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Reerdigung - die nachhaltige Bestattung
Aus Wissenschaftsmagazin vom 03.12.2022. Bild: Meine Erde
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Human Composting Wie aus einem Körper Humus wird

Erdbestattung oder Kremation? In einigen Ländern gibt es nun eine alternative Methode: Kompostieren. Ein Modell auch für die Schweiz?

Er kennt sich aus mit toten Körpern und deren Zersetzung – Vincent Varlet, Leiter des schweizerischen Humaninstituts für forensische Taphonomie in Lausanne. Er weiss: Das Bestattungswesen kämpft mit Problemen.

Körper etwa verwesen schlecht, weil sie zu tief eingegraben werden. «Für die Zersetzung sind Gräber in zwei Metern Tiefe Unsinn», sagt Varlet. Denn da gebe es zu wenig Mikroorganismen und Pilze, um die Leichname abzubauen. Und auch Platzmangel sei ein Thema.

Auf der anderen Seite die Kremation. Sie braucht zwar weniger Platz, aber die Verbrennung bei 1000 Grad benötigt sehr viel Energie und setzt CO₂ frei. Die Asche enthält zudem giftige Schwermetalle aus dem Ofen und den verbrannten Körpern.

Zurück in den Kreislauf

Vincent Varlet sucht darum nach neuen, umweltfreundlicheren Wegen. Eine Idee ist die Humusierung, wenn aus einem Körper also Humus wird. In verschiedenen Bundesstaaten in Amerika ist das bereits möglich. Und auch in Deutschland bietet das Unternehmen «Meine Erde» seit Anfang 2022 Reerdigungen an, wie die Humusierung dort heisst.

Auf dem Bild ist ein Metallbehälter mit Erde darin zu sehen.
Legende: Innert 40 Tagen wird der Körper bei der Reerdigung zu Erde zersetzt. Meine Erde

Diese funktioniert so ähnlich wie Kompostieren: Der Körper einer verstorbenen Person wird in ein sargähnliches Gefäss aus Metall gelegt. Darin befindet sich ein Bett aus Stroh, Heu und Blumen. Dann wird das Gefäss verschlossen. Innerhalb von 40 Tagen wird der Körper zu Erde zersetzt. Nur Knochen und Zähne bleiben übrig und werden später zermahlen.

Mikroorganismen statt Würmer

Das Angebot stosse auf Interesse, sagt Pablo Metz, einer der Gründer und Entwickler. Natürlich gebe es viele Fragen, die Skepsis sei aber nicht so gross. «Viele wollen beispielsweise wissen, ob Würmer im Spiel sind», sagt Metz. Die Antwort ist: Nein. Stattdessen sind Mikroorganismen am Werk – Bakterien zum Beispiel. Sie zersetzen den Körper, wobei Temperaturen von bis zu 70 Grad entstehen. So werden Keime und Krankheitserreger abgetötet.

Die Methode ist zwar nicht perfekt, aber grüner als die Erdbestattung und die Kremation.
Autor: Vincent Varlet Forensiker

Aus gesundheitlicher Sicht sei der Humus unbedenklich, sagt Metz. Und was Energie und Klimagase angehe, sei die Reerdigung ökologischer als die gängigen Methoden. Das bestätigt auch der Forensiker Vincent Varlet: «Die Methode ist zwar nicht perfekt, aber grüner als die Erdbestattung und die Kremation.»

Ökologische Gründe – aber nicht nur

Für Menschen, die eine Reerdigung wollen, ist die Ökologie aber nur ein Aspekt. Pablo Metz macht die Erfahrung, dass seine Kunden anderes stärker gewichten: Sie schöpfen Trost aus der Vorstellung, dass ihre Energie und ihre Nährstoffe nach dem Tod erhalten bleiben, und dass daraus später zum Beispiel ein Rosenbusch wachsen könnte.

In der Schweiz sind Reerdigungen vorläufig noch nicht möglich. Es fehlten die gesetzlichen Grundlagen und die Expertise, sagt Varlet. «Diese braucht es aber unbedingt, denn die Bestattung ist ein sensitives Thema, bei dem Utopien und Ausprobieren keinen Platz haben». Der Forscher ist dennoch überzeugt, dass sowohl die Schweizer Behörden als auch die Bevölkerung bereit seien, diese neue Methode – als Ergänzung zu den traditionellen – willkommen zu heissen.

Wissenschaftsmagazin, 03.12.2022, 12:40 Uhr

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