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Filmfestival «Visions du Réel» «Blame»: Über Corona zu forschen, kann üble Nebenwirkungen haben

Regisseur Christian Frei zeigt auf, wie sich im Zuge der Pandemie wilde Schuldzuweisungen epidemisch ausbreiten konnten.

Am Anfang der Pandemie war die Fledermaus. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies nach wie vor die plausibelste These – auch, wenn daneben andere Theorien existieren. Formuliert wurde diese These von einer internationalen Forschergruppe rund um Zhengli Shi, Linfa Wang und Peter Daszak, den drei Hauptfiguren von Christian Freis Doku «Blame».

Vermummte Forschende inmitten unzähliger Fledermäuse.
Legende: Wissenschaftler beim Versuch, von der Fledermaus, dem «meistmissverstandenen Säugetier», zu lernen. Visions du Réel

Mit dem diesjährigen Eröffnungsfilm der «Visions du Réel» will Frei – ganz im Sinne des renommierten Dokumentarfilmfestivals von Nyon – die Sicht des Publikums erweitern. «Meine Geschichte beginnt 2003, mit einem ersten Ausbruch eines SARS-Corona-Virus», erzählt der 65-Jährige im Interview: «Meine drei Protagonisten haben sich damals aufgemacht, den Ursprung dieses Virus zu erforschen. Und nach zwölf Jahren haben sie die Höhle gefunden.»

Tatsächlich trugen die Fledermäuse in der Shitou-Höhle den Erreger in sich. Daraufhin publizierten die Forschenden einen wegweisenden Artikel im Wissenschaftsmagazin «Science» und begannen zu warnen. Linfa Wang gab seine dunkle Prophezeiung bereits im Dezember 2013 zu Protokoll: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass in den nächsten zehn Jahren ein von Fledermäusen übertragenes Killervirus auftauchen wird.»

Don't kill the Messenger

Als Corona dann sechs Jahre später von China aus die Welt überrollte, schrillten überall die Alarmglocken. So laut, dass oft nur noch diejenigen gehört wurden, die am schrillsten schrien. Ist das Virus womöglich eine Biowaffe, die von Wissenschaftlern kreiert wurde? Fest steht bloss: Ausgerechnet diejenigen, die einst vor der Pandemie warnten, wurden später von sogenannten Querdenkern für deren Ausbruch verantwortlich gemacht.

Zeitungsartikel über Fledermäuse als Sars-Virus-Träger mit Wissenschaftler und Fledermausprojektion.
Legende: 2013 warnten die Forschenden um Linfa Wang vor einem «Killervirus» – und gerieten später ins Zentrum von Verschwörungstheorien. SRF/Christian Frei

Mächtige Meinungsmacher wie Trumps aktueller Chefberater Elon Musk oder Verschwörungstheoretiker Alex Jones forderten unisono die Todesstrafe. Wirklich den Vogel abgeschossen hat aber Robert F. Kennedy Jr., Jahre bevor er zum Gesundheitsminister der USA ernannt wurde.

«Der hat ein Buch geschrieben gegen meine Protagonistin», erzählt Frei mit fassungslosem Blick. Fassungslos deshalb, weil Kennedys These an Absurdität kaum zu übertreffen ist: «Zhengli Shi habe das Virus so entwickelt, dass es Juden und Chinesen verschone. Hallo?»

Sachlichkeit als Gegengift

Die investigative Doku selbst behandelt die giftigen Anschuldigungen und haarsträubenden Spekulationen mit wohltuender Sachlichkeit. Daneben bezieht «Blame» viel Kraft aus der Ruhe, welche die symbolstarken Bilder der Kameraleute Peter Indergand und Filip Zumbrunn ausstrahlen. Als ob sie uns zuflüstern würden: Wer Licht ins Dunkel bringen will, setzt sich grossen Gefahren aus.

Stimmungsvolles Porträtbild von Christian Frei
Legende: Schon sein erster Kinofilm «Ricardo, Miriam y Fidel» feierte in Nyon Premiere: Christian Frei, Oscar-nominierter Dokumentarfilmer. Keystone/Gaetan Bally

Nicht, weil man sich im Dunkeln vor finsteren Geschöpfen fürchten müsste. Sondern, weil in einer Welt irrationaler Ängste und Schuldzuweisungen das Forschen selbst üble Nebenwirkungen nach sich ziehen kann. Dabei sollte jedem vernünftigen Menschen klar sein: Weder flatternde Fledermäuse noch warnende Wissenschaftler wollen uns vernichten.

«Ich habe keinen Anspruch auf eine absolute Wahrheit», sagt Christian Frei zum Abschluss unseres Gesprächs über seinen Film. Wichtig sei ihm lediglich, dass dieser eine überfällige Aufgabe erfülle: «Es ist Zeit, dass wir den drei Forschenden im Zentrum dieser Aufregungen und fiebrigen Debatten mal zuhören.»

Hinweis

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Die 56. Ausgabe des Filmfestivals «Visions du Réel» findet zwischen dem 4. und 13. April 2025 in Nyon statt. Wann Christian Freis «Blame» regulär in unseren Kinos startet, ist noch nicht bekannt.

SRF 1, Tagesschau, 3.4.2025, 19:30 Uhr

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