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Neu im Kino «September 5»: Als die Welt den Terror in Echtzeit erlebte

Der Thriller «September 5» des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum zeigt das Olympia-Geiseldrama von München 1972 aus Sicht eines US-Fernsehteams.

Mit seinem dritten Spielfilm nach den Endzeitdramen «Hell» und «Tides» sorgt Tim Fehlbaum mit seiner Mischung aus Terrorismus-Thriller und Mediendrama nun wieder für Aufsehen. Sein «September 5» war für die diesjährigen Golden Globes nominiert und gehört zu den Favoriten für die Oscars-Shortlist.

Eine Gruppe palästinensischer Terroristen nimmt am 5. September 1972 im Münchner Olympiadorf elf Mitglieder der israelischen Sportmannschaft als Geiseln. Es ist der erste Terrorakt, der live per Satellit in die Welt hinausgetragen wird. 900 Millionen Menschen schauen zu.

Gruppe von Journalistinnen und Journalisten an Tisch mit Mikrophonen.
Legende: Die Journalisten und Journalistinnen müssen sich in «September 5» moralischen Herausforderungen stellen: Beeinflussen sie mit ihren Live-Bildern die Ereignisse? Praesens Film

Dieses Ereignis von weltgeschichtlichem Rang nutzt der Film «September 5», indem er auf die Medien-Perspektive fokussiert. Die Sportjournalistinnen und Sportjournalisten des amerikanischen Senders ABC werden unvermittelt zu Nachrichtenreportern: Sie berichten statt von den Spielen während 21 Stunden in Echtzeit vom Überfall.

Die Macht der Bilder

Plötzlich geht es nicht mehr um Sieger und Verlierer, sondern um Leben und Tod. Das zeigt der Film als Kammerspiel aus dem TV-Studio, das Originalaufnahmen und Fiktion raffiniert verbindet.

Person mit Maske auf Balkon.
Legende: Das Bild vom maskierten Terroristen bei den Olympischen Spielen 1972 in München ging um die Welt. KEYSTONE/AP Photo/Str

Ein überraschender Zugang, bei dem es, so der 42-jährige Regisseur, um die Entstehung und den Einfluss von Bildern geht: «Ich glaube, dass gerade heute eine Geschichte über die Macht der Bilder wichtig ist. Denn Bilder können Meinungen und politische Entscheidungen beeinflussen. Im Fall von München '72 habe ich mit vielen Leuten gesprochen, die gar nicht mehr so genau wissen, was passiert ist. Aber das Bild vom maskierten Mann auf dem Balkon, das kennt man, das scheint ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.»

Verantwortung der Journalisten

Die Journalistinnen und Journalisten tragen denn auch eine grosse Verantwortung, müssen rasend schnell entscheiden, sich aber auch ethischen und moralischen Herausforderungen stellen: «Beeinflussen wir mit unseren Live-Bildern die Ereignisse? Bieten wir den Terroristen die Plattform, die sie sich wünschen?»

Entsetzt stellen sie fest, dass auch die bewaffneten Täter im Olympischen Dorf live mitverfolgen können, wie sich die deutschen Polizisten für eine Stürmung in Stellung bringen.

In einer brillanten Szene streiten sich die Reporter rund um ihren Chef Roone Arledge (Peter Sarsgaard) darüber, wie sie mit Gewalt umgehen sollen: «Können wir live im Fernsehen zeigen, wie jemand erschossen wird?». Medienethische Fragen wie diese sind heute so aktuell wie damals.

Aktuelle Brisanz

Das Geiseldrama endet tragisch. Die Terroristen ermorden alle elf israelischen Sportler. «They are all gone», «Sie sind alle tot». Das waren die erschütternden Worte von Jim McKay, Moderator von ABC-TV.

Durch den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 hat «September 5» zusätzlich an bitterer Aktualität gewonnen. Da sei der Thriller aber schon fast fertiggestellt gewesen und sie hätten nichts mehr verändert, sagt Tim Fehlbaum: «Wir wollen einfach nur Fragen stellen und das Publikum dazu anregen, darüber nachzudenken, wie man heute Nachrichten konsumiert und wie über Dinge berichtet wird. Aber wir haben keine politische Mission.»

Der Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum

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Tim Fehlbaum ist in Basel aufgewachsen und hat in München die Filmschule besucht. Er ist bekannt für seine Science-Fiction-Endzeit-Dramen.

Im preisgekrönten «Hell» von 2011 ist die Erde eine vom Sonnenlicht tödlich ausgebleichte Welt. Die Überlebenden kämpfen um jeden Tropfen Wasser bis hin zum Kannibalismus.

Auch im apokalyptischen Thriller «Tides» von 2021 geht es um die Folgen von Klimawandel und Krieg. Die Welt ertrinkt in Wasser und Nebel, wird unbewohnbar. Ein Katastrophenfilm, gemischt mit Zivilisationskritik.

«September 5» ist ein toll inszenierter, stark gespielter Journalismus-Thriller. Ein atemberaubendes Kinoerlebnis, das die tragischen Ereignisse erschütternd authentisch ins Bewusstsein ruft. Und durch seine aktuelle Brisanz lange nachhallt.

Kinostart: 9. Januar 2025

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Dieser Artikel wurde bereits am 1.9.2024 veröffentlicht und zum Kinostart aktualisiert.

Radio SRF 3, 9.1.2025, 9:12 Uhr.

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