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Wir sind nicht die «Krone der Schöpfung»

Es wäre anmassend und falsch, zu glauben, der moderne Mensch sei das Endresultat der Evolution und wir seien die «Krone der Schöpfung». Wer in die Vergangenheit blickt, merkt schnell, dass sich der menschliche Körper laufend verändert. Wie jedes andere Lebewesen passt sich der Mensch veränderten Umweltbedingungen an. Diesen Mechanismus hat Charles Darwin in seiner Evolutionstheorie beschrieben.

Diese Veränderungen erfolgen langsam, über Tausende von Jahren. Anderes ändert sich schneller, über wenige Generationen oder sogar innerhalb eines Menschenlebens. In der Neuzeit haben die medizinische Entwicklung, höhere Hygienestandards und unsere Ernährung einen grossen Einfluss auf die Entwicklung.

15 cm grösser in 140 Jahren

Am augenfälligsten ist dies bei der Körpergrösse: Die meisten Menschen in entwickelten Ländern sind wegen veränderter Lebensbedingungen grösser als ihre Eltern und Grosseltern.

So hat sich in den letzten 140 Jahren die Durchschnittsgrösse der 19-jährigen Schweizer Männer um über 15 Zentimeter von 163.3 cm (im Jahr 1878) auf 179.0 cm (2017) erhöht.

Die Veränderungen folgen dabei nicht einem grossen Master-Plan, sondern vielmehr dem Prinzip «Trial & Error». Letztlich wird alles dem Ziel des Überlebens und der Fortpflanzung untergeordnet.

Wer genau hinschaut, entdeckt schnell eine Vielzahl evolutionärer Anpassungen. Elf davon zeigen wir hier: Von der neuen Schlagader im Unterarm über die Laktosetoleranz bis zum «Handy-Daumen», der sich möglicherweise entwickelt.

Neue Schlagader im Unterarm

Bereits ein Drittel der Menschen verfügt über eine zusätzliche Schlagader im Unterarm, die Arteria mediana. Im embryonalen Stadium findet sich diese in jedem Menschen, doch nach der Geburt bildete sie sich bis vor gut 100 Jahren fast immer zurück.

Hält der Trend bei diesem Tempo an, könnten schon im Jahr 2100 die Mehrheit aller Menschen eine dritte Arterie im Unterarm besitzen. Der Grund dafür ist unklar.

Die vielen Nerven und Blutbahnen auf engstem Raum haben auch Nachteile: So zeigen Untersuchungen von Patienten mit dem schmerzhaften Karpaltunnelsyndrom überdurchschnittlich viele Fälle, in denen die Arteria mediana ausgebildet war.

Die «Handy-Daumen»-These

Wenn Sie Nachrichten auf Ihrem Mobiltelefon mit dem Zeigefinger verfassen, können Sie diesen Punkt überspringen. Für alle anderen und besonders für Jugendliche, die ihre Handys ausserordentlich flink mit dem Daumen bedienen, gilt: Ihre Daumen können bereits stärker und beweglicher sein als jene ihrer Eltern. Sogar die Aktivität im zuständigen Hirnareal zeigt laut Studien bei häufigen Touchscreen-Benutzern Besonderheiten.

Gleichzeitig haben aber auch Sehnenscheidenentzündungen oder Beschwerden im Daumengrundgelenk zugenommen. Kein Wunder, denn der Daumen ist ursprünglich für das Greifen gedacht und nicht, um ihn abzuspreizen und ihn ständig zu dehnen.

Palmaris-Muskel: Sehnenersatz für Chirurgen

Ein gutes Beispiel für die Formenvielfalt des menschlichen Körpers ist der lange Hohlhandmuskel «Palmaris longus». Er ist einer der am unterschiedlichsten ausgeprägten Muskeln des menschlichen Körpers.

Bei bereits rund 20 Prozent der Menschen fehlt er oder ist doppelt angelegt. Und bei jenen, die ihn noch haben, setzt er nicht immer am selben Knochen an. Gross sind auch die ethnischen Unterschiede: Bei Asiaten wird das Fehlen nur in ca. 3 % beobachtet.

