«Die Rente ist sicher»: Diesen Satz kennt fast jeder in Deutschland. Norbert Blüm war ein Arbeitersohn. Er machte eine Lehre als Werkzeugmacher und arbeitete zunächst auch als Bauarbeiter, Lastwagenfahrer und Kellner, bevor er mit einem Stipendium Philosophie und Theologie studieren konnte.
Als Arbeitsminister mit dem grössten Einzeletat wurde er 1982 zum «Werkzeugmacher» der bundesdeutschen Sozialpolitik.
«Die Arbeit ist wichtiger als das Kapital»
Blüm gehörte zum katholischen, zum linken, zum Arbeitnehmerflügel der CDU, der noch immer präsent, aber früher sehr viel stärker war. «Die unwandelbare Wahrheit der katholischen Soziallehre lässt sich auf einen Fingernagel schreiben, nämlich: Der Mensch ist wichtiger als jede Sache», sagte Blüm einmal im Deutschlandfunk. Und ergänzte, «mit anderen Worten: Die Arbeit ist wichtiger als das Kapital.»
Das CSU-Urgestein Franz Josef Strauss nannte ihn deshalb einen Herz-Jesu-Marxisten. «Mit dem Vornamen Herz-Jesu vertrage ich sogar Marx als Zuname», kommentierte Blüm.
Ein Leben für Politik und Menschlichkeit
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Bild 1 von 5. Norbert Blüm war Politiker durch und durch. 16 Jahre lang war er Bundesminister, als Einziger während der ganzen Regierungszeit von Ex-Kanzler Helmut Kohl. 1.64 Meter klein, galt er als grosser Mann. Besonders engagiert, wenn es um die Schwächeren in der Gesellschaft ging. «Tue recht und scheue niemand» war sein Lebensmotto. Bildquelle: Keystone.
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Bild 2 von 5. Blüm war Arbeits- und Sozialminister. Die Rente war sein Kernthema. Unermüdlich versprach er dem Volk, dass sie für alle sei und auch für alle genüge. Im fortgeschrittenem Alter musste er dann zugeben, dass er dabei wohl Unrecht hatte. Die Renten wurden immer kleiner und deckten oftmals nicht mehr den nötigen Lebensunterhalt. Blüm litt darunter. Bildquelle: Keystone.
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Bild 3 von 5. 2016, im bereits hohen Alter, zeltete Norbert Blüm vor dem griechischen Camp Idomeni, um auf das dortige Flüchtlingselend aufmerksam zu machen. Blüm wollte zeitlebens «die Menschlichkeit gegen die Geldgesellschaft» verteidigen. Er besuchte Krisenregionen auf der ganzen Welt, stritt mit Diktatoren und nahm dabei oft kein Blatt vor den Mund. Bildquelle: Keystone.
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Bild 4 von 5. «Der Nobby ist der Nobby», so beschrieb ihn einmal ein Parteifreund und meinte damit seine Einzigartigkeit. Einzigartig vielfältig war er bestimmt. Blüm war eigentlich gelernter Werkzeugmacher, später jedoch Theologe mit Doktortitel. Er war aktiver Gewerkschafter, Politiker, Anwalt für die Menschlichkeit und machte in der Freizeit noch Kabarett. Bildquelle: Keystone.
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Bild 5 von 5. In seiner knappen Freizeit liebte Norbert Blüm Radtouren – begleitet von seiner Frau Marita, mit der er seit 1964 verheiratet war. Nur ganz zuletzt ging das wohl nicht mehr. Blüm kämpfte in den letzten Monaten mit Lähmungen infolge einer Blutvergiftung. Nun ist er im Alter von 84 Jahren verstorben. Bildquelle: Keystone.
Blüm war ein Kind des deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit, er stand für einen starken Sozialstaat, der bis 1989 das vielleicht wichtigste Fundament der alten Bundesrepublik war.
Denn dieser Sozialstaat sollte so stark sein, dass nie mehr ein Hitler die Massen verführen konnte. Und deswegen behielt Kanzler Kohl Blüm immer an seiner Seite. Die einen nannten ihn das soziale Gewissen, die anderen das soziale Feigenblatt.
In der Bundesrepublik von Norbert Blüm mussten die Mittelschicht, die qualifizierten Arbeiter im Westen, bis in die späten 1990er Jahre auch bei Arbeitslosigkeit keinen sozialen Abstieg fürchten. Man konnte sogar faktisch ohne grosse Abstriche auch bei Arbeitslosigkeit ab Alter 58 in Rente gehen.
Engagement in der Flüchtlingskrise
In Blüms Bundesrepublik gab es auch so etwas wie einen goldenen Fallschirm für die ganz normalen Arbeitnehmer, heute gibt es das nur noch für die Top-Kader. Seit der Agenda 2010 ist es normal in Deutschland, mehrere, keine sicheren und nicht sehr gut bezahlte Jobs zu haben.
Norbert Blüm engagierte sich auch noch in der Flüchtlingskrise, als er aus Solidarität in einem Flüchtlingslager auf einer griechischen Insel sein Zelt aufschlug. Seit vergangenem Jahr war er nach einer Blutvergiftung an Händen und Beinen gelähmt. Im vergangenen Monat sagte er in seinem letzten Interview: Er fühle sich wie eine Marionette, der die Fäden abgeschnitten worden seien, sodass ihre Teile zusammenhangslos in der Luft baumelten.