Schon als Kind, damals noch im Kosovo, habe sie vom Kanun gehört, sagt Studentin Diarta Latifi. «Ich kann mich gut erinnern, dass zwei Männer im Dorf umgebracht wurden. Und wie man mir erklärte, dass es sich dabei um Blutrache handelte.»
Weiter beschäftigt habe sie sich mit dem Thema aber nicht. Später allerdings, in der Schweiz, wurde sie davon wieder eingeholt. «Als ich in die Berufsschule ging, las ich in der Zeitung von Blutrache und wie das mit dem Kanun entschuldigt wurde.» Da wurde sie von Kollegen darauf angesprochen.
Doppeljustiz in der Schweiz
Auch bei uns wurde die Blutrache ausgeübt: Wie beim Mordfall von Gipf-Oberfrick vor 20 Jahren, als ein 19-Jähriger eigens aus dem Kosovo anreiste, um für den Tod seines Onkels Blutrache zu üben. Oder der Mord in einer St. Galler Moschee im Jahr 2014, wo sich ein Serbe mit albanischen Wurzeln für den Tod seines Bruders rächte.
Solche Fälle von Selbstjustiz haben dem Kanun in der Schweiz zu unrühmlicher Bekanntheit verholfen. Eine entsprechende Zeitungsschlagzeile war auch für den Lyriker Bardhec Berisha aus dem Kosovo ein Wendepunkt: «Doppeljustiz in der Schweiz.» Diesen Titel habe ihn damals sehr berührt. «Und deswegen sagte ich mir, dass ich den Kanun auf Deutsch herausbringen werde.»
Manche Dinge, die im Kanun stehen, sind heutzutage auch in verschiedenen Verfassungen enthalten.
Über fünf Jahre lang hat Bardhec Berisha daran gearbeitet, indem er die 1263 Paragrafen aus dem veralteten, ländlichen albanisch in modernes Deutsch übersetzt hat. Bereits die Zahl zeigt es: Die Blutrache ist nur ein kleiner Teil des Kanuns. Daneben gibt es Kapitel über die Familie, die Ehe, es gibt ein Erbrecht, ein Besitzrecht, ein Schadensrecht, um nur einige zu nennen. Der Kanun sei einer der Vorläufer des modernen Rechts, sagt Bardhec Berisha: «Manche Dinge, die im Kanun stehen, sind heutzutage auch in verschiedenen Verfassungen enthalten.»
Mich verbindet mit dem Kanun, dass die Familie das Heiligste ist. Und dass Gastfreundschaft und Ehrlichkeit enorm wichtig sind.
Aber auch in nicht-juristischer Hinsicht beinhalte der Kanun einiges, was heute noch von Bedeutung sei, fügt Bejtije Haxhosaj an. Sie ist vor 16 Jahren aus Pristina in die Schweiz gekommen: «Mich verbindet mit dem Kanun, dass die Familie das Heiligste ist. Und dass Gastfreundschaft und Ehrlichkeit enorm wichtig sind.»
Werte also, die im Kanun quasi vorgeschrieben sind. Übersetzer Bardhec Berisha zitiert aus dem Kapitel zur Gastfreundschaft. «Das albanische Haus gehört Gott und dem Gast.» Und: «Den Gast muss man ehren: Brot und Salz und Herz.»
Heute ist der Kanun für mich nur ein kulturelles Buch. Für das albanische Volk, egal wo auf der Welt es lebt, muss der Kanun der Vergangenheit angehören.
Die Diskussion in der kleinen Gruppe zeigt schnell: Man legt Wert darauf, dass der Kanun nicht einfach verteufelt, dass er nicht auf die Blutrache beschränkt wird. Das Gewohnheitsrecht habe viele positive Seiten, sagt auch der 57-jährige Rashit Rashiti. Aber: «Heute ist der Kanun für mich nur ein kulturelles Buch. Ich denke, für das albanische Volk, egal wo auf der Welt es lebt, muss der Kanun der Vergangenheit angehören.»
Ein kulturelles Erbe also, das heute – zumindest im Umgang mit dem Recht – nicht mehr konkrete Auswirkungen haben dürfe. Und auch wenn wohl vereinzelte Familien sich auch jetzt noch nach den Regeln des Kanuns richteten: Am Tisch im Restaurant Adler sind sich alle einig, dass es das in ihrem Umfeld nicht mehr gibt.