Häusliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten und Bevölkerungskreisen vor. Gewalt in Familien- und Paarbeziehungen ist immer ein Zusammenspiel von mehreren Ursachen und Risikofaktoren. Menschen mit Migrationshintergrund sind stärker von Faktoren belastet, die das Risiko häuslicher Gewalt erhöhen.
Doch genau diese Personengruppen sind in der Gewaltprävention besonders schwer zu erreichen. Oft kennen Migrantinnen und Migranten die bestehenden Hilfs- und Beratungsangebote nicht. Ein neues Pilotprojekt aus Zürich will das nun ändern.
Ziel: Männer mit Migrationshintergrund besser erreichen
Das Mannebüro Züri an der Zürcher Langstrasse geht schweizweit neue Wege in der Täterarbeit. Das Mannebüro ist das älteste Männerbüro und die erste spezifische Täterberatungsstelle der Schweiz. Es ist eine Beratungs- und Informationsstelle für Männer in Konflikt- und Krisensituationen und insbesondere auch für Männer, die Gewalt gegenüber ihren Partnerinnen oder Partnern ausüben oder befürchten, dies zu tun.
Die Gewaltberater des Mannebüros unterstützen Männer bei der Bewältigung von Problemen als Mann, als Vater, bei Ehe- und Beziehungsschwierigkeiten und bei Fragen zur Sexualität. Männer können sich selber für eine Beratung beim Mannebüro Züri melden oder sie werden von Behörden bzw. der Justiz vermittelt.
Wir haben im Mannebüro gemerkt, dass wir an Männer aus anderen Kulturkreisen sehr schlecht herankommen.
In den Beratungsräumen des Mannebüro Züri werden jährlich über 1400 persönliche Beratungen durchgeführt. Was auffällt: Männer mit Migrationshintergrund hat man bis jetzt kaum erreicht. «Wir haben im Mannebüro gemerkt, dass wir an Männer aus anderen Kulturkreisen sehr schlecht herankommen. Wir machen seit Jahrzehnten sehr erfolgreich Gewaltberatung für Schweizer oder auch westeuropäische Männer. Aber bei den Migrantenfamilien ist es sehr viel schwieriger heranzukommen», erklärt Geschäftsleiter Mike Mottl.
Deshalb hat das Mannebüro Züri mit Gewaltberatungen speziell für Männer mit Migrationshintergrund ein neues Pilotprojekt lanciert. Konkret: Acht neue interkulturelle Gewaltberater aus unterschiedlichen Kulturkreisen wurden neu ins Beratungsteam geholt. Über ein Jahr lang wurden die acht Männer zu professionellen Gewaltberatern ausgebildet.
Mit den neuen Beratern will man Männer mit Migrationshintergrund besser erreichen, sagt Geschäftsleiter Mike Mottl: «Zum einen sprechen die neuen Berater dieselbe Sprache, zum anderen kennen sie die kulturellen Eigenheiten auch besser und wissen mehr über die Hintergründe dieser Männer. Das kann schon einiges bewirken.»
Die Erkenntnis setzt sich langsam durch, dass erfolgreiche Täterarbeit auch gute Opferarbeit ist.
Interkulturelle Gewaltberater als Brückenbauer
Die acht interkulturellen Gewaltberater stammen aus Eritrea, Bosnien/Kroatien, Afghanistan, Sri Lanka, Nordmazedonien, Ägypten, Brasilien und der Türkei. Sie sprechen insgesamt über ein Dutzend unterschiedliche Sprachen, von Albanisch über Farsi bis hin zu Tamilisch.
Die Gewaltberater haben alle einen sozialarbeiterischen oder psychologischen Hintergrund. Einer von ihnen ist Zübeyir Sizici. Der 31-jährige Kurde ist vor sechs Jahren aus der Türkei in die Schweiz geflüchtet. Zuvor hatte er in Ankara Psychologie studiert. Aktuell macht er berufsbegleitend in der Schweiz ein Zweitstudium in Sozialer Arbeit.
Vor wenigen Wochen hat er die Arbeit im Mannebüro als interkultureller Gewaltberater aufgenommen. «Ich komme zum Einsatz, wenn die Männer das Angebot des Mannebüros, nämlich Gewaltberatung, auf Kurdisch oder Türkisch, erhalten möchten», erklärt der Kurde, der seit seiner Flucht in die Schweiz auch Deutsch erlernt hat. Zübeyir Sizici will sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen, auch deshalb mache er diese Arbeit, erzählt er weiter.
