Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an die Katastrophe von 1986?
Regula Rytz (Grüne/BE): «Ich war tagelang wie gelähmt. Und fassungslos über das Ausgeliefertsein der Menschen vor Ort. Auch hier, 1664 Kilometer weit weg, war plötzlich alles anders. Eine Freundin von mir war schwanger und machte sich Sorgen über die Gesundheit ihres Kindes. Zum ersten Mal wurde den Menschen bewusst, welche Zerstörungskraft die Atomenergie haben kann. Und das über Tausende von Jahre hinweg.»
Martin Bäumle (GLP/ZH): «Einige Wochen habe ich bei der Ernährung darauf geachtet, vor allem Frischprodukte mit Risiko auf erhöhte Dosis an Radioaktivität zu meiden. Offiziell gab es in der Schweiz keine Empfehlungen, obwohl man wusste, dass auch hierzulande erhöhte Werte auftraten – vor allem im Tessin. Gut in Erinnerung habe ich den ersten Regen nach Tschernobyl in Dübendorf: So schnell war ich selten mit dem Fahrrad zuhause und dann lange unter der Dusche.»
Beat Jans (SP/BS): «Ich war damals Student und kann mich noch erinnern, wie wir vor dem Fernseher sassen, die schrecklichen Bilder sahen und bangend beobachteten, wie sich die radioaktive Wolke über Europa schob. Es war aufwühlend und beängstigend.»
Karl Vogler (CSP/OW): «Tschernobyl war für mich und ist es bis heute geblieben: Synonym für ehemals sowjetische Vertuschungs- und Verharmlosungspolitik, bisher nicht gekannte Hilflosigkeit der Behörden und der Fachleute – und eine neue Realität nicht vorstellbarer Nuklear-Katastrophen. Als damals junger Vater verfolgte ich den Verlauf der radioaktiven Wolke über Europa und die damit verbundene Verstrahlung der Umwelt. Und bis heute in Erinnerung ist mir der alte brüchige Sarkophag, der auch nach 30 Jahren noch nicht ersetzt ist.»
Wie hat Tschernobyl Sie geprägt?
Karl Vogler: «Ich stand der Atomenergie immer kritisch gegenüber. Und obwohl die AKW in der Schweiz zu den sichersten weltweit gehören, zeigte Tschernobyl, dass menschliches Fehlverhalten nie ausgeschlossen werden kann – mit unabsehbaren Folgen. Mir bestätigte die Katastrophe in Tschernobyl, dass ein Ausstieg zwingend ist.»
Regula Rytz: «Es war für mich nach dem Ölschock und der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren der dritte Bruch mit dem Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit. Ein Jahr später habe ich mich den Grünen angeschlossen. Für mich ist es bis heute die einzige Partei, für die Ökologie kein Schönwetterprogramm ist. Sondern die Basis für eine gesunde Wirtschaft, die auch langfristig den Menschen dient.»
Martin Bäumle: «Mich haben das Studium von Fachbüchern zu Radioaktivität, zu Betrieb und Risiken von KKW und der Entsorgung von Atommüll seit früher Jugend politisiert. Die partielle Kernschmelze in Three Mile Island (Harrisburg, USA) 1979 haben meine Haltung gegen die Kernenergie bestätigt und 1981 auch in die GEU/GLP* Dübendorf geführt. Tschernobyl hat dann aber auf einen Schlag das Undenkbare gebracht und mein Engagement bis heute massgeblich mitgeprägt.»
*GEU=Gruppe Energie und Umwelt (Anmerkung der Redaktion)
Beat Jans: «Ich war schon vorher skeptisch gegenüber der Atomkraft. Seither engagiere ich mich dafür, dass so etwas nicht mehr geschieht und die Schweiz den Ausstieg aus der Atomkraft schafft.»
30 Jahre danach: Welche Folgen von Tschernobyl sind in der Schweizer Energiepolitik noch spürbar?
Beat Jans: «Keine. Obwohl auf Tschernobyl auch noch Fukushima folgte, ist die Mehrheit des Parlamentes offenbar nicht bereit, die uralten AKW der Schweiz abzustellen und durch erneuerbare Energien zu ersetzen.»
Karl Vogler: «Die Einsicht, endgültig aus der Atomenergie aussteigen zu müssen, folgte wegen Fukushima. Tschernobyl ist in vielen Köpfen bereits vergessen. Zudem eignete sich Tschernobyl nie als Begründung für einen Ausstieg in der Schweiz. Trotzdem, nach und wohl auch wegen Tschernobyl, wurde 1988 das AKW-Projekt Kaiseraugst begraben, und 1990 wurde die Moratoriums-Initiative angenommen. Tschernobyl hat die Gefährlichkeit dieser Technologie ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gebracht. Aber ohne Fukushima gäbe es keinen Atomausstieg.»
Regula Rytz: «Die Mehrheit der Bevölkerung will heute einen raschen und geordneten Atomausstieg. Die uralten AKW in der Schweiz sind nicht nur gefährlich und teuer, sie blockieren auch die Investitionen in erneuerbare Energien. Leider haben die traditionellen Wirtschaftsverbände die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt. Sie wehren sich mit Händen und Füssen gegen den Ausstieg. Zum Glück hat die Bevölkerung bald das letzte Wort.»
Martin Bäumle: «Tschernobyl hat gezeigt, dass die Kernenergie weder ökonomisch noch ökologisch je nachhaltig war und den Fokus auf Energieeffizienz und Erneuerbare verstärkt – dies ging aber rasch wieder vergessen. Die Abstimmung über zwei neue KKW in der Schweiz stand vor der Türe, dann kam Fukushima, und über Nacht hatte die Energiepolitik der GLP für einen schrittweisen Ausstieg eine Mehrheit im Bundesrat und Parlament. Nach fünf Jahren wird dies schon wieder hinterfragt – und paradoxerweise sollen nun die alten Reaktoren viel länger betrieben werden als je geplant.»
Die Fragen wurden schriftlich beantwortet.