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Embryoforschung CRISPR: Wie gehen Forschende mit der Verantwortung um?

Geneditierung macht Eingriffe ins Erbgut von Embryonen denkbar. Die einen Forscher sagen: Halt, stopp, da müssen wir erstmal drüber nachdenken! Andere preschen vor und versprechen viel.

David Baltimore ist Genforscher, und mit seinen 86 Jahren einer, der inzwischen viele Jahrzehnte Wissenschaft überblicken kann. «1975 war ich als Jungspund bei der Asilomarkonferenz mit dabei», erinnert er sich. «Asilomar» – was für Laien klingt, wie japanischer Eintopf, war, sagt er, ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte.

Denn in Asilomar versuchten Gentechniker zum ersten Mal sich selbst Regeln aufzuerlegen. Warum? Weil sie fanden, dass die Werkzeuge, die sie entwickelt hatten, Eingriffe ins Erbgut ermöglichten, die sie sich zumindest gut überlegen wollten (siehe Box). Für Baltimore gilt heute wie damals: «Wir sind in der Pflicht, uns diese Gedanken zu machen». 1975 ging es um rekombinante DNA, heute ums Geneditieren und die Genschere CRISPR.

Asilomar – vor 50 Jahren

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Ein technischer Sprung nach vorn machte Mitte der 1970er plötzlich möglich, was bis dahin nicht ging. Gene voneinander zu trennen, und fast beliebig neu zusammenzufügen. Das heisst: Genforscher konnten nun Erbgut nicht mehr nur untersuchen, sondern auch verändern. Sie konnten neue Gene verschiedener Lebewesen miteinander kombinieren.

Nicht wenigen Forschern machte dieser Fortschritt Sorge, Superviren oder auch Biowaffen schienen plötzlich machbar.

Darum ging es bei dem Treffen im kalifornischen Asilomar Ende Februar 1975. Die Forschungs-Community legte dort selbst Regeln für ihr Tun fest – ein Novum in der Wissenschaft. Bald schon gab esaber auch Kritik an dem Treffen: viele Aspekte – ethische, rechtliche und die Überlegungen «ganz normaler Leute» – seien zu wenig beachtet worden, lautet der Vorwurf.

2015 ruft Baltimore mit anderen den ersten «Human Genome Editing Summit» zusammen. Sie wollen eine breite Debatte, laden die Öffentlichkeit mit ein, es wird live gebloggt, gestreamt, getwittert. Und es wird nicht nur unter Genetikern gesprochen, Ethikerinnen sind dabei, auch Patienten mit Genkrankheiten. Das Ziel: über Regeln fürs Geneditieren diskutieren (siehe Box).

Doch wie effektiv all die akademischen Diskussionen um selbstgewählte Regeln sind, steht spätestens 2018 arg in Frage. Der Chinese He Jiankui präsentiert 2018 beim Summit Nr. 2 in Hongkong Daten, die zeigen sollen, dass er Embryos so editiert hat, dass daraus zwei Mädchen wuchsen, die kein HIV bekommen können.

He rechnet damit gefeiert zu werden, und täuscht sich. Das Publikum aus renommierten Forschern aus der ganzen Welt ist geschockt, nicht erfreut. David Baltimore ist vor Ort und sagt: «Wir haben versagt. Unser Versuch, uns selbst freiwillig Regeln für die Arbeit mit der Geneditierung zu geben, ist gescheitert.» Dabei waren die Regeln eigentlich klar: Solange man die Technik noch nicht besser verstanden habe, sei es unverantwortlich sie an Embryos anzusetzen.

Regeln für den Umgang mit Genschere und Geneditieren

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Seit 2012 die Genschere CRISPR entdeckt wurde, ist schlagartig viel mehr möglich, als davor: Der direkte, relativ gezielte Eingriff in das Erbgut jedes Lebewesens.

