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Fotos mit Bezug zu Russland Propaganda? Ukrainische Stimmen rügen den World Press Photo Award

Mehrere mit dem Fotojournalismus-Preis ausgezeichnete Bilder mit Russlandbezug sorgen für Kritik. Was steckt dahinter?

Das ist passiert: Die Jury des renommierten World Press Photo Award steht in der Kritik. Der Vorwurf: Sie hätte russische Propaganda ausgezeichnet. In den sozialen Medien und in einem Artikel der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» («FAZ») äussern Fotojournalistinnen und -journalisten aus der Ukraine und Georgien ihre Bedenken zu manchen Gewinnerfotos und einer fragwürdigen Bildkombination – sie seien von der Auswahl enttäuscht.

Der World Press Photo Award – Hauptgewinner folgt am 17. April

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  • Jährlich bewerben sich professionelle Fotojournalistinnen und Dokumentarfotografen um den Preis.
  • Eine Jury aus Fotojournalismus-Experten wählt anonym die besten Arbeiten in verschiedenen Kategorien aus.
  • Jeder der Gewinner, die am 27. März verkündet wurden, erhält 1000 Euro. Dieses Jahr sind das 42 Projekte oder Personen.
  • Aus den regionalen Gewinnern werden dann wiederum die globalen Sieger bestimmt: Der Gewinner oder die Gewinnerin des World Press Photo of the Year, welcher am 17. April bekannt gegeben wird, erhält zusätzlich 10'000 Euro.

So lautet die Kritik: Einerseits stören sich die kritischen Stimmen – darunter auch der ukrainische Fotografenverband – daran, dass erstmals seit Beginn des Angriffskriegs russische Fotografen auf der Gewinner-Liste stehen, darunter ein Mitarbeiter der staatlichen Agentur TASS. Die georgische Reporterin Mariam Nikuradze sagte dazu gegenüber der «FAZ»: «Ein Fotograf von TASS – ausgezeichnet als Dokumentär des Protests gegen russischen Einfluss? Das ist empörend.»

Protestierende mit Megafonen vor beleuchtetem Gebäude bei Nacht.
Legende: Die prämierte Fotoarbeit aus einer Serie des Russen Michail Tereschtschenko für die Agentur TASS zeigt eine Kundgebung in der georgischen Hauptstadt. Tiflis, Georgien, 6.12.2024. World Press Photo Award/Mikhail Tereshchenko

Bedenken wegen Bildkombination: Andererseits beanstanden die Kritiker die Kombination zweier Bilder, die ihrer Ansicht nach nicht direkt nebeneinander gezeigt werden sollten. Beide Fotos sind in der Ukraine und im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg entstanden. Auf dem einen Bild ein Kind, ein unschuldiges Opfer des Krieges, auf dem anderen ein erwachsener russischer Soldat. Das kann als Relativierung der Aggression Russlands interpretiert werden. Mit der Aussage: «Im Krieg leiden alle, egal ob Angreifer oder Angegriffene».

Kind schläft auf Bett unter Decke mit Monden und Sternen.
Legende: Die prämierte Fotoarbeit des Deutschen Florian Bachmeier zeigt das sechsjährige ukrainische Mädchen Anhelina, das traumatisiert ist und an Panikattacken leidet, nachdem sie aus ihrem Dorf geflüchtet ist. Borshchivka, Ukraine, 7.3.2024. World Press Photo Award/Florian Bachmeier

Das sagt die Expertin: Nadine Wietlisbach, Direktorin im Fotomuseum Winterthur, stuft die Vorwürfe als «sehr gravierend» ein und sieht auch die Gegenüberstellung «sehr kritisch». Wietlisbach: «Ich kann die Vorwürfe aus einer fotografietheoretischen Perspektive und vor dem Hintergrund aktueller Fragen rund um ethische Bildpraxen gut nachvollziehen.» Dass ein russischer Soldat in einem Foto als Jesus nach der Kreuzabnahme inszeniert werde, entspringe einer Tradition des Tagesjournalismus, die auf einem westlichen Blick beruhe. «Ich halte das im Grundsatz für eine sehr fragwürdige Form der Bildtradition», meint Wietlisbach. Aus einer heutigen Perspektive könne man infrage stellen, ob dies noch zeitgemäss sei und wem man damit in die Hände spiele.

Person auf einem Tisch in einem unterirdischen Raum, umgeben von mehreren Menschen.
Legende: Die prämierte Fotoarbeit der Deutschen Nanna Heitmann zeigt einen verletzten Soldaten in einem Feldlazarett in der Nähe der Stadt Bakhmut. Donbas, Ukraine, 22.1.2024. World Press Photo Award/Nanna Heitmann

Was sind die Folgen? Für die ukrainische Kuratorin Kateryna Radchenko steht fest, dass sie die diesjährige Ausstellung des World Press Photo Award in der Ukraine nicht durchführen wird. Radchenko ist Gründerin der Odesa Photo Days und langjährige Ausstellungspartnerin des Wettbewerbs. 2022 war sie selbst Mitglied der Jury.

Ausstellungshinweis

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Die Gewinnerfotos werden in Ausstellungen in über 60 Städten weltweit gezeigt. Die World Press Photo Exhibition macht auch in Zürich Halt. Die Fotos sind vom 9. Mai bis zum 9. Juni 2025 im Landesmuseum Zürich zu sehen.

Wie reagiert die Jury auf die Vorwürfe? World Press Photo hat auf die Kritik teilweise reagiert. Die Organisation erkennt den russischen Angriffskrieg ausdrücklich an. Ein speziell einberufenes Gremium untersucht nun mögliche Regelverstösse. Eine Aberkennung des Preises wird in Betracht gezogen, heisst es im FAZ-Artikel. Die Kritik an der Kombi­nation der oben genannten Aufnahmen weist World Press Photo zurück. Sie ermögliche ei­nen «tieferen, nuancierteren Blick auf ei­nen Konflikt mit weitreichenden globalen Auswirkungen». Laut Einschätzung von Nadine Wietlisbach kann die Debatte eine Einladung darstellen – dazu, «sich mit unterschiedlichen Rollen-Verständnissen, Privilegien und Hintergründen» rund um Pressebilder auseinandersetzen.

Wie funktioniert der Auswahlprozess?

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Der Auswahlprozess für den World Press Photo-Wettbewerb ist gründlich und mehrstufig. Aber: Er ist auch anonymisiert. Das heisst, dass die Jury die eingereichten Fotos ohne Kenntnis der Identität der Fotografinnen und Fotografen bewertet, um eine faire und unvoreingenommene Auswahl zu gewährleisten.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 2.4.2025, 7:05 Uhr

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