Religiös motivierte Beschneidung von Knaben, wie im jüdischen und muslimischen Kulturkreis üblich – darf man das hier eigentlich? Diese Debatte fand nicht nur in der Schweiz statt, sondern auch in Deutschland. Das Kölner Landgericht hatte diese Praxis vor gut zwei Jahren für strafbar erklärt – und in der Folge wurde in Online-Foren so heftig gestritten, dass sich auch der Bundespräsident einschaltete. Da habe sich Sorge um das Kindeswohl, so Joachim Gauck, gelegentlich mit einem «Vulgärrationalismus» gemischt, in dem auch antisemitische Einstellungen zum Vorschein kamen.
Laut Fachleuten haben judenfeindliche Äusserungen tatsächlich ein neues Ausmass erreicht. «Wir beobachten im Internet eine riesige Flut antisemitischen Schreibens», sagte Antisemitismus-Forscherin Monika Schwarz-Friesel von der Technischen Universität Berlin kürzlich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.
Den Trend exakt zu beziffern, ist freilich schwierig, doch dass Hetze gegen Menschen jüdischer Herkunft in der jüngeren Vergangenheit salonfähiger geworden sei – davon sind die Berliner Linguisten vom Institut für Sprache und Kommunikation überzeugt.
Hinweise auf eine steigende Tendenz
«Die Tabuisierungsschwelle sinkt», sagt Matthias Jakob Becker, der das Phänomen Antisemitismus im Team von Schwarz-Friesel seit Jahren erforscht. Als ein Beispiel nennt er eine Analyse von Leserbriefen aus der deutschen Mainstream-Presse: Zwischen 2002 und 2004 enthielten demnach 9,2 Prozent der Zuschriften antisemitische Äusserungen – und nur wenig später, zwischen 2010 und 2012, schon 37 Prozent.
Als «antisemitisch» werten die Wissenschaftler dabei eine Wortwahl, in denen beispielsweise Stereotype wie die Legenden von einer «Weltverschwörung» oder «reichen Juden» vorkommen.
Dieser «klassische» Antisemitismus kommt allerdings auch in anderen Kleidern daher. Seit der Beschneidungsdebatte in Deutschland, so Becker, weht auch im Internet ein anderer Wind: «Barbarisches Ritual», «rückständige Religion»… – solche und ähnliche Stereotype haben ihre Wurzeln laut dem Linguisten schon im Mittelalter, als den Juden Blutkult und Grausamkeit nachgesagt wurde. Und die steigende Akzeptanz für solche Ausdrücke zeige auch, dass den Verfassern die Herkunft ihres Denkens nicht immer klar sei.
Dynamik von Statements erkunden
Auf Webseiten herrscht noch heute teils verbaler Wildwuchs – und die Berliner Sprachkundler stellen schon in ihren bereits vorhandenen Daten fest, dass ausgrenzender Sprachgebrauch in den Kommentarspalten zunimmt. Doch wo, wie stark und in welcher Form?
Antisemitische Vorurteile finden sich laut Becker auch in scheinbar gemässigten Äusserungen – etwa als Anspielung auf eine «Ostküstenlobby» oder «ominöse Kreise». Oder häufig in Beiträgen von Verfassern, die sich selbst in der politischen Mitte verorten. Solche Äusserungen würden von anderen Kommentarschreibern in Deutschland dann eher akzeptiert als aggressiv vorgetragene Feindlichkeit und entsprechend weitergesponnen.
Auch gelöschte Kommentare erfassen
Ein Forschungsprojekt mit Fokus auf Online-Kommentaren auf Webseiten der deutschen Qualitätspresse soll ab Oktober auch untersuchen, wie sich ein solcher Tonfall unter den Usern allenfalls fortpflanzt. Zudem wird die Software, die das Material auf zahlreichen Webseiten mit Stichworten sucht, erkennt und dann abspeichert, auch registrieren, welche Kommentare gelöscht werden und wie welche Redaktionen damit umgehen.