Forscher schlagen Regeln für den Umgang mit den neuen Möglichkeiten vor:

  1. Die Techniken müssen zunächst so gut erforscht sein, dass sie wirklich sicher einsetzbar sind.
  2. Sie dürfen therapeutisch nur dann eingesetzt werden, wenn es keine gute Alternative gibt.
  3. Die Techniken dürfen nur eingesetzt werden, wenn dies von einem breiten, gesellschaftlichen Konsens getragen ist.

He Jiankui hatte es trotzdem getan. Gut ging es nicht aus für ihn (siehe Box), doch er machte eines klar: Das mit dem «sich selbst Regeln geben», war einfacher gesagt als getan.

Der Schweizer Dieter Egli ist einer der wenigen Forscher in der Welt, die trotz des Eklats immer noch mit Genmanipulation an Embryonen arbeiten. Sein Labor ist an der Columbia University in New York. In den USA ist die Forschung an Embryonen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Gelder aufzutreiben ist für Egli viel schwieriger als für viele andere Forscher. Der He Jiankui-Effekt sei deutlich. «Das hat das ganze Feld stark abgekühlt», sagt Egli.

He Jiankui – wo ist der CRISPR-Baby-Forscher heute?

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2018 schlagen ihm Ablehnung von Forschern, und eine entsetzte Reaktion in den Medien rund um die Welt entgegen. China stellt ihn erst unter Hausarrest, dann kommt er für mehrere Jahre ins Gefängnis.

Seine Karriere neu zu starten, versucht er danach mehrfach. Er wechselt immer wieder den Standort, offenbar ist es schwer für ihn wieder Fuss zu fassen.

Gleichzeitig hat er eine treue Fangemeinde, die sich von ihm Heilung schwerer Krankheiten, wie Duchenne-Muskeldystrophie erhoffen.

Die Technik, die He Jiankui nach eigenen Angaben verwendet hatte, hatte Dieter Egli 2018 gerade im eigenen Labor in New York in Prüfung. Als Egli schliesslich mit seinen Experimenten fertig war, war sein Fazit verheerend: «Die Technik hat katastrophale Auswirkungen im Embryo.» Egli geht deshalb davon aus, dass He’s Experimente längst nicht nur die zwei gesunden Mädchen hervorbrachten, sondern viele Embryos mit heftigen Chromosomenschäden. Was He für den grossen Durchbruch hielt, ist in Eglis Augen unbrauchbar.

Inzwischen prüft Egli eine neuere, womöglich weniger fehleranfällige Technik. Die Ergebnisse stehen noch aus. Mehr Forschung helfe, zu klären, was wirklich möglich sei und was eben nicht, sagt er: «Ich arbeite selbst mit diesen Techniken, ich sehe, wie schwierig es ist.» Diesen Realitätscheck in seriösen Labors hält er für wichtig: «Sonst erwartet man schnell zu viel, und das heisst auch, dass Chancen und Bedrohung dieser Technik übertrieben gross wahrgenommen werden.»

Unterdessen macht der Chinese He Jiankui wieder von sich reden. Zuletzt, so berichtet es das Online-Magazin StatNews, soll ihm ein amerikanischer Cryptocurrency-Entrepreneur eine Million Dollar angeboten haben. Das Ziel: Alzheimer zu bekämpfen, mit genetischer Manipulation am Embryo. StatNews zitiert aus der Email des Entrepreneurs an He: «Die Welt braucht mehr solcher mutiger Wissenschaftler, wie Sie! Solche, die Risiken eingehen, um der Menschheit zu helfen.»

Alzheimer per Geneditierung aus der Welt schaffen – Fachleute wie Dieter Egli oder David Baltimore halten solche Ideen für absurd. Doch wieder zeigt He etwas auf: er prescht vor und lockt damit Geld an. Seine Ideen paaren sich perfekt mit dem Silicon-Valley-Vibe des Entrepreneurs. Heisst: Das Unterfangen der Forschergemeinde sich selbst Regeln zu geben, an die sich dann auch alle halten, ist nicht leichter, eher schwerer geworden.

Wissenschaftsmagazin, 22.02.2025, 12:40 Uhr

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