Das Wichtigste in Kürze
- Der langjährige Botschafter Paul Widmer ist überzeugt: Ignazio Cassis bringt viele der Eigenschaften mit, die ein guter Diplomat haben muss.
- Für Widmer ist es zentral, dass ein Aussenminister seine Politik in der Schweizer Innenpolitik verankert.
- In Brüssel werde Cassis als Neuling einen Bonus geniessen, sagt Widmer.
Bedächtigkeit, Pragmatismus und Taktgefühl sind nur drei wichtige Tugenden, die einen guten Diplomaten auszeichnen, wie Paul Widmer sagt. Für den 68-jährigen früheren Botschafter, unter anderem in Kroatien und Jordanien, besitzt Ignazio Cassis viele dieser Eigenschaften.
Laut Widmer ist es auch wichtig, dass sich ein Aussenminister immer auch als Innenminister versteht. «Wenn er seine Aussenpolitik nicht grundsätzlich in der schweizerischen Innenpolitik verankern kann, werden seine Erfolge sehr beschränkt sein.»
Cassis muss Lösungen bringen
Cassis muss also immer das Schweizer Volk von seiner Aussenpolitik überzeugen – sonst kann er sie nicht umsetzen. Das gilt besonders für das EU-Dossier. Die Schweiz erwartet von Cassis Lösungen, vor allem zum aktuell grössten Streitpunkt: dem Rahmenabkommen. Dabei geht es um die Frage, wie Streitigkeiten zwischen der Schweiz und der EU gelöst werden.
Wenn Cassis seine Aussenpolitik nicht grundsätzlich in der schweizerischen Innenpolitik verankern kann, werden seine Erfolge sehr beschränkt sein.
Als Neuling werde Cassis in Brüssel einen Bonus haben, betont Widmer. «Wenn etwas verknorzt ist, schätzen sie neue Kräfte.»
Mehr Kompetenzen für Aussenstellen?
Einen Wunsch an Cassis hat Widmer: Dass die rund 360 Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten in über 100 Ländern mehr Kompetenzen erhalten. «In der Schweiz haben wir eine zunehmende Konzentration der Diplomatie in der Zentrale.» Der Wert der Diplomatie liege aber im Aussendienst. «Ich würde Bundesrat Cassis empfehlen, den Aussenposten mehr Entscheidungskompetenzen zu geben», sagt Widmer.
Ignazio Cassis löst Didier Burkhalter am 1. November an der Spitze des Aussenministeriums ab.