Man stelle sich folgende Situation vor: Man trifft einen Freund im Café, beginnt zu erzählen – doch kaum ist der erste Satz gesprochen, dreht sich alles ums Gegenüber. Ein beiläufiges Nicken hier, ein flüchtiges «Jaja» dort – doch echtes Zuhören? Fehlanzeige. Vielmehr akustisches Pingpong, beide sprechen, keiner wird gehört.
Schlechtes Zuhören – ein Phänomen, passend für eine Gesellschaft, die geprägt wird durch soziale Medien und einen Trend zur Selbstdarstellung, so Margarete Imhof, Professorin für Psychologie in den Bildungswissenschaften an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Imhof beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema und sagt: «Das Zuhören leidet unter einem schlechten Image. Leute wollen in der Regel das Sagen haben, nicht das Zuhören». Doch was passiert, wenn alle auf Sender sind?
Gutes Zuhören will gelernt sein
«Wer im Gespräch nur überlegt, was er als Nächstes sagen will, verpasst wichtige Informationen. Dann kriege ich vielleicht nicht mit, mit welcher Emotion, Mimik oder Gestik jemand spricht.» Hören werde erst dann zum Zuhören, wenn man sich aktiv einer Geräuschquelle zuwende, so Imhof.
Entscheidend sei dabei die Absicht: «Ich höre zu, weil ich ein Ziel habe, weil ich einen Fokus habe, weil ich neugierig bin, weil ich etwas wissen muss oder möchte.» Dabei brauche es einiges an Emotionsregulation und Selbstkontrolle. Man müsse es schaffen, bei der Person zu bleiben und seine eigenen Gedanken und Emotionen ein Stück zur Seite zu schieben.
Gutes Zuhören will also gelernt sein. Doch wer die eigene Stimme zügelt, hat viel zu gewinnen. Gespräche auf Zuhörerbasis seien intensive Erlebnisse, die oft in Erinnerung blieben, so Imhof.
Öffnung der Kommunikation
Zuhören kann alles verändern – ein Gespräch, eine Beziehung, eine Gesellschaft. Das zeigt der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem neusten Buch «Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen».
Doch gerade in Zeiten sozialer Medien, in denen jeder senden kann, fühlen sich viele ungehört. So schreibt die britisch-türkische Autorin Elif Shafak, dass mehr als die Hälfte der Menschen in demokratischen Ländern angibt, ihre Stimme werde selten oder nie gehört.
Pörksen spricht dabei von einer «gigantischen Resonanzsimulation». Soziale Medien vermitteln die Botschaft: «Du könntest es schaffen, du könntest der Super-Influencer werden.» Dabei hätten wir es mit einer paradox schillernden Medienwirklichkeit zu tun. Auf der einen Seite gebe es eine enorme Öffnung des kommunikativen Raumes – potenziell könnten viele Menschen gehört werden. Faktisch aber erlebe man gleichzeitig eine totale Vermachtung dieses Raumes, so der Medienwissenschaftler.
Die Utopie der Vernetzung lebt.
Einzelne seien eben doch «gleicher als gleich». Mehrere Medien berichteten: Elon Musk habe 200 Millionen Follower und könne seine Ingenieure dazu zwingen, seine Postings zu priorisieren. Das digitale Zeitalter gaukle uns vor, dass jeder mitreden könne – de facto aber sei das nicht der Fall, weil wir gar nicht angezeigt werden, weil wir gar nicht in die Timeline der anderen kommen, so Pörksen.
Die Folge: Eine totale Echolosigkeit. Dennoch ist Pörksen kein Kulturpessimist. Er sagt: «Im Kern sind wir eingetreten in eine Welt des Informationsreichtums. Ich profitiere an jedem einzelnen Tag als Wissenschaftler von diesem Informationsreichtum. Die Utopie der Vernetzung lebt.»
Wenn die Gesellschaft zuhört
Was Vernetzung und öffentliches Zuhören bewirken kann, zeigt Pörksen anhand diverserer Beispiele. Er schildert jene Augenblicke, in denen eine Gesellschaft innehält, lauscht und begreift – Momente, die er «kollektive Zuhörbereitschaft» nennt. Pörksen sagt: «Am Anfang jedes Skandals steht die Weigerung zuzuhören».
Eines der bekanntesten Beispiele: Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Jahrzehntelang galt das deutsche Internat als reformpädagogisches Ideal. Doch hinter der Fassade der «freien Erziehung» herrschte ein System des Schweigens. Lehrer missbrauchten systematisch Schüler und Schülerinnen sexuell, während die Institution wegsah.
