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Bild 1 von 7. Eigentlich ein Paradies: Die Andamanen (im Bild) und die Nikobaren im Indischen Ozean. Touristen dürfen nur auf einige Inseln der Andamanen reisen – ein Besuch der Nikobaren ist verboten. Deshalb durfte SRF-Korrespondentin Karin Wenger den Stammesführer Rashid Yusuf nur auf den Andamanen treffen. Bildquelle: Karin Wenger.
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Bild 2 von 7. Der Tsunami traf vor allem die südlich gelegenen Nikobaren. Dort wurden die meisten Stranddörfer zerstört, und dort waren auch die meisten der 3500 Todesopfer zu beklagen. Auf den Andamanen im Norden starb hingegen kaum jemand. Bildquelle: Karin Wenger.
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Bild 3 von 7. Unweit von Port Blair, der Hauptstadt der Andamanen, sieht man die Folgen des Tsunamis bis heute: Salzwasser, das ins Landesinnere eindrang und ganze Reisfelder zerstörte, ist bis heute nicht versickert. Bildquelle: Karin Wenger.
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Bild 4 von 7. Ein Tsunami-Opfer steht vor einem Wellblech-Haus in Bambooflat im Süden der Andamanen. Tausende Inselbewohner leben auch Jahre nach der Tsunami-Katastrophe, die ihre Häuser zerstörte, in temporären Unterkünften. Bildquelle: Reuters/archiv.
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Bild 5 von 7. Die Familie von Stammesführer Rashid Yusuf, welche grosse Kokosnussplantagen besessen hatte, wurde durch die Katastrophen-Hilfe reichlich entschädigt. Rashid lebt heute in Port Blair, hat ein grosses Haus und fährt ein schnelles Auto. Bildquelle: Karin Wenger.
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Bild 6 von 7. Diesen Privatstrand hat der Stammesführer erst kürzlich gekauft – allerdings nicht für sich, sondern, um die Kultur seines Stammes künstlich am Leben zu erhalten: «Hier will ich ein Dorf bauen, in dem Touristen unsere Traditionen erleben können. Es soll ein richtiges nikobarisches Dorf werden.» . Bildquelle: Karin Wenger.
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Bild 7 von 7. Viele Jugendliche seien heute gestresst – auch auf den Nikobaren, berichtet Rashid. Sie hätten keine Zeit für die Insel-Kultur. Mit seinem Projekt will er die Traditionen und Brauchtümer retten. «Nur so wird unsere Kultur überleben», ist der Indigene überzeugt. Sein Projekt existiert bisher jedoch erst auf einem Stück Papier. Bildquelle: Karin Wenger.
Sie sind ein Paradies auf Erden: Die Nikobaren und Andamanen, zwei Inselgruppen im Indischen Ozean südlich von Indien. Die 572 zu Indien gehörenden Inseln nördlich von Indonesien haben schneeweisse Strände und Kokospalmen. Dank dem Wind herrscht trotz hoher Luftfeuchtigkeit ein angenehmes tropisches Klima. Das türkisblaue Wasser hat Badewannentemperatur.
«Das Getöse war unbeschreiblich»
Doch ihre Lage wird den Inseln am 26. Dezember 2004 zum Verhängnis. Als der Tsunami nur wenige Minuten nach dem Seebeben über die Inseln hereinbricht, zerstört er alle Stranddörfer und tötet 3500 Menschen.
Prinz Rashid Yusuf, ein Stammesführer auf den Nikobaren, erinnert sich noch genau, wie er am frühen Morgen vom Erdbeben wachgerüttelt wurde. «Es bebte. Alle im Haus begannen zu schreien. Wir sahen, wie sich das Meer zurückzog und dann langsam wieder kam. Meine Mutter sagte: Lasst uns auf dem nächsten Hügel Schutz suchen.» Dann seien sie losgerannt.
Bewohner anderer Inseln angeschwemmt
«Dann kamen die Wellen, eine nach der anderen», berichtet der Stammesführer weiter. «Das Getöse war unbeschreiblich laut. Ich glaubte, wir würden alle sterben.»
