SRF News: Mit welcher Situation sind Sie und das Care-Team Grischun in Bondo konfrontiert?
Benjamin Krexa: Das Schlimmste ist die Bedrohung von Existenzen. Es gibt Leute, die haben über Jahrzehnte – vielleicht ein halbes Jahrhundert – in einem Haus gewohnt und wissen nicht, ob sie wieder zurück in ihr Haus können. Diese Leute sind jetzt natürlich sehr erschüttert. Schwierig für die emotionale Verarbeitung ist zudem, dass die Verunsicherung noch immer andauert – wenn es etwa heisst, dass noch weiter Murgänge drohen. Ein Teil der Dorfbevölkerung muss daher eine unglaubliche emotionale Belastung aushalten.
Viele sind bei Freunden und Verwandten untergekommen und waren gar nicht auf die Hilfe des Zivilschutzes angewiesen.
Wie hat die Dorfbevölkerung auf die Ereignisse reagiert?
Der Zusammenhalt im Dorf ist unglaublich gut. Die Dorfbewohner kennen sich sehr gut und über lange Zeit. Dieser Zusammenhalt hilft, sich gegenseitig zu unterstützen. Viele sind bei Freunden und Verwandten untergekommen und waren gar nicht auf die Hilfe des Zivilschutzes angewiesen.
Was ist mit den Leuten, die keine Freunde oder Verwandten in der Region haben?
Auch diese Leute finden Unterschlupf – etwa in Hotels. Für sie war die Gemeinde von Anfang an die Anlaufstelle. Die Verantwortlichen der Gemeinde gingen auf die Leute zu und versuchten, Unterstützung zu leisten.
Sie betreuen auch Angehörige der vermissten Personen.
Ja. Solche Einsätze lassen auch ein Care-Team nicht kalt. Die Angehörigen haben zum Teil sehr emotional reagiert. Einige hatten am Sonntag die Möglichkeit, einen Flug über das Gebiet zu machen und zu sehen, wo die Vermissten vermutet werden. Das dürfte ihnen geholfen haben, zu realisieren, unter welchen Umständen das Ganze stattgefunden hat. Die Momente, als sie vom Flug zurückkamen, waren sehr bewegend.
Für die Angehörigen ist wichtig zu sehen, dass es wahrscheinlich endgültig ist und die Hoffnung klein ist, dass die Vermissten den Bergsturz überlebt haben.
Warum war dieser Flug wichtig?
Es ist etwas ganz anderes, wenn man mit eigenen Augen sieht, wie sich alles abgespielt hat. Für die Angehörigen ist wichtig zu sehen, dass es wahrscheinlich endgültig ist und die Hoffnung klein ist, dass die Vermissten den Bergsturz überlebt haben. Der Flug war eine Art Beerdigung. Das ist sehr wichtig um abzuschliessen und wieder zurück in den Alltag zu finden.
Das Gespräch führte Simon Hutmacher.
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Bild 1 von 10. Die Anwohner von Bondo müssen sich weiter gedulden, bis sie in ihr Dorf zurückkehren können. Bildquelle: Keystone.
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Bild 2 von 10. Die Situation in Bondo am Samstagmorgen nachdem weitere Gesteinsmassen ins Dorf gelangt sind: Nicht nur Häuser sind vom Geschiebe eingeschlossen und beschädigt, sondern auf Aufräumfahrzeuge. Bildquelle: Reuters.
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Bild 3 von 10. Der neue Murgang vom Freitagnachmittag erfasste auch Maschinen zum Aufräumen. Die Arbeiter konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 10. Die Suche nach den acht vermissten Personen wurde mittlerweile eingestellt. Bildquelle: Keystone.
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Bild 5 von 10. Nach ersten Schätzungen waren am Mittwochmorgen am Piz Cengalo zuhinterst im Val Bondasca vier Millionen Kubikmeter Gestein zu Tal gedonnert. Bildquelle: SRF/KAPO GR.
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Bild 6 von 10. Per Helikopter werden nach dem Unglück Rettungskräfte mit Suchhunden ins betroffene Gebiet geflogen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 7 von 10. Der Bergsturz hatte sich am Mittwochmorgen am Piz Cengalo zuhinterst im Val Bondasca gelöst. Das Dorf Bondo wurde vom gewaltigen Murgang gestreift. Bildquelle: Keystone.
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Bild 8 von 10. Die Geröll- und Schlammmasse hat grosse Gebiete bei Bondo verschüttet. Bildquelle: Keystone.
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Bild 9 von 10. Die Strasse zwischen Stampa und Castasegna ist unterbrochen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 10 von 10. Durch die Geröll-Lawine wurden auch Gebäude zerstört. Bildquelle: Keystone.