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Bild 1 von 11. Am 16. Dezember 2012 vergewaltigen sechs Männer eine Studentin in Neu-Delhi. Sie misshandeln auch ihren Begleiter. Einen Tag später nimmt die Polizei vier Verdächtige fest, später zwei weitere. In landesweiten Massenprotesten verlangen die Demonstranten die Todesstrafe für die Vergewaltiger. Die Opposition fordert schärfere Gesetze. Bildquelle: Reuters/archiv.
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Bild 2 von 11. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten gehen Tausende auf die Strassen und protestieren gegen Vergewaltigungen und das lasche Vorgehen der Justiz. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dutzende werden verletzt. Bildquelle: Reuters/archiv.
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Bild 3 von 11. Die Rechtspartei Shiv Sena hat mit der Verteilung von 21'000 Messern an Frauen begonnen. Sie rät ihnen, die Messer mit der sieben Zentimeter langen Klinge stets bei sich zu tragen: «So wie Ihr Gemüse schneidet, solltet Ihr auch denen die Hand abschneiden, die euch anfassen.». Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 4 von 11. Die Proteste zeigen erste Wirkungen: Im Januar werden neue Schnellgerichte für Vergewaltigungsfälle eingerichtet. Zudem verschärft Indien die Strafen für sexuelle Gewalttäter. Am 16. Januar 2013 wird der erste Angeklagte zum Tode verurteilt. Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 5 von 11. Am 11. März 2013 wird der mutmassliche Drahtzieher der Bande erhängt in seiner Gefängniszelle aufgefunden. Hat er Selbstmord begangen, oder wurde er getötet? Die Familie behauptet Letzteres. Im Bild: Die Mutter von Ram Singh weint, als sie vor ihrem Haus zu den Medien spricht. Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 6 von 11. Und wieder schockiert eine Vergewaltigung ganz Indien: Im April wird ein 5-jähriges Mädchen tagelang in einem Haus festgehalten und vergewaltigt. Es wird mit schweren Verletzungen ins Spital gebracht. Einige Tage später erliegt es seinen Verletzungen. Beim Täter soll es sich um einen 25-jährigen Nachbarn des Mädchens handeln. Bildquelle: Reuters/archiv.
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Bild 7 von 11. Angehörige trauern um die verstorbene 5-Jährige. Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 8 von 11. «Ich bin ein Kind, kein Spielzeug!» rufen erboste Inder, nachdem die Vergewaltigung der 5-Jährigen bekannt wurde. Der Fall schürt eine neue Protestwelle gegen den Umgang der Behörden mit Sexualdelikten. Die grösste Oppositionspartei Indiens, Bharatiya Janata, verlangt die Absetzung der Chefministerin von Neu-Delhi. Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 9 von 11. Eine junge Frau hält ein Plakat mit der Aufschrift: «Du kannst vergewaltigt werden, aber Du darfst nicht gegen Vergewaltigungen demonstrieren. In der grössten Demokratie der Welt.». Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 10 von 11. Mitte Juni fand ein Schweigemarsch gegen eine Gruppenvergewaltigung in Kalkutta statt. Eine 20-jährige Studentin war von mehreren Männern vergewaltigt und getötet worden. Bisher wurden sechs Personen festgenommen. Bildquelle: Keystone/archiv.
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Bild 11 von 11. In Neu-Delhi wurden im ersten Halbjahr 2013 mehr als 800 Vergewaltigungen verzeichnet – 330 mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Im Bild: Mitte Juli werden acht Männer festgenommen, die vier Mädchen vergewaltigt haben sollen. Bildquelle: Reuters/archiv.
Im Dezember 2012 haben mehrere Inder eine 23-Jährige in einem Bus in Neu-Delhi brutal vergewaltigt. Die Studentin erlag später ihren Verletzungen. Der Fall schockierte über die Landesgrenze hinaus.
Heute wurde das erste Urteil im Fall gesprochen. Gegen den Jüngsten der Angeklagten, der zur Tatzeit noch minderjährig war. Er wurde zu drei Jahren Jugendarrest verurteilt.
SRF-Südasien-Korrespondentin Karin Wenger begleitete den Prozess in Neu-Delhi. SRF News Online hat sie zu den Hintergründen befragt.
SRF News Online: Heute ist das erste Urteil gefällt worden. Die Urteile der weiteren Angeklagten folgen später. Warum dauern diese Prozesse so lange?
Karin Wenger: In Indien ist das kurz! Obwohl man natürlich von einem Schnellgericht etwas anderes erwartet. Hier werden Fälle oft jahrelang oder gar jahrzehntelang verschleppt, weil die Gerichte schlicht überfordert sind. Zurzeit sind zirka 40‘000 Vergewaltigungsfälle hängig. Dass schnelle Urteil ist vor allem damit zu erklären, dass der Fall ein regelrechtes Erdbeben in der indischen Gesellschaft ausgelöst hat. Auf der indischen Regierung und der Justiz lag ein grosser Handlungsdruck.
Die Vergewaltigung der 23-Jährigen ist kein Einzelfall. Warum kommt es in Indien immer wieder zu solchen Massenvergewaltigungen?
Aus verschiedenen Gründen: Erstens ist die indische Justiz wie gesagt extrem ineffizient. Polizisten und Richter können vielfach bestochen werden. Das führt dazu, dass die Abschreckung fehlt. Zweitens betrachten viele Männer Frauen als minderwertige Geschöpfe, mit denen man machen kann, was man will. Drittens ist Sexualität ein Tabu-Thema in Indien. Sexuelle Aufklärung auch. Dank Smartphones und Internet holen sich viele junge Männer ihr «Wissen» über Sexualität von Porno-Seiten, was logischerweise zu einem sehr verfälschten Frauenbild führt. Und viertens gibt es in vielen Bevölkerungsschichten eine grosse Frustration. Junge Männer kommen beispielsweise als Migranten in die Städte und sehen all den Glamour und Prunk, den sie nie erreichen können. Das kann zu Aggression führen.
