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Sicherheit und Nähe Insassen in Schweizer Gefängnissen werden immer älter

Auch in den Gefängnissen werden die Menschen immer älter. Ein Balanceakt für den Strafvollzug.

Georges (Name geändert) war über 70 Jahre alt, als er in der Genfer Haftanstalt Champ-Dollon und dann in La Brenaz inhaftiert wurde. Dort war er über ein Jahr. Gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen sagt er: «In Gefängnissen hat sich eine Hierarchie etabliert. Es gibt eine Gruppierung, und deren Anführer hat das Sagen.»

Georges war Zeuge einer Gruppenvergewaltigung eines anderen Häftlings in den Gefängnisduschen. «Der Wärter hatte die Türen verriegelt, weil ein Alarm ausgelöst worden war. Am Ende kam der Bandenanführer zu mir und sagte: ‹Glücklicherweise bist du zu alt für solche Sachen. Aber du redest mit niemandem darüber, oder du wirst nicht mehr lange leben.› Für mich war das ein Schock.»

Des Weiteren wurde Georges auch Opfer eines Erpressungsversuchs. Ein Häftling drohte, ihn und seine Familie anzugreifen, wenn er nicht 4000 Franken bezahlen würde – pro Monat.

Der Bericht von RTS mit deutschen Untertiteln:

Belästigt oder bedroht zu werden, ist das Hauptrisiko für ältere Häftlinge. Aber auch die benötigte Pflege zu gewährleisten, ist eine Herausforderung. Denn inhaftierte Menschen altern schneller: In der Schweiz geht man davon aus, dass ein 60-jähriger Insasse an denselben körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen leidet wie eine 70-jährige Person in Freiheit. «Sie leiden häufiger unter Sucht- oder Infektionskrankheiten und sind zehnmal öfter von psychischen Erkrankungen betroffen», sagt Hans Wolff, Präsident der Schweizerischen Konferenz der Gefängnisärzte.

Westschweiz mit Aufholbedarf

Häftlinge über 60 machen mittlerweile sechs Prozent der inhaftierten Personen aus – und die Altersgruppe wächst am schnellsten. In vierzig Jahren hat sich ihre Zahl versechsfacht.

«Heute ist die Würde der Häftlinge über 60 Jahre nicht gewährleistet», räumt Wolff ein. «In manchen Fällen wird sie nicht respektiert, insbesondere wenn die Gefängnisse überbelegt sind. Die Schweiz ist nicht darauf ausgelegt, ältere Häftlinge aufzunehmen. Die Behörden haben das erkannt und arbeiten auch daran, doch die Westschweiz ist hier noch weniger weit fortgeschritten als die Deutschschweiz.»

Musteranstalt in Lenzburg

In Lenzburg im Kanton Aargau wurde bereits vor fünfzehn Jahren die erste Gefängnisabteilung speziell für betagte Häftlinge geschaffen. Hier kommt die Spitex zweimal täglich vorbei, verletzliche Personen werden von anderen Häftlingen getrennt und können mehr Zeit im Freien verbringen. Ziel ist es, sie so lange wie möglich selbstständig zu halten.

«Normalerweise halten wir eine gewisse Distanz zu den Häftlingen, aber das ist hier nicht möglich», erzählt Claudio Pinetti. Er ist Vollzugsbeamter und ausgebildeter Krankenpfleger in Lenzburg. «Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, ihnen zu helfen, eine Hose anzuziehen oder einen Reissverschluss hochzuziehen. Es braucht eine Balance zwischen Sicherheit und Nähe.»

Viele Häftlinge in dieser Abteilung sind mit Verwahrungsmassnahmen belegt, einige werden nie mehr freikommen. Daher wird auch über das Lebensende gesprochen. Beat Meier hatte seine Strafe vor vier Jahren abgesessen, wird aber verwahrt. Er ist seit 33 Jahren in Haft. «Es ist praktisch ein Todesurteil. Das Lebensende im Gefängnis ist ein Tabu, aber wir versuchen, Witze darüber zu machen. Es ist besser, darüber zu lachen, als zu weinen. Das ist wichtig, um es aushaltbar zu machen.»

RTS, «Mise au point», 19.4.2026, 20:10 Uhr; wilh

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