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Zombie-Apokalypse in Moskau Die Maus, vor welcher der Kreml zittert

In einem Zombie-Roman verarbeitet der aus Russland geflüchtete Autor Iwan Filippow den Ukraine-Krieg.

Die russische Literatur hat eine lange Geschichte von systemkritischen und subversiven Werken – vom Zarenreich über den Kommunismus bis heute. Das bislang beliebteste russische Buch, das den Krieg gegen die Ukraine kritisch behandelt, kommt allerdings in unerwarteter Form daher: als Horror-Roman über eine Zombie-Apokalypse mitten in Putins Moskau.

Geschrieben hat ihn Iwan Filippow, ein Popkultur-Fan, ehemaliger Journalist und Kinokritiker. Schon lange schwebte ihm ein Zombie-Abenteuerroman vor, verankert in Moskau. Doch dann kam der Krieg. «Da war das Buch für mich tot», erzählt er in einem Café in Tiflis in Georgien, wohin er nach Kriegsbeginn mit seiner Familie auswanderte.

Aus einer Zombie-Geschichte wurde ein sehr persönliches Buch über meinen Blick auf den Krieg.
Autor: Iwan Filippow Autor

Als er nach Wochen wieder ans Schreiben dachte, wirkte die Idee vorerst nicht mehr richtig, wie er sagt. Doch mit der Zeit habe sie wieder Sinn ergeben und: «Aus einer Zombie-Geschichte wurde ein sehr persönliches Buch über meinen Blick auf den Krieg.»

Eine Labormaus

In Filippows Roman verwandelt ein Virus den Grossteil der Bevölkerung Moskaus in gefrässige Untote. Das Machtzentrum Russlands stürzt ins Chaos. Der Autor verfolgt dabei sechs Menschen, die sich aus der Stadt zu retten versuchen.

Maus.
Legende: Autor Iwan Filippow: «Im Buch geht es auch um mich, meine Lieblingsorte in Moskau, meine Kinder, meine Freunde und wie sie in dieser Lage reagieren würden. Ich wollte Russland zeigen, wie ich es kenne. Mit gewöhnlichen Leuten, die in der russischen Literatur fehlen – wie Gefängniswärterinnen und Menschen aus Burjatien oder Dagestan.» SRF/Calum MacKenzie

Das Buch trägt den Titel «Mysch» – «Maus», denn ein Nagetier trägt das Virus aus einem Labor in die Stadt hinaus. Es wird vom Kreml betrieben – als Teil eines Forschungsprojekts, das Wladimir Putin unsterblich machen soll. «Das Konzept hat bestens in meine russische Zombie-Geschichte gepasst», erinnert sich Filippow.

Putin glaube, nur er könne Russland wieder zur Grossmacht machen. Deswegen gebe es keine Nachfolgekandidaten, so Filippow: «Alle, die Putin kennen, erzählen, wie gesund er isst und wie viel Sport er treibt. Er will so lange leben wie möglich. Er will immer noch an der Macht sein, wenn seine Zukunftsvision eintritt.»

Das Unsterblichkeitsprojekt

Er habe an Moskauer Nobel-Parties bereits vor Jahren Gerüchte über ein echtes Unsterblichkeitsprojekt des Kremls gehört, behauptet Filippow. Ob ein solches tatsächlich existiert, ist pure Spekulation.

Eine Recherche der unabhängigen Medien Meduza und Radio Liberty zeigte allerdings: Das russische Gesundheitsministerium hat letztes Jahr Forschende angewiesen, mit Hochdruck an lebensverlängernden Technologien zu arbeiten. Etwa an Mitteln gegen Muskelschwund und Demenz sowie an der Herstellung von brandneuen Organen aus dem 3D-Drucker.

«Zombifizierung»

Fakt ist: Putin hat Altersgrenzen für Minister und Beamte kontinuierlich abgeschafft. Seine engen Vertrauten sind dieselben, die mit ihm vor einem Vierteljahrhundert in den Kreml einzogen. Putin wird dieses Jahr 73 – früher versprach er, mit 65 im Ruhestand zu sein.

Iwan Filippow
Legende: Der russische Autor Iwan Filippow: «Es bedeutet mir enorm viel, wie das Buch in Russland, aber auch von den Russen im Exil aufgenommen wurde.» SRF/Calum MacKenzie

Diese Altenherrschaft erinnert an die bröckelnde Sowjetunion. Doch für Putin steht sein gleichbleibender Zirkel für Treue und Verlässlichkeit, für die russische Elite für Stabilität. Auch in Filippows Buch lanciert die Kreml-Elite das Forschungsprojekt, um chaotische Machtwechsel zu vermeiden.

«Zombifizierung» beschreibe für ihn am besten, was die Propaganda mit der russischen Gesellschaft gemacht habe, so Filippow. Dabei zeigt er seine Figuren als Menschen mit Interessen, Sorgen und Leidenschaften, auch wenn sie Zombies werden. Die Botschaft: Auch Leute wie wir können der Propaganda verfallen. Gleichzeitig kann jede und jeder das Virus bekämpfen. 

«Mysch» jetzt auf Französisch erhältlich

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Der Roman von Iwan Filippow wurde in Russland selbstredend verboten. Aber erst, nachdem es in einem Exilverlag erschien und zum Online-Bestseller wurde. Vor dem Verbot wurden teilweise 300 Stück pro Stunde verkauft, und bis heute kursieren gebrauchte Exemplare und PDFs.

Der Roman «Mysch» ist neben Russisch bisher nur in französischer und tschechischer Sprache erhältlich. Verlegt wird das Buch auf Französisch bei der «Edition Blueman» in Neuenburg.

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Echo der Zeit, 03.04.2025, 18:00 Uhr

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