Früher diente der Muskel zum besseren Greifen, etwa von Ästen beim Klettern. Heute hat er keine Funktion mehr. Eine Entfernung des Muskels hat keine Einschränkungen zur Folge. Vorteil: Chirurgen dient er bei Operationen als Sehnenersatz.

Legende:Testen Sie mit dem Schäfer-Test ganz einfach selber, ob Sie den Palmaris Longus haben oder nicht.CRTechnologies (Youtube) / clinicallyrelevant.com

Bald sind wir alle kurzsichtig

Eine verbreitete Begleiterscheinung unserer modernen Gesellschaft ist die Kurzsichtigkeit.

Der Anteil kurzsichtiger Menschen in den Industrienationen beträgt bereits ein Drittel. In asiatischen Ländern liegt diese Zahl teilweise sogar bei 90 Prozent. Die Ursache liegt darin, dass wir immer häufiger und länger auf nahe Objekte wie Bildschirme starren. Um dabei ein scharfes Bild auf der Netzhaut zu erzeugen, leistet das Auge mühsame Anpassungsarbeit. Einfacher ist es für den Körper, wenn der Augapfel in die Länge wächst. Das ist für das Auge bequemer. Dadurch treten aber Probleme beim scharfen Sehen in die Ferne auf.

Dank Brillen, Kontaktlinsen und Lasertechnologie sind die Nachteile beschränkt und es besteht kein evolutionärer Anpassungsdruck. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass wir alle in nicht zu ferner Zukunft kurzsichtig werden.

Ohrenwackeln: Überbleibsel der Wildnis

Rehe können es, oder Kühe: Das Drehen der Ohren in alle Himmelsrichtungen ist für viele Tiere überlebenswichtig. Nur so können sie Gefahren schnell und genau orten.

Beim Menschen ist das Richtungshören längst überflüssig und die dafür notwendigen äusseren Ohrmuskeln haben sich zurückgebildet. Nur noch wenig Menschen beherrschen mit Überbleibseln des Muskels die Fähigkeit des Ohrenwackelns – und sorgen damit immer wieder für Heiterkeit.

Dichtestress für die (Weisheits-)Zähne

Unsere steinzeitlichen Vorfahren mussten noch viel kauen und brauchten dafür grosse und starke Kiefer und Zähne. Als die Nahrung immer mehr zerkleinert und gekocht wurde, begannen Kiefer und Mund zu schrumpfen. Denn: Für weiche Fast-Food-Hamburger und Obst-Smoothies braucht es keine Reisszähne.

Deswegen sieht unser Gesicht heute zierlicher aus als bei den Höhlenbewohnern. Gleichzeitig wird der Platz für die Zähne knapp. Es kommt deshalb häufiger zu Zahnfehlstellungen und Komplikationen. Das gilt besonders für die Weisheitszähne. Sie suchen sich in der hintersten Ecke irgendwie Platz oder brechen gar nicht erst durch.

Wir werden zu «grazilen Schwergewichten»

Nicht nur unsere Kiefer sind kleiner, sondern der gesamte Knochenbau hat sich verschlankt. Mit dem Beginn der Zivilisation hat sich unsere Knochenstärke in den vergangenen 4000 Jahren um 15 Prozent reduziert.

Mit dem Abschied vom körperlich anstrengenden Leben als Sammler und Jäger sind  kräftige Muskeln und robuste Knochen nicht mehr zwingend erforderlich. Evolutionär betrachtet sind sie energetisch eher ineffizient und können in Zeiten von Nahrungsknappheit sogar zum Nachteil werden.

In modernen Wohlstandsgesellschaften sind Hungersnöte kein Thema mehr, eher ist der Überfluss ein Problem: Moderne Menschen neigen zu Übergewicht. Diese paradoxe Entwicklung hin zu «grazilen Schwergewichten» sorgt für eine Zunahme von Gelenkleiden wie Arthrose.

Laktosetoleranz dank Gendefekt

Als vor rund 7000 Jahren Menschen in Europa Kuhmilch zu trinken begannen, waren nahezu alle laktoseintolerant. Erst mit der Ausbreitung der Milchwirtschaft setzte sich die Milchverträglichkeit bis ca. 1000 v. Chr. flächendeckend durch.

