Zuerst werden Hausaufgaben gemacht, darauf legen die Betreuerinnen und Betreuer im Kinderprojekt Sonnenblume Wert. Danach gibt es Mittagessen. Und obwohl es bereits nach 14 Uhr ist, nehmen viele der Kinder ihre erste Mahlzeit des Tages ein. «Die kommen schon ganz ausgehungert hier an», sagt Susanne Pigors, die in der Einrichtung arbeitet.
Hier bekommen die Kinder, was ihnen zu Hause fehlt: Hausaufgabenhilfe, ein Freizeitangebot und eine funktionierende Gemeinschaft. «Wir essen zusammen und wir spielen zusammen. Das ist schön», sagt die zehnjährige Anastasia. Sie kommt fast täglich in die Sonnenblume. Das Angebot ist kostenlos.
Die Sonnenblume ist ein Verein in Leherheide-West, einem Stadtteil von Bremerhaven in Norddeutschland. Ein Quartier, das allgemein als «sozialer Brennpunkt» bezeichnet wird.
Wir platzen aus allen Nähten.
Ein grosser Teil der Kinder, die hier aufwachsen, ist von Armut betroffen. Das merkt auch Susanne Pigors: «Wir platzen aus allen Nähten. Irgendwann wissen wir gar nicht mehr wohin mit den vielen Kindern.» Aktuell müsse sie gar Kinder ablehnen und darum bitten, zu einem späteren Zeitpunkt wiederzukommen.
Jedes fünfte Kind ist armutsgefährdet
Gemäss offiziellen Berechnungen wächst in Deutschland jedes fünfte Kind in einer Umgebung der Armut auf. Dies brachte Deutschland 2024 eine Rüge durch den Europarat ein. Es brauche mehr Anstrengungen, um den Kreislauf der Kinderarmut zu durchbrechen, so der Bericht.
Kinderarmut sorgt auch für hohe volkswirtschaftliche Kosten: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD schätzt diese in Deutschland auf mehr als 100 Milliarden Euro jährlich. Niedrigere Bildungsabschlüsse, höhere Arbeitslosenquoten und damit etwa ausbleibende Sozialabgaben würden ins Gewicht fallen.
Politisches Hickhack
Die Regierung von SPD, Grünen und FDP setzte sich bei Amtsantritt das Ziel, Kinderarmut zu bekämpfen. Zu diesem Zweck sollte eine «Kindergrundsicherung» eingeführt werden.
Doch mittlerweile ist von diesem Vorhaben nicht mehr viel übrig. Das einstige sozialpolitische Leuchtturmprojekt scheiterte nicht zuletzt an unterschiedlichen Auffassungen der grünen Familienministerin Lisa Paus und FDP-Finanzminister Christian Lindner. Anstelle der Kindergrundsicherung wurden lediglich Kindergeld und ein Zuschlag leicht erhöht.
Kinder haben keine Lobby.
Dass es auf der politischen Ebene demnächst griffige Massnahmen gegen Kinderarmut gibt, glaubt Journalistin Catrin Boldebuck nicht. Sie recherchiert für das Nachrichtenmagazin «Stern» zu diesem Thema und hat kürzlich ein viel beachtetes Buch publiziert: «Die traurige Wahrheit ist, dass Kinder keine Lobby haben. Und arme Kinder haben sie erst recht nicht», so Boldebuck.
Ein «Tropfen auf den heissen Stein»
Beim Verein Sonnenblume in Bremerhaven-Leherheide steht den Kindern täglich Personal für die Hausaufgabenhilfe zur Seite. Um die Armutsspirale zu durchbrechen, und allen Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen, brauche es bessere Bildung, sagt Gründerin Cornelia Rönnefahrt. Die Kinder, die sie betreuen, hätten oft grosse Defizite. «Wir versuchen, den Kindern einen guten Schulabschluss zu ermöglichen. Aber unser Projekt ist ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Rönnefahrt.
Das Projekt finanziert sich ausschliesslich durch Spenden. Die finanzielle Lage sei schwierig, so Rönnefahrt. Doch sie würden weitermachen. Den Kindern zuliebe.