«Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage. Ich will ja nicht dumm wirken.» Amila Redzic ist «Impact»-Moderatorin und fühlt sich beim Besuch eines exklusiven Vereins für hochbegabte Menschen direkt unter Druck. Die Aufnahmebedingung: Mindestens einen IQ von 130 – ab dann gilt man als hochbegabt. Auf dem Programm steht ein Gesellschaftsspiel-Nachmittag.
«Stopp!» Ein Raunen geht durch die Menge. Amila Redzic hat «Stadt, Land, Fluss» vorgeschlagen – ohne die Kategorie Fluss. Stattdessen sucht man eine Todesursache mit dem Buchstaben Q. Die SRF-Moderatorin versucht es mit «Quallenbiss».
Die Mitglieder des Vereins debattieren schmunzelnd: «Quallenbrand oder Quallenstich hätte man durchgehen lassen können, aber ‹Quallenbiss› gibt leider keine Punkte.»
«Wie ist es eigentlich, hochbegabt zu sein?», fragt die SRF-Moderatorin in die Runde. Da sprudelt es aus den Mitgliedern heraus: «Es ist sicher cool, dass man deutlich schneller lernt und schneller denkt», meint eine Besucherin. Für die meisten sei es aber eine sehr irrelevante Kennzahl. Es sei einfach etwas, auf das sie getestet wurden.
Deshalb spreche man nicht so oft darüber mit anderen Menschen: «Ich weiss, dass es schnell als Angeberei angesehen wird», erläutert ein junger Mann. Die Leute hätten auch das Gefühl, dass man ein kleiner Einstein sei. Dabei sei man nicht generell in allem gut, was man tue.
«Man fühlt sich oft einsam»
Es sei aber leider auch oft so, dass man in Gesprächen mit anderen Leuten nicht so in die Tiefe gehen könne, wie man sich das eigentlich wünschen würde. Man fühle sich dadurch auch oft alleine oder einsam: «Das erschwert es auch, Freunde zu finden», erklärt ein weiteres Mitglied.
Eine andere Person ergänzt: «Man kann noch so einen hohen IQ haben. Das bedeutet nicht, dass man ein glückliches Leben hat.» Es seien einfach andere Challenges: «Ich mache mir zum Beispiel einen grossen Druck wegen des ‹Potenzials›.» Schlussendlich sei das Leben doch viel mehr als die Hochbegabung.
Der wohl bekannteste Hochbegabte der Schweiz
Szenenwechsel. Bei einer Reportage über hochbegabte Menschen in der Schweiz darf er nicht fehlen: Maximilian Janisch. Er ist der wohl berühmteste Hochbegabte des Landes. Einem Millionenpublikum wurde der damals Elfjährige durch eine SRF-Reportage bekannt.
Für Maximilian war seine Bekanntheit kein Problem: «Es war schon sehr speziell. Ich habe es aber gemocht. Aufmerksamkeit für mich, yay!» Er sei auch heute noch ziemlich bekannt. Viele Leute hätten ungefähr eine Vorstellung davon, was sie erwartet, wenn sie den Namen Maximilian Janisch hörten. «Das ist eigentlich ganz interessant.»
Auf seinem Tiktok-Kanal generiert der heute 21-Jährige mehrere Millionen Views. Auch dort spricht er über seine Leidenschaft: Mathematik.
PIN-Codes und Primzahlen
Maximilian hat früh gemerkt, dass er hochbegabt ist. Mit ungefähr drei Jahren habe er sich an den PIN-Code der Kreditkarte seines Grossvaters erinnert, als dieser ihn vergessen hatte. Das sei ein Beispiel dafür, dass er schon als Kind gerne mit Zahlen hantiert habe.
Die ersten sechs Jahre der Primarschule habe er Mathematik in ungefähr einem Jahr durchgearbeitet. Da habe man dann schon gemerkt, dass etwas besonders sei.
Im sozialen Bereich habe er deswegen keine negativen Erfahrungen gemacht: «Nach dem ich eine Klasse übersprungen hatte, waren meine Interessen näher an den Leuten, die in der Klasse waren.»
Er sage hierbei immer leicht provokativ: «In der ersten Klasse wollte sich niemand mit mir über grosse Primzahlen unterhalten.» Das habe sich dann etwas eingependelt.