Der Vorgang ist ein Lehrbeispiel der Darwin’schen Evolutionslehre: Am Anfang steht vermutlich ein Gendefekt, nämlich die Fähigkeit, Milch zu verdauen. Dieser hat sich dann über den Selektionsvorteil – insbesondere während Hungersnöten und Krankheitswellen – durchgesetzt.

So haben die meisten Europäerinnen und Europäer sowie die europäischstämmige Bevölkerung Amerikas und Australiens heute kein Problem mit der Verdauung von Milchzucker. Genau umgekehrt ist es in Afrika: Dort vertragen 80 bis 100 Prozent keine Laktose.

Die Globalisierung und hohe Mobilität moderner Gesellschaften dürften für eine neue Verteilung sorgen, doch an der Situation insgesamt wird sich kaum etwas ändern: Die einen werden Milch weiterhin verdauen können, während die anderen laktoseintolerant bleiben.

Östrogen-Schwemme als Brustkrebsverursacher

Frauen in der Steinzeit waren fast immer schwanger und stillten ihre Kinder. Heute haben Frauen in unseren Breitengraden nur noch wenige Kinder und stillen nur kurz oder gar nicht. Wegen der reduzierten Östrogenproduktion nach der Geburt und während der Stillphase sind moderne Frauen deshalb zeitlebens höheren Östrogen-Werten ausgesetzt als ihre Vorfahrinnen. Die damit einhergehende Östrogenschwemme gilt als eine der Hauptursachen für Brustkrebs.

Östrogen wird hauptsächlich in den Eierstöcken produziert, es befördert dort die Reifung einer befruchtungsfähigen Eizelle.

Der Kleine ist nutzlos

Wenn ein Körpermerkmal seine Funktion für das Überleben verliert, kann es sich zurückentwickeln. Forschende sprechen dann von «regressiver Evolution» oder einer «degenerativen Entwicklung».

Wir schwingen uns nicht mehr mit Hand und Fuss von Baum zu Baum, sondern gehen aufrecht und sitzen viel im Büro. Der Nutzen eines kleinen Zehs beim Gehen und Baumklettern ist darum nur noch klein und er könnte bald verkümmern. Schon heute ist er bei manchen Menschen winzig, oft nur mit geringen Resten eines Nagels.

Steissbein und Penisknochen

Andere Beispiele von degenerativen Prozessen sind die Rückbildung des Schwanzes zum Steissbein mit der Entwicklung des aufrechten Ganges oder das Verschwinden des Penisknochens. Die Forscher vermuten, dass der Homo erectus vor etwa 1.9 Millionen Jahren den Penisknochen verloren hat, als sich das Fortpflanzungsverhalten änderte und die monogame Lebensweise aufkam. Zuvor hatte der Knochen den männlichen Lebewesen zu einer verlässlichen Standhaftigkeit beim Fortpflanzungsakt gegenüber zahlreicher Konkurrenz verholfen.

Was sagt der Evolutions-Mediziner zum Einfluss von moderner Lebensweise und Evolution auf unsere Körper?

Porträtbild
Legende: Frank Rühli ist Direktor des Instituts für Evolutionäre Medizin und Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Zürich. uzh

SRF: Herr Rühli, es scheint, der Einfluss von Ernährung, Hygiene und medizinischem Fortschritt auf die Entwicklung unserer Körper nehme gegenüber den evolutionären Einflüssen zu?

Frank Rühli: Ja, wir nehmen an allen Ecken und Enden Einfluss auf die Evolution. Das meiste davon ist wohl sehr positiv, wenn auch nicht alles, allerdings möchte ich das nicht werten. Evolutionär wird bekanntlich weitergegeben, was ein Selektionsvorteil schafft und sich beispielsweise sexuell fortpflanzen kann. Heute unterscheiden sich die Rahmenbedingungen dafür natürlich komplett von der «freien Wildbahn» vor Tausenden oder Millionen Jahren.

Gelten denn die von Darwin formulierten Grundsätze überhaupt noch? Müssten sie angepasst werden?

Die Darwin’schen Thesen sind die Grundlage der Evolutionsbiologie und sie sind nach wie vor grösstenteils richtig. Wir «hebeln» sie aber auf verschiedenen Ebenen teilweise aus. Man denke nur an die praktisch nicht mehr existente Kindersterblichkeit aufgrund des medizinischen Fortschritts. Oder an die natürliche Fertilität, die etwa durch die Verhütungspille oder die künstliche Befruchtung massgeblich beeinflusst wird.  

