SRF News: Patrizia Laeri, Reto Lipp, Sie werden zwei Tage lang vom Swiss Economic Forum in Interlaken berichten. Auf welchen Gast sind Sie am meisten gespannt?
Reto Lipp: Ich bin sehr gespannt auf Gordon Brown, den Ex-Premierminister von Grossbritannien. Zwei Wochen vor der Brexit-Abstimmung werden die Beobachter sehr genau registrieren, was er zur EU sagen wird.
Patrizia Laeri: Ich freue mich auf die afrikanisch-britische Ökonomin Dambisa Moyo. Sie kritisiert das Wirtschaften des Westens und Entwicklungshilfe nach dem Giesskannen-Prinzip scharf. Sie ist umstritten, und genau das reizt mich. Sie schaffte es aus Sambia, einem der ärmsten Länder der Welt, in die Hochfinanz. Sie sagt Grossbritannien übrigens den Abstieg in die internationale Bedeutungslosigkeit voraus, wenn das Land die EU verlässt.
Reto Lipp: Auch nicht verpassen sollte man sicher den letztjährigen Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton – wir hatten ihn bereits im letzten Herbst in einer «ECO»-Spezialsendung zur Entwicklungshilfe zu Gast. Damals wussten wir noch nicht, dass er den Preis gewinnen wird. Er hat sehr viel dazu zu sagen, wie Entwicklungshilfe konzipiert sein sollte, damit sie wirklich etwas bringt.
Chefs müssen sich digitalen Ängsten der Mitarbeiter stellen.
Letztes Jahr schwebte wohl über allen Schweizer Unternehmern das Damoklesschwert Frankenstärke. Der Mindestkurs zum Euro war erst wenige Monate zuvor aufgehoben worden. Was wird die vielen anwesenden KMU-Chefs wohl in diesem Jahr am meisten umtreiben?
Reto Lipp: Der Frankenschock ist noch nicht ausgestanden ist. Die steigende Erwerbslosigkeit in der Schweiz und die Wachstumsschwäche werden bestimmt auch dieses Jahr wichtige Themen hinter den Kulissen sein. Die Schweiz wächst langsamer als die EU-Länder und fällt damit zurück. Deutschland holt so stark auf, dass kaum noch deutsche Facharbeiter in die Schweiz kommen. Das sind Themen, die auch dieses Jahr die Unternehmer bestimmt umtreiben.
Patrizia Laeri: Für SRF Börse interviewen wir täglich Chefinnen und Chefs. Alle betonen zurzeit unisono, wie wichtig die Digitalisierung sei. Sie rekrutieren Datenanalysten, investieren in Fintechs, lancieren Apps, holen sich Roboter in die Fabrikhallen und Programmierer an die Schreibtische. Doch nur wenige Chefs bestehen selber den Digital-Test. Wo sind die Chefs in der digitalen Welt? Bloggen Sie für ihre Mitarbeiter und Kunden? Posten sie Neuigkeiten über Plattformen? Pflegen sie ihr Netzwerk digital? Sind Sie digital native oder naiv? Chefs müssen sich vor allem auch digitalen Ängsten der Mitarbeiter stellen. Damit will ich sie konfrontieren.
Zum Thema des Treffens: Es lautet dieses Jahr Agilität. Ein etwas sperriger Begriff, oder?
Reto Lipp: Es ist ja nicht einfach, jedes Jahr ein branchenübergreifendes Thema zu finden, das sich auf einen Begriff oder einen Satz reduzieren lässt. Da tut sich das WEF schwer, und ähnlich schwierig ist es natürlich für das SEF. Man sollte solche Stichwörter auch nicht zu wichtig nehmen. Es wird sich sicher nicht das ganze SEF um diesen Begriff drehen – glücklicherweise.
Patrizia Laeri: Genau. Denn ich reagiere mittlerweile allergisch auf diese Business-Buzzwords. Warum versteckt man sich hinter diesen Unworten? Manchmal scheint es mir, als würden Unternehmensführer alle nach einem identischen Skript sprechen, findigen Strategie-Beratern sei Dank. Als wirke eine Führungspersönlichkeit nur kompetent, wenn sie in jeder Aussage eine Liste von Schlagworten wie Agilität, Disruption, Big Data, Meta, Prosumer etc. abarbeitet. Ich plädiere für weniger Worthülsen und mehr Klartext.
Was soll Agilität im Wirtschaftszusammenhang genau heissen?
Patrizia Laeri: Eben, da beginnt das Problem bereits. Es kann alles und nichts heissen. Ich mag konkrete Beispiele, und ich freue mich auf bodenständige Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich nicht hinter Modeworten verstecken.
Reto Lipp: Man könnte Agilität auch mit Flexibilität ersetzen. Wer heute im internationalen Wettbewerb erfolgreich sind will, muss flexibel und schnell sein und sich immer wieder auf neue Situationen einstellen. Von daher mag Agilität ein etwas sperriges Fremdwort sein, trifft aber der Kern der Sache ganz gut.
Gelähmte Schweizer Wirtschaft
Oftmals drängen sich ja ganz andere Themen auf als jenes, dass sich die Organisatoren Monate oder gar Jahre zuvor ausgedacht haben – einfach, weil die Aktualität es verlangt. Was könnte das in diesem Jahr sein?
Reto Lipp: Es könnte sein, dass die Diskussionen um den eingangs erwähnten Brexit allfällige andere Themen überstrahlen werden – und jedem in Interlaken wird bewusst sein, dass der Brexit insofern auch die Schweiz betrifft, als auch wir über ein ebenso schwieriges Verhältnis zur EU verfügen wie Grossbritannien. Bis im nächsten Februar muss die Masseneinwanderungs-Initiative umgesetzt sein, und es zeichnet sich noch überhaupt keine politische Lösung ab. Das lähmt die Schweizer Wirtschaft.
Patrizia Laeri: Ich zähle jetzt mal auf den «Bremain». Meistens wird ja dann doch mit dem Portemonnaie abgestimmt. Aber auf dem letzten Manager-Sorgenbarometer fiel mir auf, dass neben der Frankenstärke und geopolitischen Krisen eben auch die schwächere inländische Nachfrage beunruhigen. Während in Europa wieder mehr Menschen eine Arbeit finden, ist es in der Schweiz umgekehrt. Die Zahl der Erwerbslosen ist wieder so hoch wie vor sechs Jahren. Die Schweiz steht, wie Reto Lipp gesagt hat, mittlerweile schlechter da als Deutschland. Als Erklärung muss immer der starke Franken hinhalten. Aber ist das nicht zu einfach? Hat das Vorzeigeland noch andere Schwächen? Wieso hinkt es anderen Staaten digital nach und bremst Start-ups? Wir werden es am SEF herausfinden.
Das Interview wurde schriftlich geführt.