Öko-Label für Städte und Gemeinden
Rasen wandeln sich in Blumenwiesen, asphaltierte Plätze werden aufgerissen: Das sind Veränderungen, welche das Label «Grünstadt Schweiz» vorantreibt. «Wir möchten Grünflächen nachhaltig pflegen und zusätzliche schaffen», sagt die Geschäftsleiterin Pascale Haas. Vor vier Jahren entstand das Schweizer Label, um insbesondere das Engagement für die Biodiversität zu fördern und anzuerkennen. Städte und Gemeinden können sich für das Label bewerben. «Aus einer Palette von 60 möglichen Massnahmen, prüfen wir die Lösungen jeder Stadt einzeln», erklärt Haas. Deshalb haben die Städte und Gemeinden ganz unterschiedliche Massnahmen ergriffen, um einheimischen Pflanzen und Tieren ein Zuhause zu bieten.
Beispielsweise wurden in Morges 1000 einheimische Sträucher und Bäume gepflanzt, um eine Lücke in einem Vernetzungskorridor zu schliessen. Amphibien und Reptilien können sich entlang der Grünflächen sicher bewegen, ohne eine Strasse überqueren zu müssen. In Winterthur und Schaffhausen mähen die Angestellten einen Teil der Blumenwiesen mit der Sense. In Schaffhausen haben die Verantwortlichen die Beleuchtung vogel- und fledermausfreundliche gestaltet. Weitere Beispiele sind von der Stadt betriebene Imkerei, naturbelassene Wiesen oder Projekte, um die Bevölkerung für die Biodiversität zu sensibilisieren.
Es ist wichtig, dass diese biodiversen Flächen nicht überbaut werden.
Damit spricht die Geschäftsleiterin eine grosse Problematik in Städten an: die Verdichtung. «Wir müssen jetzt handeln, damit nicht plötzlich alles zu betoniert ist», so Haas. Bereits sieben Städte und Gemeinden haben das grüne Label erhalten, zehn weitere werden momentan geprüft.
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Bild 1 von 4. Hier wird in Winterthur eine Blumenwiese mit einer Sense gemäht. So werden über 90% der Insekten geschont, welche mit anderen Mähmaschinen getötet würden. Bildquelle: Grünstadt Schweiz.
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Bild 2 von 4. Auf einem stadteigenen Grundstück in Morges hält die Stadt Bienenvölker. Auf der naturbelassenen Wiese finden die Bienen den Nektar und die Pollen quasi vor der Haustür. Bildquelle: Grünstadt Schweiz.
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Bild 3 von 4. Schaffhausen hat einerseits die Beleuchtung fledermaus- und vogelfreundlich gestaltet. Anderseits hat die Stadt Container mit einheimischen Sträuchern, Kräutern und Blumen bepflanzt, um der Bevölkerung die Pflanzenvielfalt näher zu bringen. Bildquelle: Grünstadt Schweiz.
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Bild 4 von 4. Manche Arten können nur auf solch nährstoffarmem Gelände überleben. Deshalb sind diese Ruderalflächen wie hier in Ecublens für die Artenvielfalt besonders wichtig. Bildquelle: Grünstadt Schweiz.
Kommunale Grünflächen in der Gemeinde Egg ZH
«Am meisten freut mich die Buntbrache. Sie dient der Biodiversität besonders und wir können diese mehrere Jahre so stehen lassen,» erzählt Reto Schwitter. Er arbeitet bei der Gemeindeverwaltung Egg und ist Bereichsleiter Natur und Landschaft. Er und seine Gemeinde setzten mehrere biodiverse Projekte um: Buntbrachen an Wegrändern wurden angelegt, Flächen rund ums Schulhaus wurden begrünt oder sogar Nistmöglichkeiten für Vögel wurden eingerichtet. Einige Ecken in der Gemeinde wirken nun auf den ersten Blick allenfalls «unaufgeräumt». Deshalb hat sich die Gemeinde etwas ausgedacht:
Infotafeln und Spaziergänge durch Egg halfen, die Bevölkerung zu informieren.
Reto Schwitter übernimmt gerne eine Vorbildfunktion, um weitere Gemeinden für mehr Biodiversität zu motivieren. Er sieht dies als Chance, die Bevölkerung zu sensibilieren und die ökologische Struktur zu verbessern. Ausserdem freut es ihn, wenn sich die Gemeinde an den bunten Wildblumenwiesen erfreuen kann.
Mehr Grün, mehr Begegnungen
Grau und anonym: So präsentierte sich der Innenhof der Siedlung Gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft Zürich (GMBZ) im Zürcher Kreis 4. «Wir waren unzufrieden damit», sagt Ursula Tschirren, Bewohnerin der GMBZ-Siedlung. Es wurden Umfragen gestartet und viel diskutiert. Schnell war klar, dass sich die über 100 Bewohnenden mehr Grün wünschen. Es bildete sich eine Gruppe von Bewohnenden, welche sich mit der Umgestaltung des Innenhofs beschäftigen. «Wir rissen den unsäglichen Kirschlorbeer aus, pflanzten dort Kräuter und richteten Hochbeete für Gemüse und Blumen ein», erzählt Tschirren, Mitglied der Hofgruppe. Durch das gemeinsame Projekt seien in der Siedlung mehr Begegnungen entstanden.