Dabei war das Unrecht sichtbar. Die Schüler protestierten – mit Spottgesängen, mit Witzen. Doch selbst als 1999 ein Artikel über die Vorfälle in den Medien erschien, blieb die Gesellschaft weitgehend still. Ein Grund liegt darin, wie zugehört wurde.
Pörksen unterscheidet zwei Arten: «Wir haben ein Ich-Ohr egozentrischer Aufmerksamkeit, geleitet von der Frage: Stimmt das, was der andere mir gerade sagt, mit meinen eigenen Auffassungen überein.» Das Du-Ohr hingegen fragt: «In welcher Welt ist das, was der andere sagt, wahr?» Es öffnet sich für das Gegenüber, nimmt eine fremde Perspektive an.
Im Fall der Odenwaldschule fehlte das Zuhören – über Jahrzehnte. Denn: «Wir hören, was wir fühlen», so Pörksen. Missbrauch und Bildungsideal passten für viele nicht zusammen. Die Folge: Die Betroffenen wurden überhört, bis 2007 eine neue Schulleiterin die Wende brachte. Sie, selbst in ihrer Vergangenheit von Missbrauch betroffen, konnte das Unvorstellbare denken – und zuhören. Sie glaubte den Betroffenen. Als 2010 erneut ein Artikel über die Missbräuche veröffentlicht wurde, hörte die Gesellschaft zu: Tausende Reaktionen, ein Blog mit 22'000 Einträgen in nur einer Woche, Berichte in der deutschen Tagesschau.
Zuhören geht nur ohne Schubladendenken
Das Beispiel zeigt: Zuhören beginnt im Kleinen – und folgt keinen universellen Regeln. Das gelte auch für die Frage, ob man vermeintlichen Rassisten oder Verschwörungstheoretikerinnen zuhören solle. Dies hänge von einem selbst, dem gesellschaftlichen Moment, der anderen Person und der Rolle ab, die jemand verkörpert.
Wem zugehört wird, neigt weniger dazu, scharfe, radikale, krasse Dinge zu äussern.
Kommunikative Wahrheit sei immer konkret, so Pörksen. Damit stellt sich der Medienwissenschaftler gegen vorschnelle Etikettierungen und Pauschalisierungen beim Zuhören. Wer dies tut, verpasst wichtige Informationen.
Ein Beispiel sei ein Mörder, den man nur als Mörder sehe, oder eine Dienerin, die man nur als Dienerin wahrnehme. «Zuhören heisst eben nicht, die abstrakte Person zu sehen – die Rolle, die sie hat, die Partei, die sie wählt – sondern konkret und absolut.» Es ist ein Lob der Nuance, des Kontextbewusstseins, das Pörksen vorschlägt. Es geht darum, den jeweiligen Menschen im Rahmen seiner persönlichen Geschichte zu sehen.
Zuhören heisst nicht zustimmen
Dabei bleibt Zuhören immer eine freie Entscheidung – eine Idee, die bis auf den Philosophen Francesc Torralba zurückgeht. Er sagt: «Man kann uns zwingen, ruhig zu sein, den Mund zu halten. Wer aber glaubt, dass wir dann zuhören, irrt. Nur derjenige hört zu, der es wirklich will. Das Zuhören ist eine der wenigen freien Handlungen, die ein Mensch ausüben kann».
Die Freiheit des Zuhörens beinhalte also auch das Recht, ein Gespräch abzubrechen. Ebenso könne man nach dem Zuhören auf der Basis von Wissen, Zusammenhang und präziser Analyse verurteilen, so Pörksen. Offenheit darf nicht als stilles Einverständnis missverstanden werden, so auch die Meinung von Margarete Imhof. Sie sagt: «Zuhören ist nicht gleich Zustimmung.» Hier lege es auch am Zuhörer, sich einzubringen. Wenn dies geschieht, können Gespräche an Tiefe gewinnen – das zeigt auch die Forschung.
Studien belegen, dass sich die Atmosphäre verändert, sobald sich jemand gehört fühlt: Puls und Blutdruck sinken, die Aufregung weicht. Gleichzeitig öffnet sich der Dialog, und ein echter Austausch wird möglich. Imhof erklärt: «Wem zugehört wird, neigt weniger dazu, scharfe, radikale, krasse Dinge zu äussern, sondern wird offen für verschiedene Aspekte, für Differenzierungen, für Nuancen.»
Dabei können schon wenige Zeichen der Aufmerksamkeit genügen, um einen spürbaren Effekt zu erzielen. Imhofs Rat für das nächste Treffen mit einer Freundin im Café: «Das Handy in der Tasche lassen. Ohne Ablenkung verändert sich das Gespräch sofort – die volle Aufmerksamkeit gilt dem Gegenüber.»