Einen gesellschaftlichen Druck, dass Maximilian aufgrund seiner Hochbegabung etwas Besonders leisten müsse, verspüre er nicht. Der jüngste Doktorand der Schweiz könne aber nachvollziehen, dass ein gewisser Erwartungsdruck entstehe. «Ich spüre das selber nicht mehr so. Ich war sehr, sehr erfolgreich.»
Er erklärt weiter, dass, auch wenn seine akademische Laufbahn hier und jetzt enden würde, er immer noch sehr zufrieden damit wäre, wie es gelaufen sei. «Ich muss da nichts mehr beweisen.»
Zu Besuch im Militär
Hochbegabung kann sich in verschiedenen Facetten zeigen. Was viele hochbegabte Menschen gemeinsam haben, ist ein schnelles und vernetztes Denken. Das hilft der 18-jährigen Laurine Frauchiger im Militär. Sie ist Wachtmeister und absolviert aktuell eine Prüfung für die Offiziersschule.
Laurine hat aufgrund einer Nachtübung kaum geschlafen. Es fällt der Amila Redzic trotzdem schwer, mit der jungen Frau Schritt zu halten. Sie hetzen von einem Ort zum nächsten: «Das ist eine Angewohnheit, die man nicht mehr losbringt. Auf dem Waffenplatz verschieben wir wirklich immer sehr schnell.» Das nerve sie mittlerweile im Zivilen richtig. Da müsse sie den Kollegen schon mal sagen: «Legt mal einen Zacken zu.»
Hier im Militär könne die junge Hochbegabte früh Führungserfahrung sammeln: «Ich kenne keinen Ort, an dem ich mit 18 schon so viel Verantwortung übernehmen kann.» Als Gruppenführer habe sie zehn bis 15 Personen unter sich. Als Zugführer seien es bereits 30 bis 40 Personen.
«Ich hausiere nicht mit meinem Alter»
Eigentlich behält Laurine Frauchiger ihr Alter lieber für sich: «Ich gehe damit nicht unbedingt hausieren.» Das liege daran, dass sie bereits als Kind die Erfahrung gemacht habe, dass sie die Leute nicht mehr gleich ernst genommen hätten, sobald sie ihr Alter erfahren haben. «Das hat mich extrem gestört.»
Laurine sei aufgrund ihres Alters stets ein wenig zurückgehalten worden. Daher habe sie schliesslich aufgehört, darüber zu sprechen. Im Militär sei sie einfach vorsichtig, weil es nicht bei allen gleich gut ankomme, wenn der Wachtmeister, der die Rekruten herumkommandiert, erst 18 sei.
Lesen und aus dem Fenster schauen
Gemerkt, dass bei ihr teilweise etwas anders sei, habe sie bereits früh. «Ich hatte nicht die einfachste Schulzeit.» Für sie sei es schwierig gewesen, sich einzufinden. Als Kind frage man sich dann schon, ob man vielleicht einfach falsch sei.
Wenn man nicht dazu gehöre, komme einfach die Frage auf: Bin ich das Problem? Oder was ist los? «Meine Schulzeit bestand aus Lesen und aus dem Fenster schauen. Ich habe sehr viel gelesen – teilweise zehn Bücher gleichzeitig.»
Das Lesen beigebracht habe Laurine sich selbst. Sie habe im Alter von zwei bis drei Jahren mithilfe von Flaschenetiketten begonnen, die Bedeutungen zusammenzusetzen.
Das «Schneehuhn»
Dass die junge Hochbegabte schnell und vernetzt denkt, fällt Amila Redzic im Gespräch mehrfach auf. Die Moderatorin will wissen, ob sich Laurine manchmal über Menschen nerve, wenn diese zum Beispiel nicht so schnell auf eine Lösung kommen wie sie.
«Nicht direkt über Leute. Ich finde es teilweise einfach angenehmer, wenn ich in Gesprächen extrem springen kann.» Dies könne sie beispielsweise mit ihrem Vater. Sie haben sogar einen Begriff dafür: «Schneehuhn». Das bedeute, dass man in einem Gespräch gedanklich mehrfach hin und her springen kann oder anders ausgedrückt: «Wenn jemand random mit einem neuen Thema reingrätscht.»
Das seien dann wohl auch die Augenblicke, in denen sie ihr Gegenüber überfordere. «Ich glaube, das sind genau die Momente, in denen sich die Leute teilweise denken: ‹Was ist eigentlich falsch mit dir?›»