Aktuell gilt im Kanton Aargau ein sogenanntes Selbstdispensationsverbot. Das heisst: Medikamente müssen grundsätzlich in Apotheken gekauft werden. Ärzte dürfen Medikamente nur im Notfall abgeben oder mit einer Spezialbewilligung. Diese erhalten nur Ärzte auf dem Land, wo die nächste Apotheke zu weit weg ist.
Langer Streit zwischen Ärzten und Apothekern
Die Ärzteschaft will dieses Verbot kippen. Ihre Volksinitiative «Ja zur ärztlichen Medikamentenabgabe» wurde mit knapp 8000 gültigen Unterschriften eingereicht und verlangt, dass Ärzte grundsätzlich Medikamente verkaufen dürfen. Der Aargauische Ärzteverband argumentiert, dass die Patienten damit die Wahlfreiheit hätten. In 17 von 19 Deutschschweizer Kantonen sei die Medikamentenabgabe so geregelt, nur Basel-Stadt und der Aargau hätten ein Verbot.
Mit gut 50'000 Unterschriften kämpfen die Apotheker für ihre Anliegen: Die Volksinitiative «Miteinander statt Gegeneinander» verlangt genau das Gegenteil der Ärzte-Initiative. Sie will das Selbstdispensationsverbot sogar in der Kantonsverfassung festschreiben. Ein zusätzlicher Verfassungsartikel verlangt die Förderung einer «integrierten Gesundheitsversorgung» durch den Kanton.
Das Hauptargument der Apotheker: Nur eine doppelte Kontrolle von Arzt und Apotheker garantiere die höchste Patientensicherheit. Und: Es könne nicht sein, dass eine Person ein Medikament verschreibt und am Verkauf desselben auch noch Geld verdient.
Politik weist Ärzte und Apotheker in die Schranken
Die Politik weist die Forderungen von beiden Seiten zurück: Die Aargauer Regierung und eine deutliche Mehrheit im Grossen Rat haben beide Volksinitiativen zur Ablehnung empfohlen. Die aktuelle Regelung sei völlig ausreichend und funktioniere bestens, heisst es bei praktisch allen Parteien unisono.
Der Ausgang der Abstimmung bleibt offen: Beide Seiten haben grosses Mobilisierungspotential. Sowohl Ärzte wie auch Apotheker haben bereits während der Unterschriftensammlung ihre Patientinnen und Patienten für den politischen Kampf eingespannt.
Gut möglich aber auch, dass der jahrelange Streit ohne klaren Sieger beendet wird: Dann nämlich, wenn wie von der Politik gewünscht beide Volksinitiativen keine Mehrheit finden beim Stimmvolk.
Der Kanton Aargau ist mit seinen geltenden Regeln in der Minderheit. In neun Kantonen wird zwischen der Verschreibung und der Abgabe von Arzneimitteln unterschieden.
Neun Kantone verbieten Pillenabgabe durch Ärzte
Die Kantone Bern, Graubünden und Schaffhausen kennen Mischsysteme. In allen übrigen Kantonen der Deutschschweiz ist die Selbstdispensation ohne Einschränkung erlaubt, darunter in den Nachbarkantonen Baselstadt, Luzern, Zürich und Solothurn. Das Zürcher Stimmvolk hatte 2008 eine Initiative mit dem Titel «Ja zur Wahlfreiheit beim Medikamentenbezug» angenommen.