«Es ist, als würde ich auf Eierschalen gehen», beschreibt Hanna Winzenried ihr Verhalten, wenn es innerhalb der Familie zu politischen Diskussionen kommt. Die 35-jährige Demokratin ist die politische Aussenseiterin in der konservativen Grossfamilie Winzenried in Cody, Wyoming.
Politik und familiäre Fronten – ein Filmprojekt
Von den politischen Spannungen in meiner Familie in den USA weiss ich schon lange. Doch in diesem Wahlkampf wirkt die Stimmung noch explosiver als je zuvor.
Deshalb schlug ich vor, im Rahmen eines Filmprojekts herauszufinden, wo die Konflikte liegen und wie meine Verwandten damit umgehen. Sie stimmten zu, und wir verbrachten fünf intensive Tage zusammen.
Politische Themen sind in der grossen Familienrunde tabu
Mein «Cousin» Jay Winzenried, der Vater von Hanna, machte mir eine einzige Vorgabe für den Film: keine Diskussion über Politik in der grossen Familienrunde.
Das sei viel zu brisant: «Die politische Spannbreite geht bei uns von ganz rechts bis ganz links.» Themen wie Abtreibung, Rassismus oder Steuerpolitik liessen sich da kaum diskutieren, ohne dass Gefühle verletzt würden.
Ein gemeinsamer politischer Nenner fehlt
«Wir sind so leidenschaftlich, wenn es um unsere Überzeugungen geht, dass selbst einfache Diskussionen sehr schnell ganz schwierig werden», erzählt mir die älteste Tochter Katie Myers Winzenried. Sie habe mal das Wort «monkey» eingeführt, um Gespräche sofort zu stoppen.
Die mittlere Tochter Kirsten Jones Winzenried meint: «Ein gemeinsamer Nenner fehlt, sogar mit Leuten aus deiner eigenen Partei.»
Eklat bereits am zweiten Abend
Als während eines lockeren Gesprächs unter den Familienmitgliedern in der Küche das Thema Politik zur Sprache kommt, wird es tatsächlich sehr schnell sehr intensiv.
Der älteste Sohn, Jason Winzenried, der sich als gemässigter Demokrat bezeichnet, ist sich bezüglich Steuerpolitik mit seinem Vater uneins. «Du spürst sofort, wie die Spannung zunimmt und es hitzig wird», meint er zu mir.
Als schliesslich die Jüngste, Hanna, versucht, zu formulieren, wie schwierig es sei, den Rassismus bei den Republikanern zu benennen, ohne gleichzeitig ihre Familie als Rassisten zu bezeichnen, kommt es zum Eklat.
Rückzug bei schwierigen Diskussionen
«In kleinen Gruppen können wir über Politik diskutieren», sagt Mutter Valerie Winzenried. Doch einmal mehr habe sich gezeigt: Sobald es heikel werde, ziehen sich alle aus der grossen Runde zurück. Tatsächlich leert sich der Raum augenblicklich, als Hanna Winzenried ihre politischen Gedanken äussert. Ein Teil der Familie empfindet ihre Aussagen als ungerecht, als Angriff.
Das Thema Rassismus ist eines der Konfliktfelder, ob der Staat mehr oder weniger Einfluss nehmen soll, ein anderes. Und mit Donald Trump ist seit 2016 ein Mann an der Spitze der republikanischen Partei, der keine Gräben zuschüttet, sondern tiefer macht.
Tiefe Spaltung der Republikaner zeigt sich auch innerhalb der Familie
Während des Aufenthalts bei meiner Familie in Wyoming zeigt sich, dass auch der Graben innerhalb der republikanischen Partei durch meine Familie geht.
Während dem Katie Myers Winzenried und ihr Mann Chris dem Kandidaten Trump ihre Stimmen geben werden, kann sich das mein «Cousin» Jay Winzenried erstmals nicht mehr vorstellen. Nachdem er ihn zweimal gewählt habe, sei nun Schluss.
«Trump ist ein Idiot»
«Ja, ich bin Republikaner, ich bin konservativ und trotzdem möchte ich nicht, dass ein solch unmoralischer, unehrlicher, ja idiotischer Mensch mein Land repräsentiert», sagt Jay Winzenried.
Es wird das erste Mal sein, dass sich mein «Cousin» seiner Stimme bei der Präsidentschaftswahl enthält. Im konservativen Bundesstaat Wyoming fällt das allerdings nicht ins Gewicht: Wyoming im Westen der USA geht ohnehin an die Republikaner.
Trotz grosser Differenzen – eine Familie
Was mir während der Filmaufnahmen bewusst wird: Wie sehr sich meine amerikanischen Verwandten bemühen, trotz der grossen politischen Differenzen, als Familie nicht miteinander zu brechen.
«Egal, wie sehr unsere Meinungen politisch auseinandergehen, am Ende des Tages sind wir füreinander da», sagt «Cousin» Jay Winzenried.
Konflikte umgehen und viel Wohlwollen
Gibt es ein Patentrezept, um einen Bruch zu vermeiden? Jason Winzenried glaubt nicht. Es ist wichtig, die Grenzen des anderen zu respektieren und Konflikte manchmal einfach ruhen zu lassen.
Zusammenleben erfordert viel Wohlwollen und den Willen, aufeinander zuzugehen – das ist das Fundament. Andernfalls sei ein Miteinander nicht möglich, «denn die politischen Unterschiede sind enorm».