Bewohner anderer Inseln wurden angeschwemmt, Boote zersplitterten, die meisten Kokosplantagen, die Haupteinkommensquelle der Inselbewohner, wurden zerstört. Die Überlebenden wurden in Regierungslagern versorgt. Auch Rashids Familie.
Nach der ersten Nothilfe begann der Wiederaufbau der indischen Regierung und der nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen, den NGO. Die Ureinwohner wollten so schnell wie möglich auf ihre Inseln zurückkehren.
Wellblech-Häuser mit Backofen-Temperatur
Rashid, der als Sprecher die Interessen seines Stammes vertritt, erinnert sich: «Unser Stamm sagte: Gebt uns Werkzeug, dann können wir arbeiten und unsere Dörfer wieder aufbauen. Aber weder die Regierung noch die NGO hörten auf uns. Sie brachten uns Decken, die wir im tropischen Klima nicht brauchen konnten. Dann zwangen sie uns Hütten auf, die wir nicht wollten.»
Die runden Stelzenhütten aus Holz, in denen mehrere Familien gemeinsam gewohnt hatten, wurden von der Regierung nicht wieder aufgebaut. Stattdessen stellte sie weit vom Strand entfernt Fertighäuser aus Wellblech für Kleinfamilien hin. Im tropischen Klima verwandeln sie sich in Backöfen.
«Das Geld hat unsere Zufriedenheit ruiniert»
Nach den Infrastrukturprojekten begann die Regierung, die Ureinwohner grosszügig mit Geld zu entschädigen. Familien, die Angehörige verloren hatten und deren Kokosplantagen zerstört worden waren, erhielten Tausende von Franken. Unsummen auf einer Insel, in der bislang kaum jemand Geld verdient hatte.
Jene, die Werkzeuge gefordert hatten, um ihr Leben selbst wieder aufzubauen, verstummten, erzählt Rashid: «Das Geld und der Alkohol, den meine Leute damit kaufen konnten, begeisterte alle. Unser Stamm lebte schon immer stark in der Gegenwart, sparen lernten wir nie, so wollten alle das Geld so schnell wie möglich ausgeben.»
Die Inselbewohner kauften Fernseher, Motorräder, überteuerte Autos, mit denen man auf den Inseln fahren konnte. «Das meiste Zeugs liegt jetzt irgendwo rum, weil es niemand reparieren kann und die Ersatzteile fehlen», sagt Rashid. «Das Geld war wie der Teufel. Es hat unsere Zufriedenheit ruiniert.»
Teddybären und Anzüge
Die Hilfe, die nach dem Tsunami auf den Nikobaren geleistet wurde, sei gut gemeint gewesen, aber das sei nicht gut genug, sagt der Anthropologe Manish Chandi: «Weder die Regierung noch die NGO wussten wirklich, was sie taten.»
Sie hätten die Indigenen schlicht nicht verstanden und Teddybären und Anzüge auf die tropische Insel gebracht. Alles gratis. «Das war der Beginn des Desasters», sagt Chandi. «Das schlimmste aber waren die Entschädigungsgelder.» Das Geld habe die Gesellschaftsstrukturen komplett verändert.
Die relativ unabhängigen Inselbewohner, die sich bis vor zehn Jahren zum grossen Teil selbst versorgt hatten, wurden in grosse Abhängigkeit getrieben. Der Alkoholismus nahm zu. Übergewicht und Krankheiten, die es bislang nicht auf der Insel gegeben hatte, breiteten sich aus.
Noch heute, zehn Jahre nach dem Tsunami, haben einige ihre Kokosplantagen nicht wieder aufgebaut – weil sie immer noch von den Entschädigungszahlungen leben. «Das Geld hat sie schlicht faul gemacht», resümiert der indische Anthropologe. Er forscht seit Ende der 1990er-Jahre auf den Nikobaren.
Heute gibt es aber auch Nikobaresen, die sich wieder auf ihre Kultur besinnen und Stelzenhäuser aufbauen. Der Grund: die Fertighäuser zerfallen, das Geld ist aufgebraucht.