Leute mit unterschiedlichen Sprachen und aus verschiedenen Kulturen fanden durchs Gärtnern zusammen.
Das Projekt sei ein Beispiel dafür, dass die Auseinandersetzung mit der Natur ebenso soziales Zusammenleben fördert. Kürzlich erweiterten die Bewohnenden die biodiverse Fläche an einem Aktionstag. Alt und Jung entfernten 120 Quadratmeter Verbundsteine und schufen einen Kiesplatz und Beete. Zudem werden bald drei Bäume gepflanzt. «Ich freue mich, wenn wir öfters Besuch von Bienen, Schmetterlingen und Käfer bekommen», so Tschirren. Insgesamt wandeln die Bewohnenden 150 Quadratmeter in biodiverse Flächen um. Die Gartenbauerin Katharina Köchli und ihr Team begleiten das Projekt.
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Bild 1 von 5. Der Innenhof der Siedlung Gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft Zürich verändert sich. Die Bewohnenden wünschen sich mehr grün. Bildquelle: Ursula Tschirren.
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Bild 2 von 5. An einem Aktionstag im August 2020 nehmen sich die Bewohnenden den zugepflasterten Innenhof vor. Bildquelle: Ursula Tschirren.
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Bild 3 von 5. Alt und Jung packen mit an und entfernen die Verbundsteine. Bildquelle: Ursula Tschirren.
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Bild 4 von 5. Hier wird demnächst gepflanzt. Alles in allem schaffen die Bewohnenden auf 150 Quadratmeter Raum für die Biodiversität. Bildquelle: Ursula Tschirren.
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Bild 5 von 5. In den Hochbeeten wachsen schon einheimische Pflanzen. Bildquelle: Ursula Tschirren.
Biodiverse Perle in einer Siedlung
Frösche, Schmetterlinge und Bienen wohnen im Garten von Rose-Line Werner in Berg im Kanton Thurgau. «Mir ist es wichtig, dass eine Vielfalt von Lebewesen bei uns Zuhause ist», sagt Werner. Zusammen mit ihrem Mann wohnt sie in einer Neubausiedlung. Die anderen Gärten in der Siedlung sehen anders aus. Kurz geschnittene Rasen und blickdichte Hecken trifft man nicht selten an.
Ich will keinen geputzten, leblosen Garten.
So begann sie im 2019 ihren Garten gemeinsam mit der Erni Gartenbau AG umzugestalten. Sie hängte Vogelhäuschen und Wildbienenhotels auf, legte einen Totholzhaufen an und errichtete einen Teich. «Kürzlich schwamm zum ersten Mal ein Frosch in unserem Teich», sagt Werner freudig. Zudem pflanzte sie fast ausschliesslich einheimische und insektenfreundliche Blumen, Sträucher und Bäume. Die Pflanzen tränkt sie mit Regenwasser. «Den Nachbarn gefällts unterdessen auch», sagt Werner.
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Bild 1 von 5. Rose-Line Werner wohnt in einer Neubausiedlung im Thurgau. Sie wollte nicht nur einen kurz geschnittenen Rasen wie ihre Nachbarn. Bildquelle: Rose-Line Werner.
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Bild 2 von 5. Gemeinsam mit einem Gärtner legte sie einen Teich an. Bildquelle: Rose-Line Werner.
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Bild 3 von 5. Bald besuchten farbenfrohe Schmetterlinge die einheimischen Blumen. Bildquelle: Rose-Line Werner.
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Bild 4 von 5. Auch Libellen scheinen sich im Teich in der Siedlung wohl zu fühlen. Bildquelle: Rose-Line Werner.
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Bild 5 von 5. «Es ist eine grosse Freude, dass so viele Lebewesen bei uns im Garten wohnen», sagt Rose-Line Werner aus Berg. Bildquelle: Rose-Line Werner.
Deponie wird zum Naturparadies
Die St. Galler Firma Robert König AG wandelt ihre Deponie für Aushub- und Abbruchmaterial in eine biodiverse Fläche um. Insgesamt werden in Oberriet 72000 Quadratmeter für die Biodiversität gewonnen.
Natur und Artenschutz ist meine Leidenschaft!
Als Verwaltungsrat konnte er die Firma überzeugen, biodiversen Lebensraum zu schaffen. Sämtliche Flächen werden als Trocken- und Blumenwiesen, Magerweiden und Feuchtflächen gestaltet. Seit 2019 pflanzen sie einheimische Bäume, Hecken und Sträucher an. Zudem bauen sie verschiedene Nistplätze wie Ast- und Steinhaufen oder Nistkästen für Dohlen. «Ein halber Zoo lebt auf unserer Deponie», sagt Dietsche. Unter anderem wohnen Ringelnattern, Zauneidechsen, Gelbbauchunken, Dohlen und Gämsen dort.