Vernetzungsarbeit in Kultur-, Sport- und Religionsvereinen
Auch Marin Stojak ist einer der neuen interkultureller Gewaltberater im Team des Mannebüro Züri. Der 32-Jährige hat kroatisch-bosnische Wurzeln. Aufgewachsen ist er allerdings im Kanton Graubünden, in Chur. Er ist ausgebildeter Sozialarbeiter, davor arbeitete er als Elektriker.
Seit November berät auch Marin Stojak Männer mit Migrationshintergrund, und zwar in Kroatisch, Bosnisch und Serbisch. Wenn man dieselbe Sprache spreche, verbinde das. Der Zugang falle sicherlich leichter, erklärt Stojak: «Wenn man in der Muttersprache abgeholt wird, dann erweckt das meiner Meinung nach ein Gefühl von Vertrauen. Und deswegen ist der Zugang leichter. Es fällt auch oft der Satz: 'Du weisst ja, wie es bei uns ist'. Eine solche Aussage bietet dann wiederum sehr viel Raum zur Auseinandersetzung. Weil wir wissen ja alle, es ist nicht bei jeder Familie identisch, nur weil man aus demselben Raum kommt. Und ich denke, genau solche Dialoge sind eine Chance.»
Schwäche zu zeigen und zu sagen, 'ich habe etwas nicht unter Kontrolle', ist mit viel Scham verbunden. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich Männer oft keine Hilfe holen.
Gründe, weshalb man in der Gewaltberatung Männer aus seinem Kulturkreis bisher kaum erreicht hat, dafür gebe es wahrscheinlich unterschiedliche, erklärt Marin Stojak. «Es gibt eine Redewendung auf dem Balkan: 'Alles, was unter meinem Dach passiert, das bleibt unter meinem Dach'.» Über Gewalt oder Konflikte Zuhause zu sprechen, falle vielen schwer. «Schwäche zu zeigen und zu sagen, 'ich habe etwas nicht unter Kontrolle', ist mit viel Scham verbunden. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich Männer oft keine Hilfe holen.»
Das wollen Marin Stojak und seine Arbeitskollegen nun ändern – und zwar mit gezielter Aufklärungs- und Vernetzungsarbeit: «Wir müssen die verschiedenen Kulturvereine anschreiben und angehen. Wir müssen über die Sportvereine, wie zum Beispiel über die Fussballvereine gehen. Auch über die verschiedenen Religionen, das heisst über die orthodoxe und katholische Kirchgemeinschaft und über die islamische Kulturgemeinschaft müssen wir an die Leute herantreten. Es ist wichtig, Vernetzungsarbeit zu leisten, dass die Leute wissen, was wir anbieten.»
Pilotprojekt mit Vorzeigecharakter
Das Pilotprojekt ist bis jetzt einzigartig in der Schweiz. Es wird auch international beobachtet, zum Beispiel von benachbarten Gewaltberatungsstellen aus Österreich und Deutschland, sagt der Geschäftsleiter des Mannebüros, Mike Mottl. Mit dem neuen Konzept betrete man neues und auch unbekanntes Terrain: «Es ist ein schwieriges Unterfangen, an diese Männer ranzukommen. Aber wir glauben an uns, an diese Sache. Und ja, ich denke, es hat ein bisschen Mut gebraucht, auch von unserer Seite. Aber wir hoffen, dass sich das dann auch auszahlt.»
Das Mannebüro Züri finanziert sich als Verein durch Leistungsaufträge des Kantons und der Stadt Zürich. Etwa ein Drittel der Ausgaben werden über Beiträge von gemeinnützigen Stiftungen und durch Spenden gedeckt.
Wir müssen über die Sportvereine, wie zum Beispiel über die Fussballvereine gehen. Auch über die verschiedenen Religionen, das heisst über die orthodoxe und katholische Kirchgemeinschaft und über die islamische Kulturgemeinschaft müssen wir an die Leute herantreten.
Im Vergleich zur Opferhilfe gibt es in der Gewaltprävention und Täterarbeit in der Schweiz deutlich weniger Angebote. Die Gewaltprävention durch Täterarbeit stecke vielerorts noch etwas in den Kinderschuhen, sagt Mike Mottl: «Es wird noch immer etwas als Tabu angesehen. Umso wichtiger ist es, dass man da Fortschritte erzielt, weil die Erkenntnis setzt sich langsam durch, dass erfolgreiche Täterarbeit auch gute Opferarbeit ist.»