Am Tag der Veröffentlichung von «Divide» verzeichnete das neue Album von Ed Sheeran allein auf Spotify mehr als 56 Millionen Streams. Er führt mit Single und Album die iTunes-Charts an und dominiert zur Zeit auch sonst so ziemlich alle gängigen Verkaufsrankings.
Ed Sheeran ist der Mann der Stunde. Aber das liegt nicht in erster Linie an seiner Musik.
Weltklasse als Typ
Ich kenne schlicht und einfach niemanden, der Ed Sheeran als uncoolen Doofsack bezeichnen würde. Dass man den unscheinbaren britischen Pop-Star mag, reicht natürlich noch nicht zum Grosserfolg. Die Sympathie macht aber ganz klar den Löwenanteil des Erfolgsrezepts von Ed Sheeran aus. Dazu kommt solides Songwriting, eine gute Stimme und ehrliches Handwerk. Klar. Sein ganz grosser Trumpf ist aber, dass die Welt in Ed Sheeran einen jungen Mann sieht, den man in der Bar um die Ecke antreffen könnte.
400 Kilo Kaviar
Ist der wirklich so? Hat der angesagteste Popstar der Gegenwart keine Allüren? Ein bisschen Party machen mit James Blunt, Justin Bieber oder Taylor Swift und dann ab nach Hause. Trainerhose an und Katze kraulen? Ich weiss es nicht. Es spielt aber auch keine Rolle.
Denn selbst wenn er sich 400 Kilo Kaviar in die Badewanne schütten würde, um dann den kleinen Zeh zwei Sekunden darin zu baden – einfach weil er es sich leisten kann. Selbst wenn er sich Boxershorts aus Lotusseide anfertigen liesse, diese alle zwei Stunden wechseln und jedes Stück nur einmal tragen würde. Selbst wenn er die Dekadenz im Privaten in all ihren Facetten ausleben würde, könnte er sein Image, als der auf dem Boden gebliebene Superstar, wohl kaum mehr umstossen.
Sheeran scheint echt
Ich weiss nicht, wer Ed Sheeran wirklich ist. Als ich ihn in London traf, hatte er Verspätung. Er steckte im Verkehr fest. Ich wusste, dass ich meinen Flug verpassen könnte, sollte sich seine Ankunft weiter verzögern. Ankunft Sheeran. Verkabeln. Check, check. Interview. 15 Minuten. Fertig. Foto machen.
Und dann passierte es. «So. Jetzt muss ich pissen» sagte er. Ich schaute ihn schräg an mit der nonverbalen Message, dass er das doch auch vor dem Interview hätte erledigen können. Seine Reaktion: «Sorry für meine Verspätung. Ich hoffe du erwischst deinen Flug.»
Sollte er das einstudiert haben, um den Anti-Popstar zu mimen, dann kriegt er von mir den allergrössten Respekt in punkto Inszenierung. Wenn nicht – ist er echt.