SRF: Sie waren bis zu Ihrer Pensionierung im Januar 2008 Protokollchef beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Wie viele Staatsbesuche haben Sie organisiert?
Willy Hold: Ich habe in den vier Jahren meiner Zeit als Protokollchef vier bis fünf Staatsbesuche für das EDA organisieren dürfen.
Wie sieht so ein Staatsbesuch in der Schweiz in der Regel aus?
Der zeremonielle Teil ist immer gleich. Es ist auch eine Frage der Gleichbehandlung aller Gäste. Zum Zeremoniell gehören die militärischen Ehren und die anschliessenden Reden des Bundespräsidenten und des Gastes. Später läuft das so genannte «Damenprogramm». Das wird organisiert für die Ehepartner der Staatsgäste, während diese diplomatische Gespräche führen. Es kommen manchmal Ehefrauen oder Ehemänner mit auf Besuch. Von daher ist der Name inzwischen überholt. Am Abend gibt es ein grosses Dinner mit rund 80 Personen.
Und am nächsten Tag?
Am zweiten Tag findet ein Programm statt, das individuell auf den Gast zugeschnitten ist. Man muss vorab herausfinden, was er gerne macht und was er erleben möchte.
Was wir letztlich im Fernsehen oder im Internet sehen, ist der Staatsbesuch selbst. Als Protokollchef müssen Sie mit Ihrem Team ja schon vorab viel organisieren. Was steckt dahinter?
Wenn man die Zeit für Schlafen oder Reisen abzählt, bleiben für so einen Besuch noch ungefähr 20 Stunden, die man füllen kann. Dafür arbeiten viele Leute monatelang. Wenn das grobe Programm steht, kommt eine Delegation des Gastlandes in die Schweiz und man spielt das Programm einmal durch. Man schaut, ob die Programmpunkte so passen und richtet das Augenmerk besonders auf die Sicherheit. Man geht von A nach B nach C und überprüft den Parcours auf allfällige Sicherheitsrisiken. So eine Organsiation ist wie ein Penaltyschuss: Man hat nur eine Chance. Wenn etwas schief läuft, kann man das kaum wiedergutmachen.
Gab es während Ihrer Zeit als Protokollchef einen Staatsbesuch, an den Sie sich besonders gut erinnern können?
Besonders gerne denke ich zurück an den Besuch des norwegischen Königspaars im Jahr 2006. Dies waren sehr nette Leute. Wir sind zuerst mit dem Helikopter ins Appenzellische geflogen und haben dann in St. Gallen die Stiftsbibliothek besucht. Wir sind mit Filzpantoffeln über den altehrwürdigen Parkettboden geschlurft. Das war natürlich ein tolles Sujet für die Fotografen: Ein König und ein Bundespräsident in Filzpantoffeln! Ein kleines Mädchen hat der Königin zudem beim Empfang einen Blumenstrauss überreicht – und als Dankeschön ein Foto des Königspaars erhalten. Das Mädchen war aber todtraurig – weil die Königin keine Krone trug. Es bekam dann ein neues Foto mit Krone.
Das grosse Staatsdinner am ersten Abend ist eine wichtige Sache. Wer nimmt an diesem Dinner teil und worauf muss der Protokollchef achten?
Aus der Schweiz nehmen die Bundesräte, ranghohe Parlamentarier und Chefbeamte, eventuell Bundesrichter oder Persönlichkeiten, die einen besonderen Bezug zum Land des Gastes haben, teil. Die Gäste dürfen mitbringen, wen sie möchten. Sie erhalten vorab die Information, wie viele Plätze sie zur Verfügung haben. In der Mitte der langen Tafel sitzt der Bundespräsident – neben ihm die Ehefrau oder der Ehemann des Staatsgasts. Dieser sitzt dem Bundespräsidenten vis à vis – an seiner Rechten die Ehefrau oder der Ehemann des Bundespräsidenten oder der -präsidentin. Auch sonst ist die Tischordnung genau festgelegt.
Was ist in Bezug auf das Essen zu beachten?
Das Menü wird vorab mit dem Gast abgesprochen. Es soll jedoch nichts Kompliziertes sein. Niemand soll sich beim Essen blamieren, weil er beispielsweise nicht weiss, wie man mit Fischgräten umgeht. Das Essen soll auch nicht zu speziell sein. Oft gibt es Lamm, Rind, Poulet oder Rebhuhn. Auch Schwein oder Rind ist möglich, wenn es der Gast mag und gerne isst. Und manchmal äussert auch der Bundespräsident einen Menüwunsch. Von François Hollande heisst es, er sei den Vergnügen des Tisches nicht abgeneigt. Ich hoffe, die Schweiz wird den französischen Gästen also auch zeigen, wie viele gute Weine unser Land zu bieten hat.
Was waren die grössten Zwischenfälle oder Probleme, die Sie während Ihrer Zeit als Protokollchef erlebt haben?
