Es ist der 21. Mai 1937: Von Miami hebt eine «Lockheed Electra» ab, ein zweimotoriges Propellerflugzeug. Am Steuer sitzt die knapp 40-jährige Pilotin Amelia Earhart. Sie will als erster Mensch die Welt umfliegen – in östlicher Richtung, in Etappen, auf der Höhe des Äquators.
Ein tollkühnes Vorhaben. Amelia Earhart erreicht nach mehreren Zwischenlandungen unbeschadet Papua-Neuguinea. Dort startet sie am 2. Juli 1937 zur letzten Etappe über den Pazifik nach Nordamerika. Doch irgendwo über dem Ozean stürzt die «Lockheed Electra» ab. Weder Maschine noch Pilotin werden je gefunden.
«Erfüllt vom Drang, das Leben frei zu leben»
Durch ihr rätselhaftes Verschwinden sei Amelia Earhart zum Mythos geworden, sagt der deutsche Autor und Verleger des Hanser-Verlags Jo Lendle. Er hat unter dem Titel «Die Himmelsrichtungen» eine literarische Biografie über sie geschrieben.
In seinem Buch, sagt Lendle, versuche er zu zeigen, wie Amelia Earhart in einer Männerwelt zu jener «ausserordentlichen Gestalt» wurde, die sie war – «schillernd, visionär und erfüllt vom Drang, das Leben frei zu leben».
In eleganter Sprache zeichnet Lendle das Leben der 1897 in Kansas Geborenen nach, die als Kind so gar nicht dem gängigen Mädchenbild entspricht. Die anstatt mit Puppen zu spielen, lieber in der Natur herumtollt oder Zeitungsartikel über Frauen in Männerberufen sammelt.
In den 1920er-Jahren entdeckt Amelia Earhart ihre Liebe zur Fliegerei, wird Pilotin und schafft 1932 die Sensation: Nur fünf Jahre nach Charles Lindbergh überquert sie als erste Frau den Atlantik im Alleinflug.
Sie wird zum Star, gibt Interview um Interview. Sie spricht nicht nur über die Fliegerei. Als linke Pazifistin betont sie ihre Unterstützung für den demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und dessen Programm zur Bekämpfung der Armut. Auch setzt sie sich vehement für die Rechte der Frauen ein, die befreit werden müssten aus dem «Käfig ihres Geschlechts».
Eine Maus am Steuerknüppel
Fasziniert von Emilia Earhart ist auch der deutsche Kinderbuchautor Torben Kuhlmann. Er ist bekannt für seine verspielt-witzigen Mäuseabenteuer, bei denen gewitzte graue Nager im Zentrum stehen, die von Entdeckergeist getrieben sind und Pioniertaten vollbringen.
Im aktuellen fünften Band der Reihe macht sich kurz vor Amelia Earhart eine kleine Wühlmaus auf, die Erde per Flugzeug zu umrunden. «Eine Wühlmaus ist eigentlich zum Wühlen im Boden bestimmt», sagt Torben Kuhlmann augenzwinkernd. «Wenn nun eine fliegen will, rebelliert sie gegen die gesellschaftlichen Konventionen – ähnlich wie Amelia Earhart in der Menschenwelt.»
Erst am Ende des Buchs trifft die gewitzte Mäusepilotin auf die Menschenfrau Amelia Earhart. Und inspiriert diese in einer witzigen Pointe dazu, ihr die Weltumrundung nachzutun.
Eine Gestalt unserer Zeit
Torben Kuhlmanns Geschichte ist fiktiv und fantastisch. Doch das mit filigranen Zeichnungen illustrierte Buch ist voll von Anklängen an die Realität und schafft einen für junge Leserinnen und Leser niederschwelligen Zugang zur Pionierin.
Torben Kuhlmann und Jo Lendle beschwören in ihren Werken – so unterschiedlich diese auch sind – ihre Faszination für Amelia Earhart. Und sie machen dabei die verblüffende Modernität der unerschrockenen Kämpferin und Pionierin fassbar, die vor bald neun Jahrzehnten plötzlich verschwand.