Es brauchte Glück und Können. Thomas Gottschalk hatte beides. Das Kommunikative formte er beim Radio. Schnell, wahrscheinlich sogar intuitiv, begriff er, dass er bei den Leuten am besten ankam, wenn er stets sich selber blieb.
Das fiel ihm leicht, weil er ein zufriedenes, interessantes und ja, anständiges Leben führte. Es gab für ihn keinen Grund, sich zu verstellen oder künstlich zu optimieren.
Die Zeit der Superstars
Sein Glück bestand darin, dass er zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war, sein Typ genau dann gefragt war. Mit so viel «Sein» ausgestattet betrat er dann die Bühne des «Scheins», des Fernsehens.
Wieder stimmte das Timing. Es war die hohe Zeit der Popmusik, der Hitparaden, der Superstars von Tina Turner bis Michael Jackson, die den Soundtrack des Lebens der Babyboomer-Generation bildeten.
Genau diese von ihm so verehrten Gesang-Promis durfte er nun in «Wetten, dass..?» empfangen. Die von Frank Elstner ins Leben gerufene Sendung hatte sich bereits einen hohen Status erarbeitet.
Ratschläge und Proben?
So hohe Auftrittsgagen bezahlte wohl keine andere europäische Fernsehanstalt. Gottschalk liebte seine Gäste, liebte die Auftritte vor einer grossen Öffentlichkeit und liebte es weiterhin, sich selbst zu sein.
Er zog seinen Erfolg aus den Ratschlägen anderer, die er nicht befolgte. Proben – für eine derart grosse Samstagabendkiste ein Muss – interessierten ihn nicht; die Regisseure mussten sich mit einem Minimum zufriedengeben. Die Kameras und Mikrofone sollten sich doch einfach nach ihm richten, nicht umgekehrt.
Verpasste Chancen
Noch haarsträubender muss das Leben für die Redaktoren gewesen sein, wenn sie sich die banalen Fragen anhören mussten, die Gottschalk seinen illustren Gästen stellte, unvorbereitet, aus dem Bauch heraus. Was für verpasste Chancen!
Heutzutage denken sich ganze Brainstorming-Gruppen tiefschürfende Sachen aus, die dann der Showmaster bitteschön auch platzieren sollte. Doch auch hier gibt es eine andere Seite.
Gottschalk wollte vor allem eine Wohlfühlatmosphäre kreieren und ging mit seiner Neugierde nie zu weit. Hätte er seine Gäste mit Fragen zu Politik oder Religion belästigt, wären sie wohl einfach nicht mehr gekommen oder jedenfalls nicht mehr so offen und freundlich gewesen.
Authentizität!
Unvergessen Gottschalks Bitte an Bill Gates: ‹Zeigen Sie uns, wie viel Geld Sie gerade in ihrem Portemonnaie haben!› Die einen fanden das genial, die anderen unterirdisch. Unterhaltung eben!
«Wetten, dass..?»: Eine kaum geprobte, improvisierte Sendung mit teils guten, teils aber auch sehr seichten Interviewfragen. Sieht so eine erfolgreiche Sendung aus? Ja! Denn diese negativen Punkte wurden bei weitem kompensiert durch die eine, entscheidende Sache: Authentizität!
Natur pur
Gottschalks «Wetten, dass..?» war immer live. Die Sendung hatte einen Bogen, ihr Moderator Ecken und Kanten, es konnte jederzeit etwas Ungewöhnliches geschehen, in echt und nicht inszeniert. Die Sendung hatte ein unvollkommenes, aber eben gerade deshalb lebendes Gesicht. Gottschalk liess keine Experten zum Facelifting ran, er blieb stets «Natur pur».
Eine solche Thomas-Gottschalk-Karriere ist unmöglich geworden. Heute ist alles durchgestylt und optimiert. Die Showmaster gleichen sich, sie haben alle denselben Kriterien zu genügen.
Sollte man sie also wieder mehr allein machen lassen? Viele wollen das gar nicht. Ihr persönlicher Erfolg ist ihnen wichtiger als der Erfolg der Sendung, sie sagen häufiger «ich» als «wir».
Mensch Gottschalk, du warst halt noch ein richtiger … Mensch!