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Mit Wohnbauförderung gegen die Abwanderung
Aus Rendez-vous vom 01.11.2022. Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott
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Gegen die Abwanderung Bau-Leitfaden soll bedrohten Bergdörfern Mut machen

Kreative Wohnprojekte sollen Berggemeinden neues Leben einhauchen. Der Bund gibt jetzt Beispiele und Tipps.

Abwanderung ist für Berggebiete ein grosses Problem. Viele Junge verlassen nach der Grundschule ihr Dorf in den Bergen, ziehen ins Tal und kehren nicht mehr zurück. Denn oben auf dem Berg finden sie kaum Arbeit.

Und weil die guten Stellen fehlen, wird auch wenig in Wohnraum investiert. Ein Teufelskreis.

Albinen.
Legende: Gegen die Abwanderung: Das Walliser Bergdorf Albinen hat 2017 eine Prämie zur Wohnbauförderung lanciert. Mit sichtlichem Erfolg: Junge sind geblieben und drei Familien zugezogen. Keystone/Jean-Christophe Bott

Jetzt will der Bund nicht nur in den Städten, sondern auch in den Bergregionen den Bau von Wohnungen fördern. «Attraktives Wohnen in Berggebieten». So heisst ein neuer Leitfaden des Bundes für die Gemeinden.

Er stellt eine Reihe von Wohnbauprojekten in Bergregionen vor. Sie sollen belegen, dass die Gemeinden im Kampf gegen die Abwanderung nicht machtlos sind.

Parmelin: Konkrete Beispiele als Anreiz

«Wir zeigen jetzt an konkreten Beispielen, dass man das ändern kann. Das ist das Positivste an diesem Leitfaden», sagt der zuständige Bundesrat Guy Parmelin. Der Leitfaden richtet sich direkt an jene Gemeinden, die in ihrem Dorf ein Wohnprojekt realisieren wollen.

Viele Gemeindebehörden sind am Anfang überfordert, wenn sie Wohnraum schaffen wollen.
Autor: Thomas Egger Direktor Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete SAB

Viele Gemeindebehörden seien am Anfang überfordert, wenn sie Wohnraum schaffen wollten, sagt Thomas Egger, Direktor der Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete: «Der Leitfaden soll inspirieren und Anschub geben. Er dient mit den Beispielen aber auch dem Erfahrungsaustausch unter den Gemeinden.  

Als Beispiel nimmt Egger das im Leitfaden vorgestellte Projekt in Amden im Kanton St. Gallen: «Dort wurde für die ältere Generation neuer Wohnraum geschaffen – mit dem Nebeneffekt, dass ältere Wohnungen für Jüngere frei wurden – zwei Fliegen mit einer Klappe also.»

Appell an Private und Genossenschaften

Ein Beispiel, das zeigt, dass die Gemeinden auch beim Wohnen etwas bewirken können, obwohl der Wohnungsbau ja meist Sache von Privaten ist. So schlägt der Bund den Gemeinden vor, mit den privaten Hausbesitzerinnen und -besitzern und mit Genossenschaften zusammenzuarbeiten.

Jetzt gibt es offenbar einen Gegentrend, mit Blick auf Wohn- und Standortpolitik und die Frage nach den Strukturen für ein attraktives Leben. Eine ganz gute Sache.
Autor: Heike Mayer Prof. Wirtschaftsgeografie, Universität Bern

Der Leitfaden entspreche tatsächlich einem dringenden Bedürfnis aus der Praxis der Gemeinden, betont Egger. Mit den aufgearbeiteten Beispielen und Tipps liege nun ein gutes Arbeitsinstrument vor.

Nicht nur wirtschaftliche Entwicklung beachten

Den neuen Leitfaden begrüsst auch die unabhängige Expertin Heike Mayer, Professorin für Wirtschaftsgeografie an der Universität Bern: «Die Berggebietspolitik legte bisher viel zu viel Gewicht auf die wirtschaftliche Entwicklung. Jetzt gibt es offenbar einen Gegentrend, mit Blick auf die Wohn- und Standortpolitik und die Frage nach den Strukturen für ein attraktives Leben. Das ist eine ganz gute Sache.»

Mit dem Leitfaden allein wird die Abwanderung aus den Berggebieten natürlich nicht gestoppt. Aber die Gemeinden haben nun immerhin ein zusätzliches Instrument in der Hand, das ihnen helfen soll, Wohnbauprojekte zu realisieren.

Das Walliser Bergdorf Albinen als Beispiel:

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Legende: Nicole Köppel, Gemeindepräsidentin von Albinen ZVG

Fast die Hälfte der Bevölkerung hat die Gemeinde Albinen bei Leukerbad im Oberwallis in den letzten 100 Jahren verloren. Noch 250 Menschen leben aktuell dort. Vor fünf Jahren gab die Gemeinde Gegensteuer und versprach Familien eine Prämie von 25'000 Franken, wenn sie ein Haus oder eine Wohnung im Dorf kaufen oder renovieren.

Heute zieht Gemeindepräsidentin Nicole Köppel eine grundsätzlich positive Bilanz: «Viele junge Leute, die in Albinen geboren und aufgewachsen sind, sind geblieben. Das war unser Hauptziel und wir sind glücklich darüber.» Neu hinzu kamen drei Familien. Je eine aus dem Aargau und Winterthur, eine dritte aus Deutschland, wobei bei letzterer nicht der Förderungsbeitrag im Vordergrund gestanden habe, sondern die Freude am Ort.

Das grosse Medienecho habe auch einige negative Auswirkungen mit sich gebracht, sagt Köppel. «Es zieht noch heute viele Leute an, die auf finanzielle Hilfe angewiesen sind und sich nicht überlegen, dass sie auch etwas investieren müssen, um an die Prämie zu kommen.» Entsprechend stehe im Gemeinderat eine Ergänzung der Wohnbauförderung zur Diskussion – mit der Auflage eines bereits fünfjährigen aktuellen oder ehemaligen Aufenthalts in Albinen.

Rendez-vous, 01.11.2022, 12:30 Uhr

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