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Bild 1 von 7. Das klassische Familienreihengrab hat zunehmend ausgedient. Nur noch knapp 20 Prozent aller Verstorbenen werden in der Schweiz so beerdigt – in ländlichen Regionen etwas mehr als in städtischen. Auch im Tessin beispielsweise steht diese Bestattungsart noch relativ hoch im Kurs. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 2 von 7. Ein Relikt aus vergangener Zeit: Die Familiengruft, schon damals nur für Reiche eine Option, wird kaum mehr gefordert. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 3 von 7. Friedwälder werden immer beliebter. Dabei wird die Asche an einem definierten Baum bestattet. Eine sichtbare Kennzeichnung, wer an welcher Stelle beerdigt wurde, gibt es aber nicht. Wohl aber können Familien einen Baum für 20 Jahre «mieten», beispielsweise als Familiengrab. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 4 von 7. Erst wenige Gemeinden, mehrheitlich in der Deutschschweiz, haben ihre Friedhöfe für Muslime geöffnet – wie hier der Zürcher Friedhof Witikon. Die Gräber sind nach Mekka ausgerichtet. Statt nur im Leintuch müssen muslimische Familien ihre Toten im Sarg beerdigen. Die meisten lassen ihre Verstorbenen aber nach wie vor in die Heimat überführen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 5 von 7. Ebenfalls eine angebotene Option: Eine Wiese als Gemeinschaftsgrab. Für Besucher schön anzusehen und eine Möglichkeit für ein Gemeinschaftsgrab. Was willkürlich aussieht, ist so willkürlich nicht: Es gibt genaue Aufzeichnungen dazu, wessen Asche in genau welchem Segment der Wiese bestattet ist. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 6 von 7. Immer stärker gleichen die Friedhöfe weitläufigen Parkanlagen, denn die platzintensiven Reihengräber nehmen Jahr für Jahr ab. Wie hier auf einem Genfer Friedhof liegen weite Freiflächen zwischen den einzelnen Gräbern. Bildquelle: Keystone.
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Bild 7 von 7. Und auch hier auf dem Friedhof Rosengarten in Aarau gleicht die Anlage mehr einem Park als dem tradierten Bild des Friedhofs. Bildquelle: Keystone.
Die Schweiz ist liberal. Sehr liberal sogar, wenn es um Bestattungen geht. In keinem der Nachbarstaaten stehen so viele Möglichkeiten offen. Die Urne mit den sterblichen Überresten daheim im Regal platzieren – oder die Asche gar auf dem Lieblingsgipfel verstreuen? In Deutschland beispielsweise ein Ding der Unmöglichkeit. In der Schweiz: kein Problem.
Diese Freiheit stellt die Friedhöfe vor die grosse Herausforderung, als letzter Ruheort attraktiv zu bleiben. Denn die Erdbestattung inklusive klassischem Reihenmietgrab oder Familiengrab hat, zumindest in der Deutschschweiz, fast ausgedient. Über 80 Prozent der Verstorbenen werden kremiert, im städtischen Raum sind es noch mehr. Seit die katholische Kirche 1963 die Einäscherung erlaubt hat, ist die Tendenz stetig steigend. Heute gehört die Schweiz europaweit zu den Spitzenreitern, mehr Feuerbestattungen gibt es nur in Tschechien.
Lichte Reihen auf dem Friedhof
Für die Friedhöfe bedeutet das: Die Reihen lichten sich. Waren 1990 in Zürich noch über 80‘000 Gräber und Nischen belegt, sind es 2012 bereits nur noch rund 50‘000, weil sich immer mehr Menschen in Gemeinschaftsgräbern beisetzen liessen – und lassen. Auf zehn Quadratmetern Boden finden nur vier Särge, aber ganze 60 Urnen Platz, die Folge augenscheinlich: «In der Stadt Zürich haben wir dadurch sehr viele Leerflächen auf den Friedhöfen», bestätigt Lotti Reust, Beraterin im Bestattungsamt Zürich.
Ein Faktor für die steigende Beliebtheit der Gemeinschaftsgräber ist sicher die Kostenfrage: Viele wollen mit ihrer Beerdigung die Angehörigen nicht finanziell belasten. «Oft mögen Menschen, die ihr ganzes Leben in einer Gemeinschaft verbracht haben, aber auch einfach nicht gerne allein in einem Grab sein», sagt Lotti Reust. Vielfach leben die Angehörigen so weit verstreut, dass sie die Grabpflege nicht leisten können. Hinzu kommt: «Menschen sind heute einfach keine so grossen Friedhofsgänger mehr», so die Bestattungsberaterin. Völkerwanderungen gen Friedhof an Allerseelen gehören der Vergangenheit an.
Die Urne im Gepäck
Auch deswegen entscheiden sich viele für alternative Bestattungsarten jenseits der Friedhofsmauern. In Basel beispielsweise nahmen Angehörige vor gut zehn Jahren von 1800 Urnen 60 mit nach Hause. Heute sind es bereits 350. «In Zürich gehen wir von etwa zehn Prozent aus», sagt Rolf Steinmann, Leiter des Bestattungs- und Friedhofsamts der Stadt Zürich. Lotti Reust erlebt das in ihrer täglichen Arbeit: «Unter meinen sechs bis sieben Beratungen pro Tag ist bestimmt eine, wo die Angehörigen die Urne nach Hause oder ins Ausland nehmen möchten.» Empirische Zahlen dazu, was dann mit den Urnen geschieht, gibt es keine. Möglicherweise findet die Bestattung in anderen Gemeinden statt, oder erst zu einem viel späteren Zeitpunkt, oder aber die Urne bleibt bei den Angehörigen, die die Asche vielleicht in der Natur verstreuen.
Die Friedhöfe steuern mit einer erweiterten Palette gegen diese Entwicklungen. In Zürich beispielsweise stehen inzwischen 14 unterschiedliche Grabtypen zur Auswahl – vom klassischen Familiengrab über Aschebeisetzungen im Wald bis hin zu Themenmietgräbern, einem eher neuen Angebot. Dabei handelt es sich um kleinere Gemeinschaftsgräber für 20 bis 30 Verstorbene – speziell für Paare, oder ein Grabfeld mit traditionellen schmiedeeisernen Kreuzen. Andernorts gibt es spezielle Wiesengräber oder Bestattungsmöglichkeiten entlang von Wasserspielen. In einigen wenigen Städten finden auch Menschen muslimischen Glaubens auf Friedhöfen ihre letzte Ruhe – in eigenen Bereichen, gen Mekka ausgerichtet, in reiner Erde. Wenn all diese Massnahmen nicht greifen: Im Zweifelsfall bleiben Gräber einfach länger als die gängigen 20 Jahre bestehen, bevor sie aufgehoben werden.
Platz für mehr Leben
Die deutlichste Veränderung aber: Das neue Platzangebot eröffnet Friedhöfen die Möglichkeit für mehr Leben. Grosse Friedhöfe werden zunehmend von der breiten Öffentlichkeit als ruhige Grünflächen genutzt werden, glaubt Rolf Steinmann. Schon heute sind viele nicht mehr nur ein Ort der Gräber, sondern Ruheoasen im städtischen Trubel, Lebensraum für Tiere und Pflanzen und oft auch historisch interessant – für jedermann. Ein schönes Café neben einem Spielplatz auf dem Gelände? Ein Yogakurs auf einer Wiese? Ein kultureller Anlass vor Ort? In Zukunft durchaus denkbar. «Ein Friedhof muss ja nicht nur ein Totenort sein», findet Rolf Steinmann. «Er lebt.»