Der Vorfall hat die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Hat sich die Zahl solcher Delikte seither verändert?
Ja, aber leider nicht verbessert. Obwohl in Neu-Delhi zum Beispiel mehr Polizisten auf der Strasse sind, wurden dort im ersten Halbjahr mehr als 800 Vergewaltigungen verzeichnet. Das sind 330 mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Zudem wurden 1780 Belästigungen gemeldet – im Vergleich zu 270 in der Vorjahresperiode. Eine Erklärung für das Phänomen könnte allerdings auch gut sein, dass sich heute viel mehr Frauen trauen, diese Fälle zu melden. Das wäre mindestens ein erster praktischer Schritt zur gesellschaftlichen Veränderung.
Hat sich die rechtliche Verfolgung von solchen Delikten verbessert?
Ja – zumindest auf dem Papier. Das Parlament hat dieses Jahr ein Anti-Vergewaltigungs-Gesetz verabschiedet, das viel härtere Strafen vorsieht. Zum Beispiel wurde die Maximalstrafe von zehn auf zwanzig Jahre heraufgesetzt. Wenn ein Opfer stirbt, droht den Vergewaltigern gar die Todesstrafe. Und Polizisten und Spitalmitarbeiter müssen bis zu zwei Jahre ins Gefängnis, wenn sie einem Vergewaltigungsopfer nicht helfen.
Werden die härteren Strafen wirklich angewendet, oder fällt Indien in alte Verhaltensmuster zurück, sobald die Medienaufmerksamkeit erlischt?
Diese Gefahr ist gross. Zudem stellt sich die Frage, ob das neue Gesetz auch tatsächlich umgesetzt wird. Indien hat in vielen Bereichen sehr progressive Gesetze, aber sie scheitern oft an der Umsetzung: Beamte werden bestochen, Zeugen eingeschüchtert. Das ist auch die Gefahr bei Vergewaltigungen und anderen Sexual-Delikten.
Hinzu kommt, dass sich viele Frauen nicht trauen, zur Polizei zu gehen, weil sie dort oft – und das gilt nicht nur für Sexual-Delikte – nochmals belästigt werden. Und sie fürchten sich vor der Stigmatisierung durch die Gesellschaft. Zum Beispiel, dass sie niemanden mehr heiraten können, wenn bekannt wird, dass sie vergewaltigt wurden. All das ist nicht mit härteren Strafen zu lösen, sondern braucht einen Wandel in der Gesellschaft, im Denken und der Achtung vor den Frauen.
Der mittlerweile 18-jährige Angeklagte – der angeblich am brutalsten von allen vorgegangen ist – musste mit bis zu drei Jahren Haft rechnen. Den anderen Angeklagten droht die Todesstrafe. Wie wird das in Indien aufgenommen?
Mit Konsternation und Wut und einer neuen Debatte. So wird jetzt diskutiert, ob nicht auch das Jugendstrafrecht reformiert werden müsse, um Jugendliche härter zu bestrafen. Mal sehen, wohin diese Debatte führt.
Das misshandelte Paar lag lange Zeit am Strassenrand, bevor ihm geholfen wurde. Gemäss einer Umfrage in Neu-Delhi würden nur 4 Prozent einem Unfallopfer helfen. Wie lässt sich diese tiefe Zahl erklären?
Mit einem grossen Misstrauen der Polizei gegenüber. In Neu-Delhi und in vielen Teilen Indiens sieht kaum jemand die Polizei als «Freund und Helfer», sondern als Beamte, die durch ihre Macht andere ausnehmen wollen – und können. Das heisst, wenn man jemandem hilft, besteht die Gefahr, dass man am Ende selbst als Angeklagter dasteht – zum Beispiel, wenn man nicht genügend Schmiergeld zahlt. Deshalb herrscht vor allem in der Hauptstadt die Mentalität «der Stärkste überlebt», die anderen müssen selber schauen.
Im März wurde auch eine Schweizerin Opfer einer Gruppenvergewaltigung in Indien. Ihre Peiniger erhielten vor wenigen Tagen lebenslange Haftstrafen. Werden Fälle mit Ausländerinnen konsequenter verfolgt und härter bestraft?
Zumindest dieser Fall, weil in den in- und ausländischen Medien gross darüber berichtet wurde. Sicher gab es diplomatischen Druck. Bislang wurden jedoch auch solche Fälle von der Justiz oft jahrelang verschleppt und am Ende ganz aufgegeben.
Vor zehn Jahren zum Beispiel wurde eine Konsular-Angestellte der Schweizer Botschaft in der Hauptstadt von zwei Männern vergewaltigt. Der Fall wurde gross in den Medien behandelt, man sprach bereits damals von der Vergewaltigungshauptstadt. Politiker forderten die Todesstrafe für Vergewaltiger und bessere Gesetze. Es wurden mehr Polizisten in der Stadt verteilt. Dann wurde der Fall vergessen. Dass diesmal ein Urteil gesprochen wurde, lässt hoffen. Aber was auf gar keinen Fall passieren darf – und da besteht eine Gefahr – ist, dass ausländische Opfer eine Vorzugsbehandlung bekommen, während Tausende von indischen Frauen nie Gerechtigkeit erfahren, weil sie schlicht nicht gehört werden.