Was ist passiert? Am 11. April wird der 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald gefeiert. Doch ein Vorfall droht die Gedenkfeier, die am 6. April in Weimar startet, zu überschatten, wie der «Spiegel» berichtet. Der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm wurde ursprünglich um eine Rede gebeten – die Einladung wurde später aber zurückgezogen.
Warum wurde die Einladung revidiert? Es gab einen Konflikt mit der israelischen Botschaft, die die Einladung Boehms kritisierte. Der Philosoph gilt als Kritiker der Regierung in Israel. Zudem ist er Befürworter einer binationale Einstaatenlösung in Nahost, die von der aktuellen israelischen Regierung abgelehnt wird.
Wie reagiert die Gedenkstätte? Gedenkstätten-Leiter Jens-Christian Wagner sagt in einer Stellungnahme gegenüber SRF: «Es gab Anrufe bei Überlebenden, und sie drohten, sie zu instrumentalisieren.» Die Überlebenden seien vor einen Loyalitätskonflikt gestellt worden: «Zum einen, loyal zu ihrer Regierung zu sein. Und auf der anderen Seite, die Loyalität zur Gedenkstätte zu wahren.» Dieser Situation wollte er die Überlebenden nicht aussetzen, erklärt er weiter. Das seien hochbetagte, seelisch häufig verletzte Menschen. «Diese Leute einer solchen Konfliktlage auszusetzen, das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.»
Wie beurteilt Wagner die Einflussnahme der israelischen Botschaft? «Einem Enkel einer Holocaust-Überlebenden das Wort zu versagen, das ist wirklich das Schlimmste, was ich in 25 Jahren Gedenkstättenarbeit erlebt habe», sagte Wagner am Donnerstagabend dem Rundfunk Berlin-Brandenburg. Gegenüber SRF betont er den grösseren internationalen Zusammenhang: «Wir erleben weltweit, dass die liberalen Demokratien von rechtsautoritären Regierungen in die Zange genommen werden. Diese Regierungen betreiben knallharte Geschichtspolitik.» Die Einflussnahme der israelischen Regierung über die Botschaft in Berlin sehe er in diesem Kontext.
Was sagt die israelische Regierung? Ein Sprecher der israelischen Botschaft sagte gegenüber dem «Spiegel»: «Die Entscheidung, mit Omri Boehm einen Mann einzuladen, der Yad Vashem als Instrument politischer Manipulation bezeichnet, den Holocaust relativiert und sogar mit der Nakba verglichen hat, ist nicht nur empörend, sondern eine eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer.»
Was sagt Omri Boehm? Omri Boehm, der in New York lebt und lehrt, hat sich bislang nicht zu der Absage geäussert.
Wie geht es weiter? Gedenkstätten-Leiter Jens-Christian Wagner hob die fachliche Kompetenz des Philosophen hervor. Boehm sei ein international anerkannter Denker und Brückenbauer, dessen Arbeit sich mit ethischen Fragen des Erinnerns und der Bedeutung der universellen Menschenrechte beschäftige. Die Gedenkfeier werde nun ohne den Philosophen stattfinden. Gegenüber SRF bestätigt Wagner aber, dass Boehms Rede zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden soll.