Es wird vermutet, dass uns wegen des häufigen Smartphone-Gebrauchs ein flinker und starker «Handy-Daumen» entsteht. Was ist davon zu halten?

Das ist vorerst tatsächlich noch eine Vermutung und kein wissenschaftlicher Fakt. Grundsätzlich ist es aber schon so, dass ein häufig genutzter, wichtiger Körperteil eher besser durchblutet und kräftiger wird. Kurzfristig sehe ich aber eher zwei andere, eher degenerative, Konsequenzen. So kann die starke Daumennutzung etwa zu Schmerzen im Grundgelenk und zu Arthrose führen. Darauf könnte dann der Körper langfristig mit einer Anpassung reagieren. Ein weiteres, aber schwierig nachweisbares, Problem könnte eine verringerte Aufmerksamkeitsspanne als Folge einer übermässigen Handy-Nutzung sein. Evolutionäre Konsequenzen hätte das dann, wenn es ein Selektionsvorteil ist, sich länger konzentrieren zu können.

Alle reden von Künstlicher Intelligenz (KI) und wie sie unser Leben verändern wird. Welche Auswirkungen könnte KI auf die menschliche Entwicklung aus der Sicht des Evolutions-Mediziners haben?  

Wie alle Technologien bringt auch die Künstliche Intelligenz Vor- und Nachteile mit sich. Das raschere Lösen gewisser Aufgaben oder der schnellere Wissenstransfer sind vermutlich positiv. Mit der Verwendung einer KI lagere ich Wissen und Wissensgenerierung, aber auch Vorurteile, gewissermassen aus. Letztlich kann man das als Ressourcenschonung betrachten, was evolutionär betrachtet eher vorteilhaft ist. Allerdings führt es vielleicht auch dazu, dass ich weniger denke und geistig faul werde, was eher ein Selektionsnachteil sein dürfte.

Wissenschaftliche Quellen

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Körpergrösse

K. Staub / N. Bender / J. Floris / C. Pfister / F. Rühli, Obes Facts (2016) 9 (4): 259–272.(2016)

https://doi.org/10.1159/000446966

BfS, Gesundheitsbefragung (2017)

https://www.bfs.admin.ch/asset/de/7586022

Arteria mediana

M. Henneberg, Journal of Anatomy (2020)

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/joa.13224

Handy-Daumen

A. Baabdullah, Medicine, Baltimore, (2020)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7478614/

A. Gindrat et al., Current Biology (2014)

https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(14)01487-0

Palmaris Longus

T. Schreiber, Kenhub (2023)

https://www.kenhub.com/de/library/anatomie/musculus-palmaris-longus    

Alejandro Ortiz et al., European Journal of Anatomy (2022), (zum Karpaltunnel-Syndrom)

https://eurjanat.com/articles/palmaris-profundus-and-carpal-tunnel-syndrome-is-it-really-a-palmaris-muscle/

Kurzsichtigkeit

E. Dolgin, Nature (2015)

https://www.nature.com/articles/519276a

Ohrenwackeln

S.A. Hackley, Psychophysiology, (2015)

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/psyp.12501 

Kleiner Kiefer / Zähne

A.H. Jheon et al., HHS Author Manuscripts, (2012)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3632217/

Geringere Knochenstärke

M. Cotter et al., PLoS One (2011)

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22028933/

A. Kralick/ B. Zemel , Frontiers in Endocrinology (2020)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7064470/

Laktosetoleranz

R. Evershed/M. Thomas, Nature (2022)

https://www.nature.com/articles/s41586-022-05010-7

L. Segurel et al. PloS Biology, (2020)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7302802/

Östrogen / Brustkrebs

C. Athena Aktipis et al., Evolution, Medicine, and Public Health (2015)

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4362290/

Knochenrückbildungen

Bo Xia et al., Biorvix, (2021) (zum Steissbein)

https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.09.14.460388v1

M. Brindle/C. Opie, Royal Society, (2016) (zum Penisknochen)

https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2016.1736

Impressum

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Roland Specker (Redaktion), Ulrich Krüger (Design), Fabian Schwander (Frontendentwicklung).

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