Alfonso Allende sitzt auf der Hantelbank im Fitnessstudio. Schweissperlen tropfen auf den Boden. Er schaut in den Spiegel und sagt: «Ich bin stolz darauf, wie ich aussehe. Zufrieden bin ich aber noch nicht.» Bis zu sechs Mal in der Woche stemmt der 19-Jährige Gewichte.
Dazu ernährt er sich sehr bewusst, mit Fokus auf ausreichend Proteine. Süssigkeiten isst Allende keine, im Restaurant wählt er stets die gesündeste Option. «Manchmal finde ich meine Ernährung langweilig. Aber dann erinnere ich mich daran, wofür ich das mache.»
Wenn Fitness ungesund wird
Roland Müller, Leiter des Angebots zu Fitness- und Muskelsucht am Inselspital Bern, sagt: «Junge Männer stehen heute unter einem grossen Druck, trainiert und muskulös auszusehen.» Der Psychologe hat sich auf Ess- und Körperbildstörungen bei Männern spezialisiert.
«Ein trainierter Körper ist in der Gesellschaft mit dem Gedanken verbunden, eine leistungsfähige und belastbare Person zu sein», sagt Müller. Fitness ist aber nicht nur gesund. «Wenn das Training einen bestimmt und nicht umgekehrt – dann wird es problematisch», sagt der Psychologe.
«Body Positivity» – aber nur für Frauen
Auch für Frauen galt lange: Nur schlank ist schön. Seit einigen Jahren wird das Bild jedoch diverser. Kurvige Frauen präsentieren sich selbstbewusst im Internet und «Plus-Size»-Models haben die Laufstege der Welt erobert. Treiber dieses Wandels ist die «Body-Positivity»-Bewegung.
Morena Diaz macht seit Jahren als Influencerin Content, der zur Selbstakzeptanz ermutigt: «Ich thematisiere Selbstliebe insgesamt, also dass man sich selbst einfach bedingungslos gern hat, so wie man ist.» Für sie gibt es weder einen idealen Körper noch Problemzonen. «Die Problemzone ist im Kopf: die Unsicherheit.»
Früher litt die 32-Jährige an einer Essstörung, sie habe viel gehungert. «Ich habe maximal 500 bis 1000 Kalorien am Tag zu mir genommen», sagt Diaz.
«Ohne Sport kann ich nicht»
Ein Problem, das durchaus auch junge Männer betrifft, sagt Psychologe Roland Müller. Doch die Stigmatisierung, die Männer mit einer Essstörung erfahren, sei besonders gross. Der Experte glaubt, Männer hätten viel aufzuholen, denn: «Die Body-Positivity-Bewegung hat Männer noch nicht wirklich erreicht.» Filme, Werbung oder Social Media: Die Medien sind voll von durchtrainierten Männerkörpern.
Auch Alfonso Allende will noch trainierter, stärker und muskulöser werden. «Ich will die beste Version meiner selbst sein.» Jeden Tag geht er für seine sportlichen Ziele wieder aufs Neue an seine Grenzen. Auch wenn er Pause vom Krafttraining macht, ist Allende aktiv. «Ohne Sport kann ich nicht, das ist wie eine Sucht.»
Für ihn gebe es keine Grenze, mehr gehe immer. «Im Spiegel sehe ich meinen grössten Gegner. Aber auch meinen besten Freund.»