Wenn ein feuchtfröhlicher Abend zum Albtraum wird: In der Türkei kommt es seit Monaten zu Todesfällen wegen gepanschtem Alkohol. Allein seit Anfang Jahr sind im beliebten Ferienland über 120 Menschen gestorben, viele mehr erlitten Vergiftungen und mussten teils auf der Intensivstation behandelt werden.
Die meisten Fälle gab es laut türkischen Medienberichten in den Metropolen Ankara und Istanbul. Nun hat das Schweizer Aussendepartement reagiert und seine Reisehinweise angepasst: So warnt das EDA vor dem Risiko, «dass Getränke mit illegal gepanschtem Alkohol verkauft oder serviert werden, der tödliche Folgen haben kann.»
Explodierende Alkoholpreise
Neu ist das Problem nicht. «In der Türkei gibt es seit Jahren Tote durch gepanschten Alkohol», berichtet ARD-Korrespondentin Isabel Gotovac. So seien beispielsweise schon 2009 drei deutsche Schüler nach einer Partynacht in Antalya gestorben.
Der Schwarzmarkt floriert. Daran hat auch die islamisch-konservative Regierung von Präsident Erdogan ihren Anteil: Seit vielen Jahren erhöht sie die Alkoholsteuer, zuletzt im Januar. Dies führte zu einer regelrechten Explosion der Alkoholpreise – was viele Menschen in der Türkei dazu verleitet, Alkohol schwarz zu brennen.
Türkische Behörden greifen durch
Panscher wittern das grosse Geschäft. Kürzlich beschlagnahmten die Behörden laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu bei einer Razzia 30'000 Liter illegal produzierten Alkohols. Allein in Istanbul wurden Dutzende Geschäfte geschlossen, die damit handelten.
Auch in anderen Ländern gibt es immer wieder Probleme mit gepanschtem Alkohol. Im Iran starben vor sieben Jahren über 80 Menschen, in Indien waren es 2019 über 140. Doch auch in Tschechien, Polen oder Litauen gab es wiederholt Tote durch Vergiftungen.
Verursacht werden die Vergiftungen durch das hochgradig toxische Methanol. Im Destillationsprozess wird die Chemikalie vom Trinkalkohol Ethanol getrennt. Hinterhofbrennereien scheitern allerdings oft daran.
Zudem wird das billigere Methanol auch bewusst beigemischt, um die Preise zu drücken. Selbst gebrannte alkoholische Getränke können tödliche Werte dieses Stoffes erreichen. Er kann zur Erblindung und in höheren Dosen sogar zum Tod führen.
Das Perfide am geruchs- und farblosen Methanol: «Man sieht und schmeckt es nicht, aber schon eine geringe Menge kann gefährlich sein», erklärt Katrin Faber, Oberärztin beim Schweizer Giftinformationszentrum Toxinfo. Zudem ähneln beginnende Vergiftungssymptome denjenigen des normalen Alkoholrausches.
Vorsicht ist besser als Nachsicht
Übelkeit, Benommenheit und Sehstörungen können auf eine Methanolvergiftung hindeuten und sollten schnellstmöglich ärztlich untersucht werden. Im Idealfall sollte man aber nicht erst bei Symptomen handeln, sagt Faber: «Wer den Verdacht hat, gepanschten Alkohol getrunken zu haben, sollte sich sicherheitshalber in ein Spital begeben.»
Die einfachste Methode, um sich zu schützen: Schon vor dem Trinken sollte man sich überlegen, ob es Indizien dafür gibt, ob der Alkohol gepanscht sein könnte. Wer in einer schummrigen Bar auffallend billige Drinks auf der Karte findet, sollte etwa gesunden Menschenverstand walten lassen.