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Bild 1 von 11. Im Frühling 2019 beginnt die Umgestaltung der Deponie in Oberriet. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 2 von 11. Hier entsteht eine sogenannte Ruderalfläche, eine brachliegende Bodenfläche. Diese ist für gewisse Arten besonders wertvoll, weil sie nur auf solch nährstoffarmem Gelände überleben können. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 3 von 11. Für die Gelbbauchunke legt die Firma ein Pioniergewässer an. Dieser seichte, fast unbewachsene Tümpel ist bei Konkurrenten wie Libellen und Fischen weniger beliebt. Deswegen kann die Gelbbauchunke ungestört laichen. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 4 von 11. Die Gelbbauchunke gilt in der Schweiz als stark bedroht. Man erkennt diese Art an der gelb gemusterten Unterseite des Bauches und der Beine. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 5 von 11. Auf der Fläche spazieren auch Zauneichdechsen herum. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 6 von 11. Höhenarbeiter befestigen Nisthilfen für Dohlen an der Felswand. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 7 von 11. Ein Haufen aus Baumstrünken ist entstanden. Er dient als Lebensraum für verschiedene Käfer, Pilze und Reptillien. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 8 von 11. Ein paar Monate später sind die Baumstrünke überwachsen. Es ist ein artenreicher Lebensraum entstanden. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 9 von 11. Nebenher gehen die Arbeiten auf der Deponie weiter. Voraussichtlich wird die Deponie bis Ende 2027 betrieben. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 10 von 11. In der Magerwiese tummeln sich unter anderem Heuschrecken, Grillen, Schmetterlinge und Käfer. Bildquelle: Robert König AG.
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Bild 11 von 11. Auch die Trockenwiese beherbert eine grosse Anzahl von Insekten. Bildquelle: Robert König AG.
Wilder Garten in Köniz
Mirabellen, Mispeln, Birnenbäume, Hornklee, Oregano und viele weitere Pflanzen haben es sich im Garten der Familie Kuhn Wenger gemütlich gemacht. «Als wir das Haus kauften, rissen wir eine Thujahecke und Sommerflieder aus», erzählt Simone Kuhn. Unterdessen wachsen fast keine exotischen Pflanzen mehr auf dem 700 Quadratmeter grossen Grundstück.
Für mich ist es selbstverständlich, einheimische Sträucher und Blumen zu pflanzen, denn diese Pflanzen gehören einfach hierher.
Mit den Kindern beobachte sie gerne Raupen und deren Entwicklung. Auch diverse Vögel, Schmetterlinge und Käfer besuchen den Garten. Die wild bepflanzte Fläche stellt Familie Kuhn auch für Kurse zu Hecken- und Beerenschnitt zur Verfügung. Zudem baute eine Klasse der Rudolf-Steiner-Schule im Rahmen einer Projektewoche ein Gartenhäuschen.
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Bild 1 von 5. Im Garten der Familie Wenger in Bern wachsen viele einheimische Sträucher, alte Obstbäume und Blumen. Bildquelle: Urs Wenger.
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Bild 2 von 5. Die Wiese mähen sie selten, damit die Insekten nicht gestört werden. Bildquelle: Urs Wenger.
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Bild 3 von 5. «Zu unserem 100-jährigen Haus gehören auch alte Sorten», meint Simone Kuhn. Es wächst beispielsweise ein Roter Ellerstädter, eine alte Pfirsichsorte. Bildquelle: Urs Wenger.
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Bild 4 von 5. Als die Familie das Haus kaufte, sah der Garten ganz anders aus. Invasive Neophyten schmückten die Fläche. Diese gebietsfremden Pflanzen haben Simone Kuhn und Urs Wenger ausgerissen. Bildquelle: Urs Wenger.
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Bild 5 von 5. Aus recyceltem Material bauten Drittklässler der Rudolf-Steiner Schule ein Gartenhäuschen. Sie beschäftigten sich auch mit Biodiversität. Bildquelle: Urs Wenger.
Die Abfallsammlerin aus dem Bündnerland
«Auf der Strasse werde ich oft angesprochen», erzählt Flurina Manetsch. In Disentis sammelt sie Plastikpapierchen, Zigarettenstummel oder auch Gesichtsmasken ein und entsorgt diese gerecht. Dafür erhält sie kein Gehalt:
Ich mache dies aus purer Liebe zur Natur. Wenn ich beobachte, unter welchen Umständen Pflanzen und Tiere wegen des Abfalls leben müssen, berührt mich das sehr.
Das Abfallsammeln hilft Flurina Manetsch ausserdem persönlich. Wenn sie sich im Alltag sorgt und nach Lösungen sucht, kommen ihr die besten Ideen beim Abfallsammeln: «Ich räume die Strasse auf und gleichzeitig sorge ich für Ordnung in meinem Leben.»