, attraktive Wohnungen zu erstellen.
Und statt Occasionshändler gewann man namhafte Autofirmen, die ihre Schweizer Vertretungen nach Schlieren brachten. Schlieren wurde zur kleinen «Hauptstadt des Autos». Noch wichtiger als die Autobranche wurde dann allerdings der Biotech-Bereich. Auf dem ehemaligen «Wagi»-Areal stellte ein Unternehmer Spin-Offs von Universität und ETH günstige Laborräume zur Verfügung und brachte damit die Zukunft nach Schlieren.
Technopark für Spin-Offs
«Von Teilnehmern internationaler Fachkongresse habe ich vernommen, dass der Name Schlieren dort öfter fällt als der Name Zürich», sagt Mario Jenni, Geschäftsführer des Biotech-Technoparks, in welchem zurzeit 45 kleine und grosse Firmen ihrer Forschungs- und Entwicklungsarbeit nachgehen. «Man hat Schlierens Image auf diese Weise verbessert», ist Jenni überzeugt.
Den neuen Arbeitsplätzen ist es auch zu verdanken, dass sich die Bevölkerung heute besser durchmischt als früher. Das bestätigt der junge Politologe Alain Caba, der in seiner Masterarbeit an der Universität Bern unter anderem auch die Entwicklung von Schlieren untersucht hat: «Durch das Ansiedeln neuer und innovativer Unternehmen hat die Attraktivität der ganzen Stadt zugenommen.»
Jung, urban, gebildet
Wer in Schlieren arbeite, wohne mittlerweile meist auch dort, und die Neuzuziehenden seien jung und gut ausgebildet, sagt Caba. «Und das hat einen Einfluss auf die Entwicklung der gesamten Gesellschaft der Stadt.» Schlieren hat heute schon urbanen Charakter. Mit der besseren Anbindung an die Nachbargemeinden und an Zürich dank der Limmattalbahn dürfte die Stadt in Zukunft noch urbaner werden.