Etwa 57 % der Weltbevölkerung leben derzeit in Städten. Dieser Anteil nimmt stetig zu. Es wird geschätzt, dass bis 2050 rund zwei Drittel der Menschheit in Städten leben werden.
Das rasante Wachstum der Städte führt nebst anderen Problemen zu Wassernot. Eine Blaupause für das, was Megacitys droht, liefert die indische IT-Metropole Bangalore.
Bangalores Einwohnerzahl seit 1951:
- 1951: 0.8 Mio.
- 1971: 1.7 Mio.
- 1981: 2.9 Mio.
- 2010: 8 Mio.
- 2025: 13 Mio.
Diese Megacity hat sich in 40 Jahren zum indischen Silicon Valley entwickelt. Der Tribut für den wirtschaftlichen Boom: mindestens 50 % des Grundwassers von Bangalore ist aufgebraucht. Und weil immer mehr Betonflächen existieren, versickert kaum noch Regenwasser, das die leeren Speicher wieder füllen könnte.
Mafia dealt mit Wasser
Vom permanenten Notstand profitiert die Wassermafia. Aus Lastwagen mit riesigen Tanks wird die begehrte Flüssigkeit an jene verkauft, die es sich leisten können.
Die ärmere Bevölkerung erhält nur einmal pro Woche vom stark rationierten Wasser aus dem Kaveri. Der Fluss ist Bangalores einzige stabile Wasserquelle. Und er liegt nicht vor Ort, sondern 100 km entfernt.
Verdunstet und versickert
Zur Wasserbeschaffung von weit her ist Bangalore gezwungen, weil aufgrund des horrenden Wachstums 90 % aller Seen verschwunden oder verschmutzt sind.
Die Zufuhr von Wasser über Pipelines ist aufwändig – und verlustreich. Ungefähr ein Drittel der transportierten Flüssigkeit versickert wegen Lecks.
Regen als Hoffnungsträger
In diesem Teufelskreis behält ein Mann die Hoffnung. Der in der Stadt angesehene Ingenieur Vishwanath – im Volksmund «Zen Rainman» – sieht Lösungen.
Etwas Wasser für alle statt alles Wasser für wenige ist das Ziel.
Er verweist auf Indiens Regenzeit. Würde während des viermonatigen Monsuns das Regenwasser über Regenrinnen in Tonnen gelenkt und dort aufbewahrt, so käme 70 Prozent des Jahresbedarfs zusammen.
Vishwanaths Idee im Detail:
- Direkt aus der Tonne kommt Wasser zum Trinken und Kochen.
- Grauwasser von Waschmaschine und Bad wird in einen Filter gepumpt.
- Im Filter säubern Wasserpflanzen das Wasser von Phosphaten und Salzen.
- Das gereinigte Wasser wird in Fässern gelagert, um für Gartenarbeiten und Toilettenspülung zu dienen.
Der Ingenieur bilanziert: «Im Sommer brauchen wir rund drei Monate zusätzlich Wasser von aussen, ansonsten sind wir Selbstversorger.»
Gerechtigkeit ist das Problem
Das grundlegende Problem ist die soziale Gerechtigkeit. Vishwanath. «Es gibt hier genug Wasser, um jeder Person 100 Liter zu geben. Jetzt bekommen einige nur 30 Liter und andere 300. Die eigentliche Herausforderung ist die Ungerechtigkeit. Etwas Wasser für alle statt alles Wasser für wenige sollte unser Ziel sein.»
Weckruf für alle Metropolen
Bangalore kann als Weckruf für quasi alle Grossstädte der Welt verstanden werden. Peking, Mexico City, Barcelona, Melbourne oder Kapstadt – alle sind schon heute mit Wasserknappheit konfrontiert. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um sie vor dem Austrocknen zu schützen.