«Wir sind am Weinen! Die Schweiz hat gegen den Weltmeister gewonnen!» oder «Wer Frankreich geschlagen hat, der kann jeden schlagen!»: Fans im ganzen Land haben geschrien, gehupt, gesungen.
Es gibt einiges zu verarbeiten nach dem EM-Spiel gegen Frankreich. Spektakulär einen 1:3 Rückstand gegen den Weltmeister aufholen, in buchstäblich letzter Minute, dann trotz Penalty-Trauma eiskalt alle versenken.
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Bild 1 von 6. Zum ersten Mal seit 67 Jahren qualifiziert sich die Schweiz wieder für einen Viertelfinal an einem grossen Turnier – die Freude darüber ist grenzenlos. Bildquelle: Keystone.
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Bild 2 von 6. An der Zürcher Langstrasse liessen es die Menschen nach dem Penaltyschiessen so richtig krachen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 3 von 6. An anderen Orten, wie etwa in der Wood Ball Arena in Bulle, wurde etwas gesitteter gefeiert, aber nicht weniger emotional. Bildquelle: Keystone.
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Bild 4 von 6. Die Schweiz ging gegen den Weltmeister zuerst zwar in Führung, musste dann aber einem Zwei-Tore-Rückstand nachrennen. Erst in der 90. Minute gelang der erlösende Ausgleich. Die Freude danach ist umso grösser. Bildquelle: Keystone.
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Bild 5 von 6. Das hat es schon lange nicht mehr gegeben: Die Fans können eine Viertelfinal-Quali feiern. Bildquelle: Keystone.
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Bild 6 von 6. Noch feierten Spanier und Schweizer gemeinsam die Viertelfinal-Qualifikation. Am Freitag spielen sie dann gegeneinander. Bildquelle: Keystone.
Schon auf dem Sofa sind die Nerven überstrapaziert, geschweige denn auf dem Platz. Es war ein Match, an dem wahrscheinlich nicht viele auf die Schweiz gewettet haben. Waren die psychologischen Vorteile am Anfang bei der Schweiz, weil sie nicht gewinnen musste, sondern durfte?
Jan Rauch, Sportpsychologe, lehrt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, glaubt schon: «Das war sicher kein Nachteil, gegen eine Mannschaft zu spielen, die hochfavorisiert ist. Vom psychologischen Standpunkt her ist das meistens leichter, als selbst der Favorit zu sein.»
Es hat sehr stark mit Einstellung und Mentalität zu tun, die man sich im Voraus bereitlegt.
Psychologisch schwierig war laut Rauch die Führung der Schweiz, die sich plötzlich in einen Rückstand wandelte: «Es ist dann natürlich schwieriger, noch daran zu glauben, dass da noch etwas gehen kann.»
Mental üben könne man solche Tiefschläge nur schwierig, sagt der Sportpsychologe. Sehr viel habe aber mit der Einstellung und Mentalität zu tun: «Man muss sich bereits vorher überlegen, dass einiges schieflaufen, vieles nicht nach Plan laufen könnte.»
Auch das Penaltyschiessen war eine Drucksituation. Mit welchen Tricks behält man da die Nerven? «Tricks in dem Sinn gibt es nicht. Man kann das nicht 1:1 simulieren. Man kann aber sehr wettkampfnah trainieren», erklärt Rauch.
Wichtig beim Trainieren dieser Penaltys sei, dass man das Training nicht zu locker angehe, sondern dass man ihn so zu schiessen versuche, wie man ihn dann vielleicht auch später machen möchte.
Psychologische Spielchen
Am Schluss kam es zum Kampf zwischen Weltstar Kylian Mbappé und Goalie Yann Sommer. Sommer zeigte im Moment des Schusses ganz kurz nach rechts, dann springt er nach links und hält. Nützen solche Tricks zum Verwirren?
Jan Rauch geht davon aus, dass Mbappé sich das gewohnt ist. «Torwarte stehen teilweise absichtlich 20 Zentimeter links, damit es so aussieht, als sei rechts mehr Platz.» Aber: «Auch ein Mbappé kämpft in so einer Situation mit der Konzentration, und da kann so eine Geste zusätzlich Verwirrung stiften.»
Keine Frage des Glücks
Bis jetzt habe der Schweizer Nati oft das Glück gefehlt, sagen viele. Doch für Rauch hat Elfmeterschiessen definitiv nichts mit Glück zu tun. «Beim Elfmeter ist viel weniger Glück dabei als bei sonst irgendeinem Tor im Spiel. Es ist Schütze gegen Torwart, der Schütze hat freie Bahn, wird nicht gestört. Da geht es um Fähigkeit gegen Fähigkeit.» Die grosse Kunst dabei sei das Mentale. «Man hat sehr viel Zeit, um nachzudenken.»
Gedanken, Willensstärke, Motivation, weitermachen, auch wenn man am Anschlag ist. «Das hat alles sehr viel mit mentaler Stärke zu tun», sagt Rauch. Einfluss könnten auch die Worte oder das Verhalten eines Teammitglieds haben.
Spanien ist sicher nicht stärker als Frankreich.
So wie die Ansprachen von Kapitän Granit Xhaka, die laut Rauch psychologisch sehr wertvoll waren. Gerade deshalb hält der Sportpsychologe einen Sieg gegen Spanien am kommenden Freitag für schwierig, denn Xhaka wird beim Spiel nicht dabei sein. Aber: «Spanien ist sicher nicht stärker als Frankreich.»