Während meiner Zeit hat es keine grösseren Zwischenfälle gegeben. Der grösste Alptraum eines Protokollchefs ereignete sich wohl 1999 beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten. Damals sassen rund um den Bundesplatz Tibeter auf den Dächern der Häuser und protestieren, was den Staatschef beleidigte. Der Besuch hat gezeigt, dass es problematisch ist, ein Land einzuladen, das eine ganz andere Vorstellung hat von Menschenrechten. Der Hauptzweck eines solchen Besuchs ist ja, die Beziehungen zu dem Land zu verbessern oder Probleme zu lösen.
Das Interview führte Nadine Gerber.
Wenn Politprominenz in die Schweiz kommt
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Bild 1 von 17. Im September 1912 besucht der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Schweiz. Die NZZ schrieb damals dazu: «Mit Ehrfurcht und warmer Sympathie begrüsst unser Volk den grossen Beherrscher des mächtigen deutschen Reiches.». Bildquelle: Imago/Archiv.
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Bild 2 von 17. Im September 1946 besuchte der britische Kriegsheld Winston Churchill die Schweiz. In der Aula der Universität hielt er seine grosse Rede zur deutsch-französischen Aussöhnung und zur europäischen Einigung, die mit den berühmten Worten endet: «Therefore I say to you, let Europe arise». Bildquelle: Imago/Archiv.
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Bild 3 von 17. Die britische Königin Elizabeth II. besuchte die Schweiz 1980. Sie reiste hier mit Bundesrat Georges-Andre Chevallaz mit dem Zug. Während ihres Aufenthaltes besuchte sie die Gartenschau «Grün 80» in Basel. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 4 von 17. 1983 kam der damalige Präsident Françcois Mitterand in die Schweiz. Zusammen mit Bundesrat Pierre Aubert reiste der französische Staatsgas mit dem Zug. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 5 von 17. Beim offiziellen Staatsbesuch des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl (2. von links) im April 1989 wird er vom Bundesrat in corpore empfangen. Auf dem Bild sind (von links) die Bundesräte Pascal Delamuraz, Otto Stich, René Felber und Adolf Ogi. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 6 von 17. Der polnische Staatspräsident Lech Walesa weilte 1994 zu einem dreitägigen Staatsbesuch in der Schweiz. Er wurde von Bundespräsident Otto Stich am Flughafen Zürich-Kloten abgeholt. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 7 von 17. 1994 besuchte Bill Clinton als einer der wenigen US-Präsidenten offiziell die Schweiz. Er wurde von Bundesrat Otto Stich begrüsst. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 8 von 17. Der südafrikanische Präsident Nelson Mandela war 1997 in der Schweiz. Auf dem Landgut Lohn bei Kehrsatz schritt er mit Bundesrat Arnold Koller die Ehrengarde ab. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 9 von 17. Vor 17 Jahren betrat zum letzten Mal offiziell ein französischer Präsident Schweizer Boden. Jacques Chirac (rechts) besuchte 1998 unter anderem das Tessin und fuhr mit dem Schiff Piemont von Ascona nach Locarno. Begleitet hat ihn Bundesrat Flavio Cotti. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 10 von 17. Der kubanische Regierungschef und Staatspräsident Fidel Castro weilte im Mai 1998 zu einem Arbeitsbesuch in der Schweiz. Dabei besuchte er eine Käserei auf der Alp am Moleson im Kanton Freiburg. Der «Maximo Lider» kam anlässlich des 50. Jahrestages der WHO und WTO in die Schweiz. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 11 von 17. Zu einem Eklat kam es im März 1999. Beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Jiang Zemin kam es auf dem Bundesplatz zu Protesten gegen die chinesische Regierung. Die damalige Bundespräsidentin Ruth Dreifuss handelte sich von China eine Rüge ein. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 12 von 17. Der Schriftsteller-Präsident zu Besuch: Der damalige tschechische Präsident, Dissident und Autor Václav Havel (links mit Bundesrat Moritz Leuenberger), besuchte im Juni 2001 die Schweiz. Er besuchte die Leuchtenstadt Luzern und sprach auf dem Rütli. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 13 von 17. Im März 2006 besuchte der tschechische Präsident Václav Klaus die Schweiz. Im Bernerhof wurde er von Bundesrat Moritz Leuenberger empfangen. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 14 von 17. 2007: Noch als Prinz Albert II. schritt der heutige Fürst von Monaco die Ehrengarde mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey ab. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 15 von 17. Royaler Besuch im Mai 2011: Der spanische König Juan Carlos und Königin Sophia weilten in der Schweiz und wurden an einem Gala Diner vom Bundesrat in corpore empfangen. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 16 von 17. Kein offizieller Staatsbesuch: Burmas Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi (Mitte) wurde 2012 dennoch von mehreren Bundesräten – hier die Bundesräte Sommaruga, Widmer-Schlumpf und Burkhalter (mit Frau) – zu einem Gala Diner empfangen. Bildquelle: Keystone/Archiv.
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Bild 17 von 17. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck besuchte letztes Jahr die Schweiz. Empfangen wurde er von Bundespräsident Didier Burkhalter auf dem Landsitz Lohn bei Kehrsatz. Bildquelle: Keystone.